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Wenn dir dieser Chevy zu stark ist, bist du zu schwach. Ein kulturelles Lumpenproletariat mit dem Wunsch, sich entweder wie Straßenhuren oder wie Crack-Dealer zu gerieren, sucht und findet im "Colorado Sport" den Wagen zur Musik zum Krieg. Von Karl Bruckmaier

Jedes Mal, wenn ich MTV einschalte, wird ein altes Auto repariert. Früher liefen auf diesem Sender Musikvideos, aber jetzt werden chromglänzende 17-Zoll-Felgen aufgezogen und Halter für Bowling-Kugeln in den Kofferraum implantiert, gleich neben dem DVD-Player mit den Pornofilmen. Und wenn dann einer das Wort "balls" ausspricht, das sowohl die Bowlingkugeln wie auch die Hoden des Fahrzeughalters meinen kann, wälzt sich die Mechaniker-Crew am Boden vor Lachen. Und da andauernd jemand "balls" sagt, dürfte sich die Runderneuerung des jeweiligen Schrotthaufens über Wochen hinziehen. Brüll, lach, wälz.

Chevy Colorado Sport

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Nach der Sendung mit den "balls" kommt die Sendung mit den HipHop-Millionären, die uns durch ihre Garage führen, wo spezialvernickelte italienische Boliden neben mit Diamantstaub überzuckerten Cabrioletten stehen, während das SUV made in USA gar nicht mehr in die doppelhaushälftengroße -- Achtung! -- Nobelherberge für -- mein Gott, ich muss dieses Wort wirklich hinschreiben -- Luxuskarossen passt. Aber kein Problem, zwei "boys from the 'hood", zwei ehemalige Freunde also aus dem alten Viertel, denen jetzt ab und zu mal ein "toter Präsident" hingeworfen wird, also eine Dollarnote, wienern das gute Stück dreimal täglich ab, damit der Smog von L. A. dieser Sonderanfertigung nichts anhaben kann. Irgendwann wird dann immer der Kofferraum aufgemacht und alle wundern sich, wie viele Bassreflexboxen pro Kubikinch doch übereinander gestapelt werden können. Bumm. Boing. Tschak.

Während mir Google weismachen will, dass SUV für Sankt Ulrich Verlag steht, aber jeder Mitteleuropäer, der schon einmal einen Parkplatz in der Nähe einer innerstädtischen Eisdiele gesucht hat, weiß, dass es eigentlich Führerscheinklasse II bedeuten sollte, rollt auf MTV eine neue Herausforderung zu: der "komplett neue", wie es in der Anzeige heißt, Chevy Colorado Sport. Würde ich vor einer innerstädtischen Eisdiele nach einem Parkplatz suchen, hielte ich den Chevy Colorado Sport vermutlich für einen dieser Container, in denen bei uns Asylbewerber untergebracht werden, nur dass die Stadt hier Geld für immens schicke Felgen und eine riesige Ladefläche ausgegeben hat. Von der anderen Straßenseite aus aber könnte ich erkennen, dass es sich um Detroits Antwort auf Wolfsburgs etwas größeren Golf handeln würde -- ich schreibe hier "könnte" und "würde", weil der "komplett neue" Chevy Colorado Sport mit Sicherheit unter jene Sorte waffenscheinpflichtige Hochtechnologie fällt, die ein anständiges Heimatschutzministerium niemals an unsichere Kantonisten wie die Deutschen ausliefern lässt. Unsereinem muss der Blick auf eine Anzeige im amerikanischen Teenager-mit-viel-Geld-aber-nicht-viel-in-der-Birne-Magazin Fader reichen.

Während weiter hinten im Heft psychedelischer Schwedenrock und mit Reggaeton ein neuer HipHop-Trend im niemals, niemals negativen Plauderton gefeiert werden, gehört die erste Doppelseite dem -- sprechen Sie diesen Namen ruhig einmal laut aus -- Chevy Colorado Sport. Gut, wir Deutsche assoziieren hier vielleicht etwas zu viel Lakritz und quadratisch, praktisch, gut -- aber der Name des Wagens steht eh eher klein in der rechten unteren Ecke der Anzeige, während sich über einen halb blauen, halb mit grauen Regenwolken überzogenen Himmel die Zeile schiebt: "An American Revolution". Unter den haushohen Lettern und vor einer Front getagter, also mit Graffiti-Kürzeln versehener Lagerhäuser steht er dann samt "slammed and tuned suspension", eine Kühlergrill gewordene Bedrohung: Man kann die Kinderkörper förmlich durch die Luft wirbeln sehen, wenn der Bremsweg trotz der sicherlich fantastischen "all-new" Bremsanlage mal zu lang sein sollte.

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  1. Sie lesen jetzt Stell dir vor, es ist Krieg - und jeder fährt mit.
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