Pop Gelassen desillusioniert

Autorin, Kritikerin und Sängerin Christiane Rösinger, die klügste Nörglerin des deutschen Pop, hat das Nörgeln satt. Jetzt gibt's "Lieder ohne Leiden".

Von Josef Wirnshofer

Christiane Rösinger hat das Jammern satt. Hat keine Lust mehr, über zerbrochene Beziehungen zu singen, über die Scheißtypen, die nicht mehr an sie denken. Zwischendurch hatte Rösinger auch das Musikgeschäft satt, nach ihrem Solodebüt "Songs Of L. And Hate" (2010) zwei Bücher geschrieben und das Songwriting eine Zeit lang sein lassen. Doch Überdruss hin oder her, sie kann nicht anders: "Weil ich melancholisch bin, nehm ich das alles schwer / und weil ich musikalisch bin, gibt das ein paar Lieder her", wie sie ihr zweites Album nun eröffnet. Es heißt und soll enthalten: "Lieder ohne Leiden" (Staatsakt).

Klingt erst mal widersprüchlich, wollte Christiane Rösinger mit "Songs of L. and Hate" schließlich noch "die traurigste Platte aller Zeiten" machen. Der Titel will auch nicht so recht zu der Berlinerin passen, die dem deutschen Pop einige der herrlichsten schlecht gelaunten Zeilen geschenkt hat. "Pärchen stinken, Pärchen lügen / Pärchen winken und fahr'n nach Rügen" ("Die Pärchenlüge"), krähte sie 1991 mit Almut Klotz bei den Lassie Singers.

Auch in ihrem Großstadt-Chanson "Berlin" hat sie genüsslich Säure vergossen, diesmal über die dortige Latte-Macchiato-Bohème: "Wenn die Ökoeltern sich zum Brunchen treffen / und die Arschlochkinder durch die Cafés kläffen / (. . .) Ja, dann sind wir wieder in Berlin."

Es fällt also schwer, sich eine leichtfüßige, am Ende sogar beschwingte Christiane Rösinger vorzustellen. Und freilich, so ganz ohne Leiden kommt sie auch diesmal nicht aus. "Das Schwermütige hat einfach mehr Gehalt", sagt sie. Trotzdem: Christiane Rösinger klang selten gelöster.

"Das Schwermütige hat einfach mehr Gehalt." - Christiane Rösinger

(Foto: Doro Tuch)

Das liegt vor allem an dem wattigen, zurückgelehnten Sound, den Andreas Spechtl den neun Stücken verpasst hat. Wie schon "Songs of L. and Hate", hat Rösinger auch ihre neue Songsammlung mit dem Ja, Panik-Sänger produziert. In "Lob der stumpfen Arbeit" lässt Spechtl eine melodieverliebte Gitarre um Rösingers Gesang tänzeln. In "Joy of Ageing" verbreitet eine gleißende Akustische etwas Glitzer, während die 56-Jährige singt: "Alles Essig, alles Mist / wenn du aus Schwermut Forest bist", die Stimme dabei in der gewohnt knatschigen Och-nö-Tonlage.

Für die Aufnahmen haben Christiane Rösinger und Andreas Spechtl sich im vergangenen Frühjahr einmal die Woche verabredet. Die Sängerin musste zu jedem Treffen einen neuen Song mitbringen, "ohne Deadline geht bei mir gar nichts". Spechtl hat seine Parts dann um Rösingers Strophe-Refrain-Gerüste arrangiert und nahezu alle Instrumentalspuren des Albums eingespielt. "Wenn Andreas die Sachen spielt, klingen sie viel besser", sagt Rösinger, "ich selber spiele ja eher so eine Lagerfeuer-Gitarre". Während die "Songs of L. and Hate" kantiger waren, das Klavier gerne mal verkatert durch Stücke wie "Berlin" torkelte, federn die "Lieder ohne Leiden" beinahe. Nur bei "Eigentumswohnung" greift Spechtl etwas rabiater in die Saiten, tritt die Bassdrum etwas zorniger. Rösinger schlüpft derweil in die Rolle linker Wohlstandskinder, die sich der Glaubwürdigkeit halber zum Prekariat zählen, dann aber doch Mama und Papa die Wohnung bezahlen lassen: "Wir müssen auch an das Alter denken / die Eltern wollten's uns halt unbedingt schenken / wir haben leider keine andere Wahl / wir thematisieren das ja selber manchmal."

Vertonte Rempler wie die "Eigentumswohnung" rufen einem schnell ins Gedächtnis, was Christiane Rösinger für den Pop hierzulande ist: eine Mischung aus Indie-Mama und Gundel Gaukeley.

Einerseits Zeugin einer Zeit, in der man auf Albumcovern und Promo-Fotos noch geraucht, im Tourbus noch Kassetten durchgenudelt hat. Eine, die dementsprechend fremdelt mit der Art, wie Pop heute vermarktet wird: "Die jungen Bands haben inzwischen ja überhaupt keine Zeit mehr, die müssen ständig Videos für Facebook drehen, dieses Networking widert mich total an."

Andererseits ist Rösinger die deutsche Songschreiberin, die bis heute am dringlichsten (und dabei unterhaltsamsten) gegen das Männergebalze im Pop ätzt. Diesmal in "Was jetzt kommt": Ein Akkordeon schunkelt die Herren von der Bühne, Rösinger trällert ihnen süßlich hinterher, dass sie "Diversity und Gendertheorie" nie verstehen werden - und holt im Chor mit ihrer Tochter Virginia zum finalen Tritt aus: "Nehmt es wie ein Mann und sagt goodbye." Trotzdem bleibt das Stück für Christiane Rösinger eine Utopie: "Dieses Jungstum in der Musik ist einfach nicht auszurotten, auch wenn es Künstlerinnen wie Rihanna, Lady Gaga oder Beyoncé gibt." Ziemlich erstaunlich, wie gelassen "Was jetzt kommt" trotz aller Desillusion klingt.

Eine Gelassenheit, die einem aus "Lieder ohne Leiden" immer wieder entgegenblinzelt. Die womöglich auch daher kommt, dass Christiane Rösinger sich von der Dauerkreativität losgesagt hat.

Seit 2015 gibt sie Geflüchteten Sprachunterricht, sie sagt: "Ich habe so lange um einen Stellenwert in der Indie-Musik gekämpft, seit ich einen Brotjob habe, ist mir das egal. Mit dem Musikmachen verdient man eh kein Geld."

Das klingt nach einer nüchternen Bilanz, hat auf Rösinger aber befreiend gewirkt, wie auch in ihrem Buch "Zukunft machen wir später. Meine Deutschstunden mit Geflüchteten" (Fischer, erscheint an diesem Donnerstag) zu lesen ist. Sie beschreibt darin unter anderem, wie sehr sie regelmäßige Arbeitszeiten genießt, ihren Kolleginnenkreis und die Tatsache, nun 16 Semester Germanistikstudium doch noch einem Zweck zuzuführen.

Es sei Christiane Rösinger also gegönnt, dass sie so manches Pop-Ärgernis nicht mehr an sich ranlässt: "Sollen sie alle ihre blöden Jungsbands gründen, ich reg mich darüber nicht mehr auf." Nur fragt man sich nach "Lieder ohne Leiden" einmal mehr: Wer soll es sonst machen?