Pop Ein Fest für Dylanologen

Ein Fest für alle Dylanologen: Notizbücher mit Zeilen für "Blood On The Tracks".

(Foto: Shane Brown/New York Times)

Bob Dylans Privatarchiv geht für 15 Millionen Dollar an die Universität Tulsa in Oklahoma. Das gibt Pop den gleichen Stellenwert wie Literatur und Klassik.

Von Lothar Müller

Die Philologisierung der populären Musik kommt weiter voran. Nach einem Bericht der New York Times haben die Universität Tulsa und die Stiftung des Milliardärs George Kaiser, der als reichster Mann Oklahomas gilt, eine Sammlung von 6 000 Dylan-Archivalien gekauft. Zum Preis von geschätzten 15 bis 20 Millionen Dollar. Das Material befindet sich derzeit auf dem Weg nach Tulsa, wo es zunächst zwei Jahre lang katalogisiert und digitalisiert wird, bevor es in der Nähe des örtlichen Woody Guthrie Centers öffentlich ausgestellt werden soll.

In einer kurzen Pressemitteilung ließ der Meister selbst wissen, dass er froh sei, dass die Dokumente, die so lange gesammelt worden seien, nun endlich eine Heimat gefunden hätten neben den Werken Guthries und besonders an der Seite von Kunstwerken eingeborener Amerikaner: "Das erscheint mir sehr sinnvoll und ist eine große Ehre."

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Der Songwriter ist Autor seiner Songs im doppelten Sinn: als Komponist und als Schriftsteller

Der Umfang der Sammlung hat selbst Experten, die seit Jahren über ein "geheimes Archiv" Dylans spekulierten, überrascht. Laut New York Times enthält sie Dokumente aus allen Schaffensperioden, unter anderem die frühesten Aufnahmen Dylans aus dem Jahr 1959, Notizbücher aus der Zeit der Arbeit an seinem 1975 erschienenen Album "Blood on the Tracks", aber auch eine Geldbörse aus dem Jahr 1966 mit der Telefonnummer und der Adresse von Johnny Cash, eine Visitenkarte von Otis Redding und die Lederjacke, die Dylan bei seinem Auftritt beim Newport Folk Festival trug, bei dem er als Verräter beschimpft wurde, weil er auch zur elektrischen Gitarre griff. Es hat sich eingebürgert, im Blick auf die Fankultur um Bob Dylan, ihre Dechiffriersyndikate und Kommentarorgien zu Auftritten und Songs, von "Dylanologie" zu sprechen und bei den Objekten ihrer Sammelleidenschaft von "Devotionalien".

Dylan beim Newport-Festival mit Lederjacke.

(Foto: Alice Ochs/Getty)

"Dylanologie" klingt nach Personenkult und nicht ganz ernst zu nehmendem Deutungsfuror selbst ernannter Experten, wie beim Begriff "Kreml-Astrologie". Das ist aber nur die eine Seite, die der Privatarchive. Jetzt aber soll das Privatarchiv von Bob Dylan zu einem öffentlichen, an die Universität von Tulsa angeschlossenen Archiv werden, zu einem Forschungsarchiv mit den üblichen Zugangsregeln und -beschränkungen. Darin steckt ein ziemlich normaler Prozess. Die kulturelle Aufwertung, die Blues, Rock- und Popmusik in den vergangenen Jahrzehnten erfahren haben, geht mit der Indienstnahme von Kanonisierungstechniken einher, wie sie seit Langem schon für die klassische Musik und Literatur gelten. Archivierung und philologische Erschließung spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Wie Dylan nun einen wichtigen Teil seines "Vorlasses" nach Tulsa gibt, geben deutsche Autoren nicht selten schon zu Lebzeiten ihren Vorlass nach Marbach. Mit dem Selbstbild als "Songwriter", das Dylan in seinen autobiografischen "Chronicles" (2004) von sich entwirft, hat das unmittelbar zu tun. Denn der Songwriter ist nicht einfach nur "Liedermacher", er ist der Autor seiner Songs im doppelten Sinn: als Komponist und als Schriftsteller. Es ist kein Zufall, dass es von Bob Dylan so viele Fotografien gibt, auf denen er etwas in die Schreibmaschine tippt. Und ebenso wenig ist es Zufall, dass er die Typoskripte, handschriftlichen Entwürfe und Überarbeitungen seiner Texte so umfassend gesammelt hat.

Es ist kein Zufall, dass die Illustrationen zu diesem Artikel so aussehen, als handelte er vom Literaturarchiv in Marbach. Man muss die Differenz von "lyrics" und "poetry" nicht einebnen, um den in Dylans "Vorlass" enthaltenen Anspruch auf Autorschaft ernst zu nehmen. Den Verkauf der nun nach Tulsa gehenden Archivalien - es sind vor allem Bild- und Schriftdokumente - hat der New Yorker Antiquar Glenn Horowitz eingefädelt, der auch mit den Nachlässen von Norman Mailer, John Updike und Kurt Vonnegut befasst war. Die Archivierung der schriftstellerischen Seite des Songwriters Dylan zieht nun gleich mit der Tendenz zur "historisch-kritischen" Präsentation seiner Musik: in dicken Booklets voller Überlieferungskommentare, unter Einschluss aller Varianten, Outtakes und irgendwann irgendwo aufgenommenen Live-Versionen.

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Man könnte auch sagen: Dylans Songs kehren ins Archiv zurück. Er hat in den "Chronicles" beschrieben, wie er monatelang im Zeitungsarchiv der New York Library saß, um sich mit den O-Tönen der Geschichte seines Landes zu imprägnieren.