Pop Die Idee ist gut

Leute, ihr habt's echt noch nicht kapiert, oder? - Rihanna 2015.

(Foto: Rich Fury/AP)

Popsängerin Rihanna hat eine Menge Aufwand und ebenso viel Geld in ihr neues Album gesteckt. Das lohnt sich für sie, aber lohnt es sich auch für den Hörer?

Von Jens-Christian Rabe

Also das ist erst mal die Fallhöhe: Mit 180 bis 200 Millionen verkauften Tonträgern gehört die 1988 auf Barbados geborene Popsängerin Robyn Rihanna Fenty alias Rihanna zu den zehn bis fünfzehn erfolgreichsten Künstlern, die die Popgeschichte bislang hervorgebracht hat. Abgesehen von der 1989 geborenen Amerikanerin Taylor Swift befindet sich in dieser Gesellschaft nur noch der altehrwürdigste, aber naturgemäß nicht mehr ganz so umtriebige Hochadel des Geschäfts: die Beatles, natürlich, Elvis, Michael Jackson, Madonna, Elton John, Led Zeppelin, Pink Floyd, Queen, die Rolling Stones, ABBA und so weiter. Rihanna Superstar.

Und wie es sich für einen Superstar gehört, wurde im Vorfeld ihres nun erschienenen, achten Studio-Albums "Anti" (Westbury Road/Roc Nation) auch über alles mögliche Superaufregende geredet: über den Samsung-Deal zum Beispiel aus dem vergangenen Jahr, der Rihanna nicht nur 25 Millionen Dollar einbrachte, sondern auch garantierte, dass zwei Tage nach der Veröffentlichung schon gemeldet werden konnte, dass "Anti" über eine Million Mal verkauft wurde. Nämlich an Samsung, das die Platte wiederum an ihre Kunden verschenkte. Sapperlot.

Ach, und nicht zu vergessen: Das Ding wurde natürlich nicht plötzlich brav bloß in irgendeinem Online-Musikshop und im Plattenladen feilgeboten. Es wurde über Tidal "verschenkt", dem Streaming-Dienst, an dem sie selbst beteiligt ist. Und der ihrem Entdecker und Mentor Jay-Z gehört, der im Übrigen auch der Eigentümer und Gründer des Labels Roc Nation ist, bei dem Rihanna unter Vertrag steht.

Wenn das Album also ein Geschenk ist, dann ein Werbegeschenk, dass sie sich selbst und Jay-Z gemacht hat. Das nur als kleine Fußnote zum Protokoll des Wahnsinns, das Neuigkeiten von Stars dieses Kalibers inzwischen begleitet. Anders gesagt: Es wurde ganze Arbeit am großen Traum der Musikindustrie geleistet, vielleicht sogar am großen Traum aller Industrien im Zeitalter der ewigen Krise des Kapitalismus. Dieses Produkt ist nicht nur völlig unabhängig davon ein Erfolg, ob es jemanden gefällt. Es ist sogar völlig unabhängig davon ein Erfolg, ob es noch jemand kauft. Im Grund ist es sogar unabhängig davon ein Erfolg, ob es jetzt noch jemand hört.

Im Kern dieses Werks ist die Kunst, dass die auch hiermit brav überbrachte Botschaft maximal klar ist, dass bei Superstar Rihanna weiter alles super läuft, damit dem nächsten lukrativen Konzern-Deal nichts im Weg steht. Wie hieß gleich noch mal die zweite (und übrigens wirklich fantastische) der drei Hit-Singles, die Rihanna 2015 veröffentlichte und die nun allesamt auf dem neuen Album fehlen: "Bitch Better Have My Money". Yes, ma'am.

Über die flächendeckend mauen Kritiken, die "Anti" bislang bekam, sieht man Rihanna und Jay-Z deshalb nur ganz müde aus ihren CEO-Sesseln lächeln mit diesem Blick, der in etwa so viel sagt wie: "Leute, ihr habt's echt noch nicht kapiert, oder?"

Einerseits. Andererseits reicht schon ein Blick auf die Liste der Beteiligten, um zu erkennen, was dann doch für ein gigantischer Aufwand betrieben worden sein muss für dieses neue Album. Bei keinem der dreizehn Songs waren weniger als drei Songwriter und weniger als zwei Produzenten beteiligt. An "Needed Me" haben laut Beipackzettel sogar zehn Songwriter und vier Produzenten gearbeitet. Die reinen Produktionskosten für einen einzigen Song belaufen sich bei Chart-Stars heute gerne auf mehr als 100 000 Dollar, allein der Coach, der bei den Gesangsaufnahmen dabei ist, bekommt bis zu 15 000 Dollar. Am Tag. Es werden Camps veranstaltet, bei denen auch mal zehn Songwriting-Teams parallel in zehn Studios sitzen - um im Zweifel Songs zu liefern, die es dann doch nicht auf's Album schaffen.

Im Angesichts dieses Aufwands müssen also ein paar Worte zur Musik erlaubt sein, wenigstens für die Unverbesserlichen, die sich bei einem neuen Album tatsächlich immer noch vor allem dafür interessieren, was denn da nun zu hören ist und ob das womöglich etwas taugt.

Nun, der erste Song "Consideration" beginnt mit einem tollen wuchtig-polternden, schön angekratzten Hip-Hop-Beat sehr prächtig, dann sprechsingt Rihanna in Barbados-Patois darüber, in ihrem typisch kristallin-gellenden Ton, der so famos zeitgenössisch tänzelt auf der Grenze zwischen androider Kälte und schnoddrig-selbstbewusster Soulpower - aber dann kommt das Ganze nicht mehr so recht von der Stelle. Einer sehr sorgfältigen Skizze bleibt "Consideration" näher als einem Hit. Und ein wenig gilt das dann auch für alles weitere. In den Details stimmt fast alles: gefeierte Beat-Zauberer wie DJ Mustard ließen die Tonspur flattern ("Needed Me"), Produzentengenies wie Timbaland zogen massive Synthie-Flächen ein ("Yeah, I Said It") und Psychedelic-Samples von Hipster-Königen wie der Band Tame Impala wabern durch die Gegend ("Same Ol' Mistakes"). Aber es entsteht nichts wirklich Unwiderstehliches dabei. Sollten Hits also bis auf weiteres doch nicht planbar sein? Oder drängte Samsung zu früh zur Veröffentlichung? Oder - beliebte Interpretation, wenn ein Album eines jungen Stars teuer und seriös klingt, echte Knaller aber fehlen - will Rihanna erwachsen werden? Bitte noch nicht!