Pop Der Strandrapper von Los Angeles

Aus dem Schatten von Kendrick Lamar und Dr. Dre: "Malibu" von Anderson Paak ist der erste Pop-Höhepunkt des Jahres.

Albumkritik von Jens-Christian Rabe

So richtig wild rollte die Welle der neuen Popveröffentlichungen im neuen Jahr bislang noch nicht. Auch der Indiepop-Seufzer, Songwriter und Multiinstrumentalist Jack Garratt, der gerade erst gekürte Gewinner der viel beachteten BBC-Sound-of-2016-Umfrage unter 144 Branchenexperten nach dem vielversprechendsten britischen Newcomer, ist keine besonders aufregende Wahl.

Aber wen interessiert das jetzt schon noch? Am Freitag erschien schließlich "Malibu", das zweite Album des 1986 in Kalifornien geborenen Rappers und Produzenten Brandon Paak Anderson alias Anderson Paak, womit das junge Jahr seinen ersten Pop-Höhepunkt hat.

Man denkt natürlich sofort an Kendrick Lamar, den König des zeitgenössischen Rap

Ganz famos hat sich Paak da durch den Soul, Funk und Jazz der Siebziger hindurchgewühlt, einige supertiefe, aber natürlich schön elastische Bassläufe und knisternd-nervöse Patsch-Beats gesammelt und alles dann zu sehr entspannten Rapsodien neu zusammengebaut. Seine leicht angekratzte Stimme kippt sogar immer mal wieder in warmen, aber nie zu beflissen-akrobatischen Soulgesang, der Mann beherrscht eindrucksvoll das ganze Repertoire der schwarzen Musik.

Einer breiteren Öffentlichkeit ist er ein Begriff, seit er auf Dr. Dres' im vergangenen August erschienenen jüngstem Album "Compton" gleich an sechs Songs beteiligt war. So werden Newcomer eingeführt. Ansonsten denkt man natürlich sofort an den König des zeitgenössischen Rap Kendrick Lamar und dessen Meisterwerk "To Pimp A Butterfly", das überragende Pop-Album 2015.

"Malibu" ist allerdings der deutlich weniger avantgardistische, der zugänglichere, zurückgelehntere Bruder - und doch nie eine dieser billigen Kopien, mit denen handwerklich versierte, aber uninspirierte Schlitzohren nach epochalen Platten versuchen, die Welle auf dem Trittbrett zu reiten. Was also Song-Glücksfällen wie "The Season/Carry Me" oder "The Dreamer" oder "Room In Here" womöglich an Biss und Dringlichkeit fehlt, macht mühelos die Art wett, wie sie einem durch ihre bloße kompositorische und klangliche Sorgfalt zwischen die Ohren schaukeln. Das Sanfte, Warme ist ja oft das Allerschwerste im Pop, weil dabei hinter jeder Note der klebrigste Emokitsch lauert. Hier nicht.

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