Pop Den Teufel von der Leiter stoßen

Der jamaikanische Produzent Lee Scratch Perry ist ein Pionier des Reggae, Ska, Dub und Hip-Hop. Auch mit 81 Jahren tourt er noch und gibt formvollendet den verrücktesten Kerl der Popgeschichte. Eine Begegnung.

Von Jonathan Fischer

Am Anfang steht eine Enttäuschung. Lee "Scratch" Perry, der Mann, von dem Keith Richards behauptet, er sei ein Geheimnis und die Welt sein Instrument, ist keineswegs vor Banalitäten sicher. Zwar mag er behaupten, vor ungefähr 75 000 Jahren vom Planeten Sirius gekommen zu sein. Er mag mit seinen rot gefärbten Haaren, der mit Strasssteinen und Haile-Selassie-Porträts geschmückten Baseballkappe und seinem zu großen Jackett über der FC-Bayern-Trainingshose tatsächlich einigermaßen außerirdisch wirken (und dann sind da ja noch all die Geschichten, wie Perry Anfang der Achtzigerjahre Bananen anbetete, einen Felsen als sein Raumschiff ausgab oder wochenlang mit einem von Maden bevölkerten Stück Fleisches auf dem Kopf durch Kingston lief, angeblich um Dämonen zu vertreiben). Doch jetzt geht es nur um schlechten Leim! Als der drahtige Greis nach einem Auftritt im Münchner Club "Blitz" auf den Boden seiner Garderobe zeigt, wo ein paar Spiegelscherben herumliegen - sie sind ihm von seinen Motorradstiefeln abgefallen - gibt es dafür keine metaphysische Erklärung, sondern nur ein kurzes Nicken in Richtung seines Sohnes und Road-Managers: "Besorg mir besseren Klebstoff!"

Gabriel, Lee Perrys Sohn aus dessen später Ehe mit einer vermögenden Schweizer Ex-Domina, sammelt wortlos die Spiegelfragmente ein, legt seinem Vater einen Arm um die Schulter und lotst ihn fast zärtlich zu einer Foto-Session ein paar Gänge und Treppen weiter. Hier, im Lichtschirm des Fotografen spielt Perry routiniert den verrückten Kerl. Der gerade mal 1,50 Meter große Musiker schneidet Fratzen, formt mit seinen runzligen Fingern Brillen und fordert vom Fotografen, gefälligst auch seine nicht mehr ganz vollständigen Schuh-Kunstwerke abzulichten.

Den seltsamen Typen spielt er nur, um sich lästige Menschen vom Hals zu halten

Aber eigentlich ist er kein Verrückter. Er ist eher der Verrücker. Ein "Upsetter", der in den vergangenen fünf Jahrzehnten einige Musik-Maßstäbe verschoben hat. Zuerst erfand er den Reggae, dann lernten Bob Marley und seine Wailers bei ihm, und in seinem legendären Black Ark Studio in Kingston nahm er dank Samples und geschichteten Tonspuren die Produktionstechnik des modernen Pop vorweg. Den verrückten Typen spiele er nur, so wird er später erklären, um sich lästige Menschen vom Hals zu halten.

Ob er jetzt bereit sei für ein paar Fragen? Immerhin hat er gerade ein neues Album, "Super Ape Returns To Conquer", mit dem er noch mal an vorderster Front des Pop mitmischen will. "Der Bär wartet auf den fliegenden Fisch, wartet, dass er aus dem Meer springt", menetekelt der alte Mann. Im Original genuschelt klingt das allerdings noch besser: "The bear goes upstairs and the bear swear and take some beer ... sure to catch the fish, while it flies to the ear." Ein Interview mit Lee Perry gleicht dem Versuch, Wasser mit einem Sieb einzufangen. Immerhin hat er diesmal kein Geld verlangt. Heute lässt er sich sogar bereitwillig auf einen Stuhl bitten und ein Mikrofon vor die Nase halten: "Lass uns reden, no problem." Sofern man seine Monologe als Reden bezeichnen kann.

Fast alle seine Antworten sind gereimt. Und wenn sich auch keine vordergründige Logik erschließt, dann wimmeln sie doch vor Anspielungen: "Gott gab mir Tierkraft und Pflanzenkraft, er gab mir Kraft, zu atmen und zu hören." Dann bläst er in ein kleines Plastik-Saxofon, das neben zahlreichen Amuletten um seinen sehnigen Hals baumelt.

Dub bedeutet: enorme Halleffekte und durch den Raum stakende Bassmonster

Gerade ist der 81-jährige Reggae-Pionier noch zwei Stunden lang auf der Stelle gehüpft, und hat sein Publikum mit irren Reimen in eine Welt entführt, wo Tiere sprechen, Teufel tanzen und die Gerechten durch einen babylonischen Sündenpfuhl waten. Toasting heißt in Jamaika diese Art von Sprechgesang. Perry hat diese Frühform des Rap bereits Anfang der Siebzigerjahre populär gemacht. Genau wie die verwaschenen Echos und das gesampelte Kuh-Muhen. Diese Musik ist nicht für den Frontallappen gemacht, sondern für das Stammhirn. Die tiefen Frequenzen aus dem Laptop von Perrys Schüler und DJ Mad Professor bringen Hirne und Hosenbeine zum Flattern, fluten das Rückenmark, lindern jeden Schmerz. Dub bedeutet: Vokalspuren, die beliebig ein- und ausgefädelt werden, enorme Halleffekte und durch den Raum stakende Bassmonster. Perry war einer der Ersten, die Songs in ihre Einzelteile zerlegten, ausweideten, mit Samples anreicherten und wieder neu zusammensetzten. Heute gilt all dies als Basis des Hip-Hop, der elektronischen Musik und fast jeder modernen Pop-Produktion. Damals aber hatte der jamaikanische Produzent vor allem eines im Sinn: spirituelle Potenz. Medizin. Einen Tunnel zu bauen in die ferneren Bereiche des Bewusstseins.

"Ich habe eine heilige Musik geschaffen", erklärt der Mann und streicht sich durch seinen hennarot gefärbten Bart. Und ja, er halte sich für ein göttliches Gefäß. Sein Auftrag: Frieden und positive Schwingungen verbreiten - und "den Teufel von der Leiter stoßen". Vieles, was Perry sagt, hat seine Wurzeln im Rasta-Glauben, einer von ehemaligen Sklaven gegründeten christlichen Sekte, die sich auf Afrika, das rituelle Rauchen von Ganja und den angeblich von der Bibel prophezeiten äthiopischen Kaiser Haile Selassie beruft. "Mein Geheimnis? Ich bin kein menschliches Wesen, sondern ein Moskito, und manchmal auch ein Fisch. Mein Metier sind Wasser-Wissenschaft, Wasser-Erziehung, Wasser- Erscheinungen." Meckerndes Gelächter. Warum sollte einer, dessen Songs sich auf die unfassbare Geschichte von Millionen Sklaven beziehen, diese nicht mit ebenso unfassbaren Bildern einfangen?

Sicher ist auf jeden Fall, dass Rainford Hugh Perry am 20. März 1936 in der Gegend von Kendal, Jamaika, zur Welt kam. Seine Mutter arbeitete auf einer Zuckerrohrfarm, sein Vater als Straßenarbeiter. Mit 20 Jahren verlässt er sein Dorf in Richtung Kingston, wo er im legendären Studio One einen Job als Bote annimmt. Dass Perry auch ein begnadeter Songwriter ist, beweist er erstmals 1965 mit der Tanznummer "Chicken Scratch". Damit hat er seinen Spitznamen weg, wird aber, wie alle anderen auch, um sein Geld betrogen. So verlässt er 1966 das Studio im Streit und nennt sich fortan "Upsetter". Drei Jahre später veröffentlicht er "People Funny Boy". Der Song gilt mit seinem verlangsamten Tempo nicht nur als erste Reggae-Nummer, er sampelt auch Babygeschrei - und weist damit bereits in Richtung der surreale Klangcollage. Im selben Jahr kommt schließlich auch ein frustrierter junger Sänger auf der Suche nach dem ersten Hit in Perrys Studio: Bob Marley, der gerade aus einer Autofabrik in Delaware nach Jamaika zurückgekehrt ist. Perry erfindet Marleys Musik noch einmal neu, indem er ihn, Peter Tosh und Bunny Wailer die Mysterien des Rasta-Glaubens lehrt und ihre Gesänge zum Gegenpol seines dreckigen, aufmüpfigen Sounds macht.

Robert Palmer, Gregory Isaacs und Paul McCartney pilgern in sein Studio

Zwei großartige Alben - Marleys beste - entstehen aus dieser Zusammenarbeit, mit Songs wie "Small Axe", "Sun Is Shining", "Soul Rebel" oder "Duppy Conqueror". Finanziell fühlen sich Marley und die Wailers von Perry aber übers Ohr gehauen. Dennoch suchen sie bei ihm auch nach der Trennung immer wieder spirituellen Rat: "Perry war der Einzige, den Bob in jeder Hinsicht respektierte", sagt sein späterer Produzent Chris Blackwell. Während Blackwell viele der Perry-Nummern für den Mainstream begradigt und Bob Marley zum Superstar heranzieht, konzentriert sich Perry auf sein Kerngeschäft: die Produktion von Dub-Versionen. Was macht es schon, dass er Musik weder schreiben noch lesen kann? Er komponiert am Mischpult, splittet die Rhythmen auf, schichtet auf vier Spuren Musik, die andere nicht mal mit 32 Spuren hinbekommen.

1973 baut er sich in seinem Hinterhof in Kingston sein eigenes Laboratorium, das Black Ark Studio. Hier destilliert er einen ganz neuen Sound. Psychedelischen Reggae. Warme Melodien mit paranoider Kante. Perry kifft, trinkt, sitzt Tag und Nacht über seinen Bandmaschinen und holt eigenen Angaben nach "Klänge aus dem eigenen Körper". Paul McCartney, Robert Palmer und Gregory Isaacs pilgern in Perrys Hinterhof. Warum er während einer Depression 1978 das Studio mitsamt dem Inventar abfackelt, bleibt bis heute sein Geheimnis. Und doch ist genug Großartiges geblieben: Alben mit den Heptones und den Congos, Max Romeos "War Ina Babylon" oder Junior Murvins "Police And Thieves", Rasta-Protest-Hymnen, die The Clash veranlassen, mit Lee Perry ins Studio zu gehen, und die noch Jahrzehnte später die Beastie Boys zu ihrem Meisterwerk "Hello Nasty" inspirieren.

"Super Ape Returns To Conquer" gibt nun mit seinen drückenden Bässen, harten Hip-Hop-Beats und Ethio-Jazz-Bläsern der typischen düsteren Voodoo-Brühe des Meisters eine ganz neue Dringlichkeit. Allein die Neufassungen von "Chase The Devil" und "War Ina Babylon" sind eine Offenbarung. Der alte Mann ließ es sich dabei nicht nehmen, die Geräusche von Scheren, brennendem Papier und einem berstenden Glaskelch in den Mix zu rühren.