Polnische Literatur Vernichtung des Eros

Dominik Rettingers Roman "Kommando Puff" wagt sich an ein heikles Thema, er erzählt vom Lagerbordell in Auschwitz. Das Wagnis gelingt, das bisher nur inPolen erschienene Buch sollte übersetzt werden.

Von Thomas Urban

"Der Häftlg. Nr. XY bittet gehorsamst, das Bordell besuchen zu dürfen." Die Gebühr beträgt zwei Mark, dann darf der Häftling sich in die Reihe der sexhungrigen Zwangsarbeiter einreihen, die vor einer Baracke im Konzentrationslager Auschwitz I Schlange stehen. In den letzten Jahren haben deutsche wie polnische Historiker Studien zu diesem unbequemen Kapitel vorgelegt, dabei auch die Berichte von überlebenden Frauen ausgewertet. Dominik Rettinger, in Polen bekannt geworden durch den auch ins Deutsche übersetzten Agententhriller "Die Klasse", hat nun als erster den Versuch unternommen, dieses düstere Thema literarisch zu gestalten.

Er wählt für seinen bisher nur auf Polnisch erschienenen Roman eine bewährte Struktur: Rahmenhandlung und Binnenerzählung. Letztere bilden die Memoiren der polnischen Jüdin Elisa. Gemeinsam mit einem Kumpan erpresst die gebildete junge Frau an der französischen Riviera reiche Männer. Sie lässt sich von ihrem Opfer zu einem Schäferstündchen in dessen Hotelzimmer einladen. Dann stürzt der Kumpan in das Zimmer und fotografiert die bereits Entkleideten. Um einen Skandal zu vermeiden, zahlt der Mann für den Film. Im besetzten Frankreich gerät sie in die Fänge der SS, dass sie Jüdin ist, kann sie verheimlichen.

In Auschwitz wird sie Zeugin, wie Mithäftlinge totgeschlagen werden oder an Entkräftung sterben. Ihre Anpassungsfähigkeit und ihr Zynismus helfen ihr durcheinen Alltag voller Gewalt und Erniedrigung. Sie arbeitet in einer Baracke, in der die Kleidung der neuangekommenen Häftlinge nach Wertsachen durchsucht wird, aber die Todesrate ist auch in dieser Baracke hoch. Deshalb meldet sich Elisa freiwillig für das neu eingerichtete Lagerbordell. Sie überredet auch eine junge Mitgefangene, sich zu melden. Die junge Frau aus gutem Hause weiß nicht, was auf sie zukommt und zerbricht daran. Der Alltag im Kommando Puff, wie die SS-Schergen es nennen, ist mit geradezu dokumentarischer Präzision geschildert. Die Frauen werden besser verpflegt, sie dürfen sich die Haare wachsen lassen, sich sogar schminken und bekommen Zivilkleidung - getragen zuvor von in die Gaskammern getriebenen Jüdinnen.

Das Bordell dürfen nur "arische" KZ-Häftlinge besuchen, die sich bei der Zwangsarbeit besonders ausgezeichnet haben. Sie müssen sich vor dem Sex waschen, kein Reden, kein Streicheln, kein Küssen, nur Missionarsstellung, was durch ein Guckloch kontrolliert wird. Zeit: fünfzehn Minuten. Verhütungsmittel gibt es nicht, bei Abtreibungen kommen mehrere Frauen zu Tode, andere werden durch Röntgenstrahlen auf brutalste Weise sterilisiert. Doch die Schilderung überschreitet nie die Grenze zum Ordinären, Voyeuristischen oder gar Pornographischen. Auch sind die vorgeblichen Memoiren Elisas frei von philosophischen Überlegungen. Sie will nur überleben, wie auch die Kapos, die Funktionshäftlinge, die ihre Schicksalsgenossen im Auftrag der SS quälen. Dem Leser drängt sich die Frage auf, wie er in einer existenziellen Notlage handeln würde, in der die Grenzen zwischen Opfern und Tätern verschwimmen. Der Roman ist somit ein moralisches Denkstück, ohne nur einen Satz lang zu moralisieren.

Sein Handwerk hat Rettinger als Drehbuchschreiber gelernt. Die Szenen- und Perspektivwechsel erinnern an Filmschnitte, Dialoge treiben die Handlung voran, der Spannungsbogen hält von der ersten bis zur letzten Seite der Rahmenhandlung.

Diese ist im Sommer 1967 in Israel angesiedelt, wenige Tage nach dem Sechs-Tage-Krieg. Eine ältere Deutsche namens Anna sucht in Jerusalem nach Elisa. Darum hat ihr Sohn Wolfgang sie gebeten, der in West-Berlin in Untersuchungshaft ist. Als SS-Offizier war er in Auschwitz verantwortlich für das Kommando Puff. Er machte Elisa zu seiner Geliebten - nun hofft er, dass sie ihn vor der drohenden Verurteilung zu lebenslänglicher Haft retten kann. Er habe ja seinerseits ihr das Leben gerettet.

Anna gelingt es, die Tochter Elisas zu finden, die israelische Soldatin ist. Diese bringt ihr nach einigem Zögern die Aufzeichnungen der Mutter. Anna selbst hatte stets Distanz zum NS-Regime bewahrt, anders als ihr Mann, ein von Hitler begeisterter Wehrmachtsoffizier. Während er an der Front für den Endsieg kämpfte, ging sie eine Beziehung zu einem polnischen Zwangsarbeiter ein, der der Kohlenhandlung in ihrem Viertel zugeteilt war. In der Bundesrepublik hatte sie dann die Auschwitzprozesse verfolgt, aber gehofft, ihr Sohn sei ohne schwere Schuld geblieben. Mit fortschreitender Lektüre der Aufzeichnungen von Elisa, verlöscht indes ihre Mutterliebe. Der Sohn war ein Monster, auch der Geliebten gegenüber. Als er nämlich zufällig erfährt, dass sie Jüdin ist, foltert er sie aus Feigheit vor den anderen SS-Leuten, die ihn wegen "Rassenschande" denunzieren könnten.

Dominik Rettinger hat mit "Kommando Puff" einen packenden, beklemmenden Roman zu einem schwarzen Kapitel geschrieben, das ewig Teil der deutschen Geschichte bleibt und deshalb auch dem deutschen Leser nahegebracht werden sollte.

Dominik Rettinger: Kommando Puff. Świat książki, Warschau 2018. 320 Seiten, 34,90 Zloty.