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Polizeischutz wegen Leserbrief Bis aufs Messer

Islamisten bedrohen den französischen Philosophen Robert Redeker. Der lebt deswegen seit Wochen im Verborgenen unter Polizeischutz. Er hatte im September im Figaro einen Meinungsbeitrag veröffentlicht.
Johannes Willms

Robert Redeker, ein französischer Gymnasiallehrer für Philosophie, lebt seit bald zwei Wochen im Verborgenen unter Polizeischutz. Der 52-jährige Familienvater, der am Lycée Pierre-Paul Riquet in Saint-Orens-de-Gameville und am Institut universitaire d"Etudes Juives de Toulouse unterrichtet, hatte am 19. September im Figaro einen Meinungsbeitrag veröffentlicht, in dem er den Propheten Mohammed als "gnadenlosen Kriegführer, Plünderer, Judenmörder und Polygamisten" charakterisiert.

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Redekers Polemik unter dem Titel "Wie soll die freie Welt auf die islamistischen Drohungen reagieren?" war ein Debattenbeitrag zu den umstrittenen Äußerungen des Papstes in dessen Regensburger Vorlesung. Die heftigen Proteste in der islamischen Welt deutet Redeker als Versuch, "das Wertvollste zu ersticken", was den Westen von den islamischen Ländern fundamental unterscheidet: "Die Gedanken- und Meinungsfreiheit". Der Islam schicke sich an, Europa seine moralischen Werte aufzuoktroyieren.

Als Beleg für diese Behauptung führt er beispielsweise an, dass in diesem Jahr das Tragen von Strings beim Sonnenbaden am "Plage de Paris", den für den Verkehr gesperrten und mit Sand bedeckten Seinequais, verboten war. Wer gegen diese Umwertung der Werte seine Stimme erhebe, werde als "islamfeindlich" diffamiert.

Das war, wie leicht vorherzusehen, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Seit Redekers Kritk von einem Kommentator des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira aufgespießt wurde, war für ihre Verbreitung in der islamischen Welt gesorgt. Seiher sieht sich Redeker mit hasserfüllten Email-Botschaften überschwemmt. Der französische Inlandsgeheimdienst DST entdeckte außerdem eine Reihe islamistischer Seiten im Internet, in denen Redekers Foto und seine Adresse in seinem kleinen Wohnort im Département Haute-Garonne veröffentlicht wurden - verknüpft mit mehr oder weniger unverhüllten Aufforderungen, Redeker zu töten.

Zu dem Hass der Islamisten, den Redeker sich mit dem Artikel zuzog und der zum Verbot der Auslieferung der Ausgabe des Figaro vom 19. September in Ägypten und Tunesien geführt hatte, hat außer den bereits zitierten Äußerungen über den Propheten Mohammed vor allem ein sehr polemisch verknappter und deshalb umso provozierenderer Vergleich zwischen Christentum und Islam beigetragen, den Redeker mit der Behauptung einleitet: "Jesus ist ein Lehrer der Liebe; Mohammed ein Lehrer des Hasses". Erläuternd führt er aus: "Während Juden- und Christentum Religionen sind, deren Ritus der Gewalt entsagt und diese jeglicher Rechtfertigung entkleidet, ist der Islam eine Religion, die nicht nur in dem ihr heiligsten Text (dem Koran), sondern auch teilweise in der Praxis ihrer Ausübung Gewalt und Hass verherrlicht". Im übrigen erachte der Islam, nicht anders als der Kommunismus, "Großherzigkeit, Geistesfreiheit, Toleranz, Milde, die Freiheit der Frau und der Sitten und die demokratischen Werte für Anzeichen von Dekadenz".

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Dass Redeker wegen seines Artikels seit dem 20. September manifest bedroht wird, seine Lehrtätigkeit einstellen und unter Polizeischutz an einem unbekannten Ort leben muss, wurde erst letzte Woche durch Redeker selbst in einem Interview mit der Zeitung La Dépêche du Midi bekanntgegeben, das diese am Donnerstag veröffentlichte. Ein weiteres Interview mit ihm strahlte der Radiosender Europe 1 am Freitagmorgen aus; damit war der Fall landesweit publik.

In einer ersten Reaktion hatte Unterrichtsminister Gilles de Robien am Donnerstagabend Redeker seine Solidarität versichert, dann aber die wenig glückliche Bemerkung hinzugefügt: "Indem er unter seinem Namen einen Meinungsbeitrag veröffentlichte, hat dieser Lehrer das nationale Unterrichtswesen mit eingebunden. Ein Beamter aber ist gehalten, sich unter allen Umständen als klug, gemäßigt und umsichtig zu erweisen".

Die Ungeschicklichkeit seines Erziehungsministers suchte Premierminister Dominique de Villepin am Freitag mit den Worten zu korrigieren: "Wir leben in einer Demokratie. Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, ist aber natürlich auch gehalten, die anderer zu respektieren. Das ist die einzige Einschränkung, die für diese Freiheit gilt".

In diesen beiden offiziellen Stellungnahmen, aber auch in denen des Lehrerverbands, der Gewerkschaft und diverser Menschenrechtsvereine schimmert in unterschiedlicher Deutlichkeit eine nur zu verständliche Verlegenheit durch: Das Prinzip der Meinungsfreiheit duldet keinerlei Begrenzung; es gilt absolut und muss als solches vom demokratischen Rechtsstaat geschützt werden. Andererseits entlastet dieses Prinzip wie dessen Garantie niemanden von der Verantwortung für eigene Äußerungen. Das gilt zumal dann, wenn sie in einer polemischen Schärfe getan werden, von der unschwer vorherzusehen ist, dass sie Gefühle und Überzeugungen anderer verletzt. Das ändert aber nichts daran, dass selbst eine überzogene Polemik ein legitimes Mittel in einer Debatte bleibt.

Das ist der eine Aspekt, der den Fall Redeker kennzeichnet. Ein anderer ist, dass seit der Veröffentlichung von Salman Rushdies Roman "Die satanischen Verse" im Jahre 1989 die geistig-kulturelle Auseinandersetzung zwischen der westlichen Welt und dem Islam an Breite und Schärfe erheblich gewonnen hat. Das professorale Glasperlenspiel eines rücksichtslos geführten "Kampfs der Kulturen" ist darüber immer wahrscheinlicher geworden. Befördert wird diese Entwicklung durch zwei Phänomene: Den islamistischen Terrorismus, der, je intensiver er bekämpft wird, sich zu einer desto gefährlicher werdenden Bedrohung auszuwachsen scheint, und die globale Vernetzung, die es möglich macht, in Echtzeit an allen Ecken der Welt eine wochenlang anhaltende mörderische Empörung zu provozieren, die sich zum Beispiel an der in einer dänischen Zeitung erscheinenden Karikatur entzündet. Jeder, der sich öffentlich äußert, muss sich inzwischen bewusst sein, dass seine Worte überall einfach deshalb vernommen werden können, weil die Öffentlichkeit längst einen Strukturwandel erlebt hat, der sie buchstäblich entgrenzte.

Alle diese Zusammenhänge lagen schon vor der causa Redeker klar zu Tage. Die provokante Wirkung, die von Redekers Äußerungen ausgeht, ist insofern nur eine Lackmusprobe, deren Beweiswert sich darin erschöpft, eine weitere Illustration für eine bekannte Reaktion zu liefern. Vor diesem Hintergrund erklärt sich das Zögern und die Verlegenheit, von denen die ersten Stellungnahmen gezeichnet sind, zumal Redeker als scharfer Polemiker einen einschlägigen Ruf genießt.

Aber natürlich werden von allen, die sich bislang dazu äußerten, die gegen Redeker erhobenen Drohungen mit Entschiedenheit verurteilt. Daran gibt es nichts zu Rütteln, denn wer so reagiert wie diese fanatischen Islamisten, will keine Debatte führen, sondern einen Kampf bis aufs Messer, aus dem als Sieger hervorgeht, wer seinen Gegner physisch vernichtet. Der Islam wird auf Dauer nicht darum herumkommen, als Glaubensgemeinschaft selber in eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der rabiaten Ideologie des Islamismus einzutreten, der ihn, wie auch dieser Fall wieder zeigt, nur diskreditieren kann.

Diese notwendige Kontroverse gilt es zu fordern und zu fördern. Ob überzogene Polemik, die Islam und Islamismus in einen Sack steckt und darauf schlägt, dafür das adäquate Mittel ist, kann ebenso dahin stehen wie das gegenteilige Verhalten, das durch vorauseilende Selbstzensur Empörung und Schaden zu vermeiden sucht.

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