Politisches Sachbuch Was muss Demokratie aushalten

Nina Horaczek/Sebastian Wiese: Gegen Vorurteile. Wie du dich mit guten Argumenten gegen dumme Behauptungen wehrst. Czernin Verlag, Wien, 2015. 190 Seiten, 10 Euro.

Das Buch klärt mit Fakten und Zahlen auf gegen dumme Behauptungen und Vorurteile, die die politische Diskussion erschweren.

Von Cathrin Kahlweit

Derzeit haben Dossiers und Erklärstücke Konjunktur: Fakten und Daten zur Flüchtlingskrise, Kosten und Nutzen von Migration, ausführliche Analysen zur Entstehung des Terrorregimes Islamischer Staat. Die österreichische Zeitschrift Falter bekam unlängst ungewöhnlich viele dankbare Reaktionen auf einen kleinen, sachlichen Artikel unter dem Titel "Warum haben alle Flüchtlinge Handys", Spiegel online offeriert seit Monaten einen zehntausendmal angeklickten Text, "Fakten zur Flüchtlingskrise, endlich verständlich", und auch die Süddeutsche Zeitung präsentiert immer wieder regelrechte Checklisten, anhand derer sich verunsicherte Leser klarmachen können, welche politischen Schritte die europäischen Regierungen derzeit in der Flüchtlingskrise setzen.

Die Welt ist in Aufruhr und im Umbruch, und was schon für Erwachsene, für erfahrene Politikbeobachter oft schwer zu verstehen ist, muss für Jugendliche oft unerträglich verwirrend sein. Wer wenig weiß und wenig versteht, ist aber bekanntlich schnell mit Vorurteilen bei der Hand: Sie machen das Leben übersichtlicher und die Einordnung beängstigender Entwicklungen leichter. Und genau das ist gefährlich.

Deshalb haben die Journalistin Nina Horaczek, die für den Falter schreibt, und der Jurist Sebastian Wiese ein ganz hervorragendes Buch über Vorurteile geschrieben, in dem es überwiegend, aber nicht nur, um den Islam, um Migranten und Flüchtlinge, um Kopftücher und Moscheen geht. Die beiden Autoren nehmen sich daneben aber auch Homosexualität, Nazis und die EU vor - ein schweres Programm. An österreichischen Schulen ist das hochaktuelle Büchlein schon jetzt ein Renner, denn es schafft zweierlei: Zahlen und Fakten anschaulich und verständlich zu präsentieren, grafisch Argumente und Gegenargumente übersichtlich zu gliedern - und vor allem denen, die Vorurteile äußern und pflegen, nicht mit Überheblichkeit entgegenzutreten, sondern mit Verständnis. Denn: "Vorurteile erleichtern das Leben, sagen die einen. Sie erschweren unser Zusammenleben, antworten die anderen. Jeder hat sie, meinen die Ehrlichen. Aber immer nur gegen die anderen, gestehen die ganz Ehrlichen." Horaczek und Wiese wollen zeigen, dass die einfachen Antworten nicht immer die richtigen sind und dass es sich lohnt, eigene Antworten zu finden. Auch wenn das bisweilen sehr mühsam ist.

Ein Beispiel von vielen, das dieser Tage besonders viele Menschen umtreibt: "Wir können nicht jeden Flüchtling aufnehmen." Die Überlegung, über welche die Autoren in der Folge diskutieren, die sie analysieren, differenzieren, geht etwa so: "Natürlich ist es schlimm, was manche Menschen erleiden müssen. Diesen Menschen soll ruhig geholfen werden, aber nicht bei uns. Wir nehmen ohnehin schon zu viele Flüchtlinge auf. Stimmt das denn?" Die Autoren erklären, was überhaupt ein "Flüchtling" ist, völkerrechtlich und statistisch. Sie zeigen, wo die meisten herkommen und wo sie hingehen. Und dass es beileibe nicht Europa ist, das die Hauptlast der weltweiten Flüchtlingsbewegung trägt. Dann nehmen sie sich das Vorurteil vor, dass doch "nur Wirtschaftsflüchtlinge zu uns" kämen. Und zeigen, dass sehr viele Europäer seit Jahrhunderten genau das tun: aus wirtschaftlichen Gründen in ein anderes Land emigrieren. Ihre Nachricht: Es werden mehr werden. Nicht weniger.

Besonders plastisch gerät zum Beispiel das Kapitel: "Das Kopftuch ist ein politisches Symbol." Aber was ist überhaupt ein "Kopftuch", und kennen wir den Unterschied zwischen Burka, Çarşaf, Hidschab, Niqab und Tschador? Wissen wir, was Musliminnen selbst dazu sagen? Auch wenn dieses Buch "Gegen Vorurteile" heißt, so münden doch die Ergebnisse des gemeinsamen Nachdenkens von Horaczek und Wiese nicht immer in einem "gegen" oder "für". In der Kopftuch-Frage sind sie unentschieden - und präsentieren doch eine interessante Zahl, die für sich spricht: Nur 25 Prozent aller Musliminnen in Deutschland tragen ein Kopftuch.

Hilfreich ist auch das Glossar am Ende, das von A wie "Akademikerquote" bis Z wie "zweite Generation" kurze Handreichungen bietet. Nützlich auch: Zu jedem Kapitel - von "Ausländer kosten uns mehr, als sie bringen" bis zu "Die Auschwitzlüge das wird man ja wohl noch sagen dürfen" - wird eine breite Palette an Literatur offeriert.

Die beiden österreichischen Autoren haben auf persönliche Statements verzichtet. Aber vielleicht kann man einige Zeilen zur Frage "Was muss die Demokratie aushalten" am Ende des Buches wie eine Art Nachwort lesen: "Unrichtige Informationen sind kein schützenswertes Gut. Denn unrichtige Informationen sind gefährlich. Sie können verletzen, aufhetzen, manipulieren, Rachegefühle auslösen oder sogar die gesellschaftliche Ordnung bedrohen. Gleichzeitig ist ihre Verbreitung im Internet einfacher denn je." Der Schutz Einzelner vor falschen, boshaften oder beleidigenden Meinungen im Alltag, so die nachdenkliche Conclusio, sei mittlerweile oft wichtiger als der Schutz einzelner Meinungsäußerer vor dem Schutz staatlicher Repression.