Der slowenische Künstler Marko Peljhan hat sich München angesehen - mit einer 360-Grad-Überwachungskamera. Manche Nachbarn reagierten leicht verschreckt, aber genau das hat Peljhan im Sinn.
Das Spionage-Szenario auf dem Bordeaux-Platz war Marko Peljhans Beitrag im Rahmen des "Crash Test Dummy"-Festival und hiess "The Evolution of Open Control - Civil Counter Reconnaissance". Die in einen Ballon eingebaute Kamera konnten die Besucher von einem Zelt aus per Tastatur steuern, die Aufnahmen erschienen auf sechs Monitoren.
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sueddeutsche.de: Wie leistungsfähig ist die Kamera da oben im Ballon?
Peljhan: Extrem leistungsfähig. Man könnte Details erkennen, die man lieber nicht sähe.
sueddeutsche.de: Zum Beispiel?
Peljhan: Sogar die Buchstaben auf dem Computer-Bildschirm in einem Haus. Hier jetzt nicht. Aber unter bestimmtem Umständen.
sueddeutsche.de: Von wem haben Sie Tipps für die Konstruktion Ihrer Überwachungstechnologie erhalten?
Peljhan: Schon seit 1995 befand ich mich im Austausch mit der amerikanischen Waffenindustrie, weil wir an einem Projekt beteiligt waren, das sich mit einem satellitengestützten System zur weltweiten Positionsbestimmung beschäftigte. Die meisten davon waren Rüstungsunternehmen. Mein Interesse wuchs, als mir klar wurde, dass die meisten alltäglichen Kommunikations-Medien aufgrund militärischer Forschung entstanden sind - und dass uns das völlig entgeht.
sueddeutsche.de: Es kommt selten vor, dass ein Künstler so viel technisches Wissen besitzt, um an einer Installation wie dieser maßgeblich mitzubauen.
Peljhan: Manche Künstler haben das Wissen, manche nicht. Ich sehe mich selbst eher als Kunst-Ingenieur, oder als Kunst-Wissenschaftler.
sueddeutsche.de: "Überwachung" als solche hat in Ihrem scheinbar Projekt keine guten Aspekte - sie ist einfach nur schlecht?
Peljhan: In welchem Sinne schlecht? Menschen sollten sich der Überwachung bewusst sein. Auch in der Kunst ist es meiner Meinung nach so: wenn man als Künstler ein bestimmtes Werkzeug benutzt, dann hat dieses Werkzeug eine Geschichte und einen ursprünglichen Zweck. Und dieser sollte in der Arbeit, die man damit herstellt, reflektiert werden. Ich gebe kein moralisches Urteil über militärische Forschung ab. Die Frage ist nur, was man mit der Macht anfängt, welche die Technologie einem gibt.
sueddeutsche.de: Sie als Slowene habe mit staatlicher Überwachung sicher noch andere Erfahrungen als ein Deutscher.
Peljhan: Ja, Slowenien war früher eine Art "sanfte Diktatur". Angst vor der Polizei und staatliches Eindringen in die Privatsphäre - so bin ich aufgewachsen. Seltsamerweise erleben wir seit 9/11 eine Renaissance der staatlichen Überwachung, vor allem in den USA, in Europa, und -besonders schlimm- China. Es gibt ganze Archive mit unseren persönlichen Daten, verteilt auf Computer, oder in Patienten-Akten. Die Privatsphäre ist in Gefahr.
sueddeutsche.de: Andererseits entscheiden wir uns gerne für staatliche Überwachung - sie gibt eine Art Sicherheitsgefühl. Der Grad der Überwachung ergibt sich doch, zumindestens in der Demokratie, im Zusammenspiel zwischen Bürgern und Regierung.
Peljhan: Schon, die Dialektik zwischen Staat und Bürger ist per se niemals schlecht. Jedoch muss ein permanenter Dialog herrschen, und man muss wachsam bleiben. Alle Systeme haben die Tendenz irgendwann über sich hinaus zu wachsen. Zudem sind die Bürger passiv - sie wissen nicht, wie viel sie schon überwacht werden. Falls wir nicht aufpassen, werden wir schleichend von einer Demokratie zu einer Technokratie übergehen.
sueddeutsche.de: Was haben Sie für Erfahrungen mit ihrem Projekt in den unterschiedlichen Ländern gemacht?
Peljhan: Ganz unterschiedliche. In Ungarn zum Beispiel hat das die Leute kaum aufgeregt. Dort ist die Erinnerung an die staatliche Kontrolle noch relativ frisch. Ich glaube, dort versteht man Staatskontrolle noch immer als etwas Natürliches. In Deutschland dagegen, mit seiner Vergangenheit und seinen starken demokratischen Prinzipien, hoffe ich, dass mein Projekt bei den Leuten mehr auslöst.
sueddeutsche.de: Wenn jeder seine eigene Gegenüberwachung starten würde, könnte das leicht ins Anarchische ausarten - oder sogar ins Kriminelle.
Peljhan: Ja, das könnte natürlich passieren. Aber was das Thema Anarchie angeht, glaube ich an das homöopathische Prinzip der Gegenüberwachung: eine klitzekleines bisschen Gegenüberwachung kann uns vielleicht von der Überwachungskrankheit heilen.
sueddeutsche.de: Welcher normale Bürger kann sich seine eigene teuere Überwachungstechnik leisten?
Peljahn: Gute Frage. Deswegen sollte Technologie allen zugänglich gemacht werden. Mein Projekt darf man nicht wörtlich verstehen: so dass sich jetzt jeder ein Flugzeug baut und seinen Nachbarn ausspioniert. Andererseits ist das keine Frage des Geldes. Teuer ist ein sehr relatives Wort. Der Kunstmarkt ist ein Milliarden-Geschäft. Gemessen daran ist dieses Projekt billig.
sueddeutsche.de: Finden Sie es nicht komisch, dass ihr Projekt ausgerechnet von der Bundeszentrale für Politische Bildung gefördert wird?
Peljhan: Nein. So sollte es sein. Die Bundeszentrale für Politische Bildung kann entweder ein Projekt wie dieses finanzieren, was eine eher preiswerte Veranschaulichung darstellt. Oder sie kann teure Berater anstellen, die den Leuten vermutlich das Gleiche erzählen, allerdings für viel mehr Geld - und nicht in der Öffentlichkeit.
(sueddeutsche.de)
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