Politische Korrektheit Kleine Rempelei unter Demokraten

Im Sommer dieses Jahres stand das Buch "Finis Germaniae", das der inzwischen gestorbene Publizist Rolf Peter Sieferle geschrieben hatte, auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Der Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel hatte sich für das Buch, dessen Inhalt als völkisch-national bis rechtsextrem empfunden wurde, so heißherzig eingesetzt, dass es eine breite Öffentlichkeit erreichte. Die Chefredaktion des Spiegel entschloss sich kurzum, das Buch aus der Liste, deren Titel es aufgrund von Verkaufszahlen und Empfehlungen auf die jeweiligen Ränge schaffen, zu entfernen. "Der SPIEGEL, der sich auch bei historischen Themen als Medium der Aufklärung versteht", so heißt es in einer öffentlichen Begründung, "will den Verkauf eines solchen Buches nicht befördern."

Natürlich verzichtete die Erklärung darauf, sich mit dem Inhalt des Buches eingehend zu befassen, Medium hin, Aufklärung her. Es reicht ein Unbehagen, um eine Liste, die eigentlich den Eindruck redaktioneller Unabhängigkeit suggeriert, mit dem Dampfreiniger zu bearbeiten.

Exakt diese klandestine, verdruckste Art, mit dem Unappetitlichen, dem politisch und ästhetisch Unbehaglichen zu verfahren, steht in so krassem und diskursiv schwachen Verhältnis zu den rhetorischen Höllenfahrten der extremen Rechten - was die Bedenkenträger verdruckst als amoralischen Müll wegbringen, holen sich die Gaulands und Weidels wieder aus der Tonne, und dann basteln sie ihre Trompeten daraus.

Der Aufstieg der Rechten ist keine Diskurspanne der Linken

Nach der Frankfurter Buchmesse stellt sich die Frage, wie eine tolerante Gesellschaft mit Intoleranz umgehen soll. Mit den Rechten reden? Oder reichen Argumente nicht mehr aus? Von Sonja Zekri mehr ...

Die Frage lautet leider immer: Ist das politisch sauber oder muss das weg? Es gibt kein Dazwischen mehr. Das Dazwischen wäre die unaufgeregte Auseinandersetzung mit Weltsichten. Aber die Angst, sich schon allein bei der Berührung mit nicht auf den ersten Blick als politisch unbedenklich einordbaren Standpunkten eventuell schmutzig zu machen, ist so groß, dass man lieber umgehend die Putzkolonne holt.

Alle rufen nach Höflichkeit. Aber die Auseinandersetzung findet leider nicht im Streichelzoo statt

Es ist unter Journalisten heute sehr chic, sich in ständigem Konsensabgleich zu üben und solche Kollegen abzumahnen, die so ungeschickt sind, mit einer Meinung aufzukreuzen, die womöglich nicht den aprilfrischen Atem des "So wie ihr alle seh ich's auch" hat. Wenn der Redakteur einer großen Tageszeitung in einem Kommentar schreibt, er halte es für ungeschickt, türkischstämmige Korrespondenten in die Türkei zu entsenden, mag das eine Ansicht sein, die nach Widerspruch schreit. Den Kommentar, wie geschehen, indiskutabel und infam zu nennen, bedeutet nichts anderes, als den Meinungsabweichler zu exekutieren. Kann schon sein, dass es mühevoll ist, Respekt auch denen zu zollen, denen die Luft im safe space zu stickig geworden ist und denen der flott hingelegte Free-Deniz-Gruß als Ausweis politischer Okayheit eben nicht immer ausreicht.

Es hat sich in Deutschland ohnehin die Gewohnheit eingebürgert, sprachliche Äußerungen öffentlicher Menschen mit übertriebener Empfindlichkeit zu bewerten. Als die frisch gewählte SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles scherzte, die CDU werde in den kommenden parlamentarischen Auseinandersetzungen "in die Fresse kriegen", kamen sofort die publizistischen Tischsitten-Gouvernanten und drohten mit dem Schrubber. So als sei die parlamentarische Hausordnung unmittelbar außer Kraft gesetzt, wenn jemand ein plebejisches Wort, dazu noch im Scherz, in die Welt wirft.

Leute, was wollt ihr eigentlich? Erst ist euch die politische Rede zu lammfromm und konform. Dann kommt ein bisschen Pfeffer in die Bude, und ihr rümpft die Nase. Darf es künftig nur noch eine mit dem Schmierfett der Angemessenheit imprägnierte Sprache geben? Soll alles Reden immer schön auf Zimmertemperatur gestellt sein, weil sonst der Firnis der Zivilisation reißt und alles am Ende nur der AfD nützt? Es ist ohnehin schon irre, wie diese verklemmte Wutblöker-Partei inzwischen als rhetorische Referenzgröße hergenommen wird, an der man die Blütenreinheit seines eigenen Wortschatzes überprüft. Wenn jemand in der Flüchtlingsdebatte schon den Begriff "Alternative" benutzt, wie es der frühere Münchner Oberbürgermeister Christian Ude in seinem jüngsten Buch tat, hat er im Grunde das demokratische Spektrum bereits hinter sich gelassen.

Wer derlei wirklich glaubt, der legt wenig Vertrauen in die Kraft der politischen Rede. Ist eine kleine Rempelei unter Demokraten nicht immer noch etwas anderes und erfrischenderes als das lodenmuffige Halali eines Erzreaktionärs? "Eins in die Fresse, mein Herzblatt", diese hübsche Platte von Wolf Biermann aus den frühen Achtzigern soll man sich allein des Titels wegen wieder ans Regal lehnen.

Es ist eine unschöne Mischung aus Unsicherheit, Überheblichkeit und Unkenntnis, die zu dieser falschen Verfeinerung der Gesprächskultur führt. Kürzlich haute die Nachwuchsorganisation der Grünen heraus, dass der Begriff "Heimat" bitte aus der öffentlichen Raum zu verschwinden habe. Der Grund: Heimat besitze ausschließenden Charakter und sei von den "antiaufklärerischen Romantikern" sowie den - offenbar in deren unmittelbarer Nachfolge stehenden - Nationalsozialisten missbräuchlich genutzt worden. Historischer Unsinn, durch nichts belegt, wird in blasierter Arroganz zur Maxime erhoben.

Dies steht in schönster Nachbarschaft zu den ständigen Rufen nach einer neuen Höflichkeit, nach Anstand in der Auseinandersetzung und Sanftmut im Wettstreit mit dem Gegner. Allesamt schöne Tugenden aus dem Streichelzoo. Aber dort findet die Auseinandersetzung gerade leider nicht statt. Die extreme Rechte hat in diesem Land einen Kampf eröffnet, der übrigens auch ein Kampf mit Ideen ist, so krude und mottig die sein mögen in ihrem altväterlichen Carl-Schmitt-Junkertum. Aus dem geschützten Raum heraus kann man in diesem Kampf keinen Blumentopf gewinnen.

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