Politische Debatte Elite, das sind die anderen

Bloß nicht Mainstream: Wer Hipstern Abgrenzung attestiert, hat das Konzept "Hipster" richtig verstanden.

(Foto: Thomas Liangen/Unsplash)

Jens Spahn schmäht "elitäre Hipster" und liefert damit das jüngste Beispiel für den gefährlichen Trend der Elitenkritik. Die nämlich ist inhaltsfeindlich und verhindert wichtige Debatten.

Kommentar von Kathleen Hildebrand

Wenn ein CDU-Politiker Eliten kritisiert, dann muss es ganz schön weit gekommen sein. Eine Partei, die sonst mit ihrem Leistungsträger-Fantum ganz zufrieden zu sein scheint, die dürfte es doch eigentlich schätzen, wenn die Menschen im Land fließend Englisch sprechen.

Aber nein. Es ist Wahlkampf, man muss sich aufregen, um gehört zu werden. Jens Spahn hat sich aufgeregt. Er findet Hipster nicht gut. Genauer: Er findet sie "elitär". Zumindest dann, wenn sie in Hipster-Cafés Englisch sprechen. Man kann dieser Banalität inhaltlich zustimmen. Wer das Deutsche beherrscht und trotzdem lieber Englisch spricht, ist ja wirklich ein seltsamer Uhu. Man kann es trotzdem als die Scheindebatte ignorieren, die es ist. Denn wer Hipster sagt, meint in diesem Fall schließlich eigentlich Gentrifizierung, hat aber offenbar keine Idee, was man gegen die tun kann, und stürzt sich deshalb in dieses Scheingefecht.

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Das ist aber alles nicht der Punkt. Der Punkt ist das Label: "Elitär" ist das politische Schimpfwort des Jahres. Es ist gut möglich, dass es das auch noch eine ganze Weile bleiben wird. Und das ist nicht gut. Denn das Label ist gefährlich. Es abstrahiert nämlich vom Inhalt. Mehr noch: Es tötet ihn.

Denn wenn Spahn den "elitären Hipstern" attestiert, sie würden sich vom "Otto Normalverbraucher" abgrenzen, dann hat er damit zwar das ursprüngliche Konzept des Hipstertums sehr richtig beschrieben. Genau darum geht es dessen Vertretern: Avantgarde zu sein statt Mainstream. Darum geht es jeder Subkultur, das war beim Punk und bei den Existenzialisten nicht anders. Die Abgrenzungskritik ist doppelt verfehlt, denn eine Gesellschaft braucht genau solche Randgruppen und Avantgarden, um flexibel zu bleiben und nicht für immer statisch in der Normalität hocken zu bleiben. Denn die "Normalität" der Gegenwart kann schon sehr bald rettungslos veraltet sein.

Spahn etabliert aber auch einen Generalvorwurf - und zwar gegen alles, was vermeintlich "elitär" ist. Sinngemäß lautet er: Wer elitär ist, ist von allem Normalen, von den echten Menschen mit den echten Problemen, entkoppelt. Und damit für die "echte Welt" unerreichbar geworden.

Der Begriff ist unscharf, seine Verwendung als Argument hohl

Wie sollte man so einen mit echten Argumenten noch erreichen? Eben. Also lohnt die Auseinandersetzung mit solchen Leuten auch nicht mehr. Wer erst als Elite gelabelt ist, mit dem erübrigen sich Diskussionen. Er versteht sie eh nicht mehr.

Das Label abstrahiert aber auch vom Sprecher: Dass die Elite in sich gehen und Buße tun sollte, hat seit dem Brexit und der Wahl von Donald Trump jeder Elitenvertreter mindestens einmal gefordert. Als Martin Schulz als Kanzlerkandidat antrat, sagte er dem Spiegel, ihn interessiere nicht "das Denken der selbst ernannten Eliten, sondern das der hart arbeitenden Menschen." Merke: Die Tatsache, dass jemand selbst zu einer Elite dazugehört - und in welcher Welt täte das ein Europaparlamentspräsident nicht? - muss niemanden daran hindern, sie pauschal zu kritisieren. Elite, das sind immer die anderen.

Für Schulz sind es hochbezahlte Manager. Für Donald Trump sind es liberale Politiker, kritische Journalisten und Professoren. Für Spahn ist es ein junges, urbanes Milieu, das sich über Internationalität definiert. Für die AfD ist es ohnehin jeder, der in Migrationsfragen nicht auf Parteilinie ist.

Die pauschalisierende, von Rechtspopulisten gern geführte Eliten-Anklage erzeugt also einen ersten, politisch sicher ganz nützlichen Schockeffekt. Wer, gerade in Deutschland, "Elite" genannt wird, hinterfragt sich und seine Positionen, versucht sich zu rechtfertigen. Danach bringt diese Anklage nicht mehr weiter. Wenn man den Begriff so unscharf lässt, dass nicht nur hochrangige Politiker, Vorstandsvorsitzende und Chefredakteure dazu zählen, sondern letztlich jeder, der einen Hochschulabschluss hat und Englisch kann, dann ist der Begriff unbrauchbar. Und seine Verwendung als Argument hohl.

Der Ausdruck "elitär" taugt dann nur noch zum Schimpfwort. Es spricht aus ihm nur noch Feindschaft gegen alles, was nach Expertentum und Bildung klingt - und somit nach genau jenen erworbenen Fähigkeiten, die man braucht, um eine Gesellschaft, die immer ungleicher zu werden droht, wieder in Balance zu bringen. In einer so ausdifferenzierten Wissensökonomie wie der gegenwärtigen - und noch viel mehr der der Zukunft - wird man ohne Fachwissen gar nichts zum Besseren wenden können. Alte Gewissheiten und Stabilitäten drohen wegzubrechen. Zum Beispiel die, dass die Autoindustrie immer weiter wächst. In dieser Situation braucht man genau die Menschen, die von der Peripherie des Mainstreams neue Ideen und Wirtschaftsmodelle in die Diskussion bringen. Sie als abgehobene Eliten aus der "echten Welt" auszugrenzen, ist extrem kontraproduktiv.

Und ja, es gibt durchaus Vertreter der sogenannten Eliten, die nicht erst seit Brexit und Trump auf Bildungsungerechtigkeit, Marktversagen und zu große Gehaltsunterschiede hinweisen. Wenn die Elitenanklage zur Folge hat, dass man denen besser zuhört, dann hätte sie vielleicht doch etwas Gutes. Wer aber weiter pauschal gegen Eliten wettert, verhindert genau die Diskussionen, die gerade im Wahlkampf geführt werden müssten.

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