Besonders intelligent war das Kabarett zwar nie; es hatte methodisch nie eine andere Wahl als die gedankenarme Personalisierung. In seinen Blütezeiten aber machte es das durch Kampfesmut wett. Den benötigt es heute wahrlich nicht mehr. Wer in jüngster Zeit einem Münchner Kabarett-Abend beiwohnte, konnte erleben, wie die kleinere und größere Politik zwei Stunden lang in der Kategorie der zu entlarvenden Dummheit verhandelt wurde.
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Das Kabarett gedachte sich über die verzweifelte Verwechselbarkeit der karikierten Figuren hinwegzuhelfen, indem es diese Dummheit als den verborgenen gemeinsamen Nenner von Phänomenen, die sonst recht verschieden waren, ans Licht brachte. Aber wenn man gar zu genussvoll die Dummheit der anderen verhöhnt, wird man selber dumm.
Zum Schluss stimmten die Akteure auf der Bühne den Kanon an "Dumm zu sein bedarf es wenig, und wer dumm ist, der ist König"; und das Publikum fiel nur allzu gerne ein. Der Saal war erfüllt von einer selbstzufriedenen Einhelligkeit, die den wahren Gegenwert der zwanzig Euro Eintrittsgeld darzustellen schien. Der Ausklang geriet zur wunderbaren Prunksitzung. Wenn man zu einem Kanon schunkeln könnte, hätte dieses Publikum es getan. Hat es gemerkt, wie sehr es an diesem Abend selber König war? Wohl kaum.
Da wackeln die Alpen
Da das Kabarett nun einmal zäh die Illusion festhält, es begehre von unten her gegen die Mächtigen auf, stand an diesem wie wohl an sämtlichen bayerischen Kabarett-Abenden die Figur des Ministerpräsidenten im Zentrum der Bemühungen. Zu fassen bekamen sie ihn so wenig wie den FDP-Chef und Bundesaußenminister, der mit seinen Angriffen auf den Sozialstaat für Unruhe gesorgt hatte.
Das war schon dem Bruder Barnabas mit seiner Predigt auf dem Nockherberg nicht gelungen; und hätte nicht Charlotte Knobloch sich seiner erbarmt und aus ihren Mitteln einen gewaltigen Löffel von der Sahne der Empörung hinzugegeben, wäre die trockene Kläglichkeit dieses Kuchens offenkundig geworden.
Gibt es also gar keinen Lichtblick fürs Kabarett? Doch, einen kleinen. Ihn lieferte niemand anders als Seehofer selbst bei seiner Aschermittwochsrede. Auch er kommentierte die Ausfälle des FDP-Chefs: Da wackeln die Alpen, da schäumt der Chiemsee - doch nur keine Nervosität, meine Damen und Herren, das war kein Tsunami, sondern bloß eine Westerwelle! Für einen Augenblick lebte das Kabarett da wieder auf wie zu seinen besten, den gefährlichen Zeiten. Denn im Gegensatz zu seinen Profi-Kollegen riskierte Seehofer etwas, ein besonders kostbares Gut sogar: den Koalitionsfrieden.
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(SZ vom 8.3.2010/ber)
Staatsbesuch in Israel
Beim Kabarett ist alles erlaubt! - Auch wenn es den Herrschenden nicht gefällt - oder vielleicht gerade deswegen?
die sture Maschine, die bei exakt ...Zeichen abschneidet - ärgerlich.
Hier der kleine Rest meines Beitrags:
Der gut beratene mittelalterliche Herrscher leistete sich einen Hofnarren als Korrektiv für allzu einäugiger Machtausübung. Es ist in unser aller bestem Interesse, uns Hofnarren 2011 von der Sorte Schramm, Pispers..., Neues aus der Anstalt und eines Fastenpredigers Pater Barnabas zu gönnen und sie nach Lust und Laune so unintelligent und gedankenarm, wie es den Herren Müllers auch immer erscheinen mag, personalisieren zu lassen.
Burkhard Müller, nur ein weiterer Totredner des Kabaretts, kann uns allerdings getrost gestohlen bleiben. Er betreibt damit das Geschäft der Absahner in unserer Gesellschaft. Er mag zum Geister-Schreiber-Kabinett des spaßigen Ichlings G.W. gehen, wenn ihm das dumm genug ist.
Das Kabarett war im alten Westdeutschland eine der wichtigsten Ausdrucksformen der Sozialdemokratie auf der Zielgeraden? Wo und wann soll denn das bitte gewesen sein? Etwa 1965, als Wolfgang Neuss bei seinen Wahlkampf-Auftritten für die SPD den Genossen empfahl, ihre Erststimme den Sozialdemokraten, die Zweitstimme aber der DFU zu geben? Halten zu Gnaden, aber auch diese Behauptung ist ziemlicher Unfug und entbehrt so ziemlich jeder Grundlage. Woher der auch immer kommen mag, eins ist sicher: München war und ist nicht Bayern, schon gar nicht die BRD, geschweige denn die Welt.
Und ein letztes: Das Kabarett hatte nie eine andere Waffe als die gedankenarme Personifizierung? Das mag man so sehen, aber doch nur, wenn man die politisch-satirische Szene der zwanziger Jahre ausblendet. Oder einfach nicht zur Kenntnis nehmen will, dass sich das politische Kabarett in den unruhigen Sechzigern eben gerade nicht über die Haarfrisuren von Regierungshäuptern ausliess. Systemkritik statt Symptomkritik hiess das Stichwort. Nie gehört?
Noch immer gilt, was Tucholsky über den Satiriker zu Papier brachte: Er ist ein gekränkter Idealist, er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.
Das Kabarett ist vor mehr als einhundert Jahren im Berliner "Überbrettl" hierzulande heimisch geworden. Kaum gegründet, wurde es auch schon totgesagt. Vornehmlich von der gemeinhin so wohlinformierten Presse. Ein Vorgang, der sich Jahr für Jahr, ein ganzes Jahrhundert lang, wiederholte und neu bekräfigt wurde. Das Kabarett, das politische zumal, hat sich einen Teufel drum geschert und erweist sich bis heute als quicklebendige Leiche. Man muss nur wissen, wo man ihm begegnet. Der Bieranstich auf dem Nockherberg mit seinen Ergebenheitsadressen einiger Berufskomiker ist sicher die falsche Adresse.
Klug zu sein bedarf es wenig
Betr.: Dumm zu sein bedarf es wenig / Burkhard Müller über politisches Kabarett, SZ vom 8.3.2010
Sagen wir es, wie Müllers Burkhard es nennen würde, "ungescheut": Klug zu sein bedarf es wenig, wenn man sich übers politische Kabarett auslassen will und offensichtlich nicht so recht weiss, was das eigentlich ist. Viel Falschverstandenes, manche Halbwahrheit, etliche krause Behauptungen und mancher intellektuell daherkommende Blödsinn stecken in der Philippika, die hier auf uns herniederprasselt. Woher bezieht der Autor eigentlich seine Kriterien? Aus der Kabarettgeschichte wohl kaum. Sonst wüsste er, dass die von ihm bedauerte Trennung von politischer und erotischer Befreiung nun wahrlich nicht erst mit Marlene Dietrichs Abreise nach Hollywood begann, sondern mehr als zehn Jahre zuvor unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Damals schon, nachdem endlich die kaiserliche Zensur gefallen war, wurde Kabarett möglich. Politisches Kabarett, das mit dem harten K und einem scharfen doppelten tt am Ende. Tucholsky, Mehring, Weinert, Kästner haben es damals auf den Weg und auf die Bühne gebracht. Das Cabaret überliessen sie fortan getrost den muffigen Anmachläden, in denen die Oben-ohne-Bedienung darauf zu achten hatte, dass der Weinzwang zu Phantasiepreisen auch eingehalten wurde.
Und was soll uns der Tucholsky-Text vom vorüberfliechenden Goebbels? Der ist nun tatsächlich nicht fürs Kabarett und für das Publikum einer Kleinkunstbühne geschrieben, sondern stand im Mai 1932 in der Weltbühne. Gewissermassen als Beleg dafür, dass Tucholsky zu dieser Zeit längst resigniert hatte und sich im fernen Schweden fragte, was ihn dieses Deutschland eigentlich noch angehe. Der Text trug übrigens den Titel "Altes Lied 1794". Warum wohl? Und darüber lachte, anders als Müller das behauptet, nun wahrlich niemand mehr "gern zusammen". Schon gar nicht jene, die darauf aus gewesen sein sollen, sich an solchem Gelächter wechselseitig ihrer Präsenz zu versichern.
Schließlich: Das Kabarett war im alten Westdeutschland eine der wichtigsten Ausdrucksformen der Sozialdemokratie auf der Zielgeraden? Wo und wann soll denn das bitte gewesen sein? Etwa 1965, als Wolfgang Neuss bei seinen Wahlkampf-Auftritten für die SPD den Genossen empfahl, ihre Erststimme den Sozialdemokraten, die Zweitstimme aber der DFU zu geben? Halten zu Gnaden, aber auch diese Behauptung ist ziemlicher Unfug und entbehrt so ziemlich jeder Grundlage. Woher der auch immer
wie wahr! Es langweilt mich unabhängig von meiner politischen Einstellung zutiefst, wenn Kabarett zu selbstreferentiell wird
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