Ein politisches Kabarett, das keinen Mut mehr braucht, hat sein Verfallsdatum längst überschritten und verliert an Glanz.
Die frühen Zeiten waren die besten. Damals, in der wilhelminischen Schlussphase des Kaiserreichs, hatten sich die Wege von Kabarett und Cabaret noch nicht geschieden, denn wer zu viel Bein zeigte, rief dieselben Mächte auf den Plan wie derjenige, der über den Schnurrbart des Kaisers spottete. So kam es zu einer äußerst reizvollen Verquickung von Erotik und Politik, wenn Frank Wedekind seine Lieder zur Klampfe vortrug.
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Er muss in Zukunft seinen Mund halten: Kabarettist Michael Lerchenberg tritt nach der Fastenpredigt am Nockherberg als Bruder Barnabas zurück. (© Foto: AP)
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Es war die ideale Situation von David und Goliath: Der Feind herrschte noch, aber hielt es bereits für nötig, um sich zu schlagen, und gab den Eingeweihten so zu verstehen, dass er insgeheim bereits auf dem absteigenden Ast saß. In den Wirtshäusern der Bohème gedieh eine Atmosphäre zuversichtlich heiterer Konspiration: die erotische Freiheit genoss man untereinander schon jetzt, die allgemeine politische würde gewiss demnächst folgen.
Leider erwies sich alsbald, dass sich die Ziele der politischen und der erotischen Befreiung durchaus voneinander trennen ließen, zum Schaden beider. Spätestens seit Marlene Dietrich vor den Nazis ins Exil floh, haben die zwei nicht mehr zusammengefunden. Das Cabaret fiel der Amüsierbranche anheim, das Kabarett aber verlor Glanz und Feuer und wurde, was es im wesentlichen bis heute geblieben ist.
Sagen wir es ungescheut: Richtig gut war das Kabarett nie. Seine Verdienste konnte es trotzdem haben, und zwar nach Maßgabe der Beherztheit, die es benötigte, um überhaupt zu existieren. "Wenn bei des Vollmonds Dämmerlichte, / das zagend durch die Zweige sieht, / durch dunkeln Hain von Tann' und Fichte / ein fauliges Gerüchlein zieht -: / Das ist, was da so grauslich riecht, / Herr Goebbels, der vorüberfliecht."
So geht ein Text von Kurt Tucholsky, ersichtlich für das Publikum einer Kleinstkunstbühne in den frühen Dreißigern verfasst. Darüber lachte man gern zusammen, weil sich an solchem Gelächter diejenigen erkannten und wechselseitig ihrer Präsenz versicherten, die dieselbe riskante Gesinnung hegten. Dieses Gelächter bedeutete einen Akt des Muts, es zu erregen eine Tat. Was Tucholsky schrieb, ist ein soziologisches, politisches, moralisches Dokument; ein Gedicht ist es schwerlich.
Frechheit! riefen die Empörten
Im geteilten Deutschland konnte es dann noch einmal scheinen, als bräuchten die zwei Gesellschaften, die sich da formierten, das Kabarett: die östliche als Unterschlupf des passiven Widerstands in einem totalitären System, die westliche als Ferment der überfälligen nachholenden Modernisierung. Das war die hohe Zeit der "Lach- und Schießgesellschaft", als Dieter Hildebrandts sich als Konfusion verkleidende Weigerung, einen Satz syntaktisch korrekt zu Ende zu bringen, an sich schon wie Anarchie und Zersetzung aussehen konnte und entsprechenden echten Ärger hervorrief. Frechheit! riefen die Empörten. Und in der Tat, das war es, eine Frechheit - und kein Gran mehr.
Frechheiten setzen eine funktionierende Autorität voraus, der sie als förmlicher Gegenpart dienen und von der sie transitorische Entlastung versprechen. Frechheiten sind eine verwickelte Art, vorhandene Strukturen zu stärken; letztlich eine umwegige Erklärung des Einverständnisses. Der archetypische Frechling war immer der Gymnasiast gewesen, der gegen den Stachel des Lehrkörpers löckte.
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Im Video: Salvator-Probe 2010: Strauß selig spielt Bohlen, und alle finden's wunderbar. Nur Stoiber wundert sich.
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Konsequenz der Loveparade-Katastrophe
Beim Kabarett ist alles erlaubt! - Auch wenn es den Herrschenden nicht gefällt - oder vielleicht gerade deswegen?
die sture Maschine, die bei exakt ...Zeichen abschneidet - ärgerlich.
Hier der kleine Rest meines Beitrags:
Der gut beratene mittelalterliche Herrscher leistete sich einen Hofnarren als Korrektiv für allzu einäugiger Machtausübung. Es ist in unser aller bestem Interesse, uns Hofnarren 2011 von der Sorte Schramm, Pispers..., Neues aus der Anstalt und eines Fastenpredigers Pater Barnabas zu gönnen und sie nach Lust und Laune so unintelligent und gedankenarm, wie es den Herren Müllers auch immer erscheinen mag, personalisieren zu lassen.
Burkhard Müller, nur ein weiterer Totredner des Kabaretts, kann uns allerdings getrost gestohlen bleiben. Er betreibt damit das Geschäft der Absahner in unserer Gesellschaft. Er mag zum Geister-Schreiber-Kabinett des spaßigen Ichlings G.W. gehen, wenn ihm das dumm genug ist.
Das Kabarett war im alten Westdeutschland eine der wichtigsten Ausdrucksformen der Sozialdemokratie auf der Zielgeraden? Wo und wann soll denn das bitte gewesen sein? Etwa 1965, als Wolfgang Neuss bei seinen Wahlkampf-Auftritten für die SPD den Genossen empfahl, ihre Erststimme den Sozialdemokraten, die Zweitstimme aber der DFU zu geben? Halten zu Gnaden, aber auch diese Behauptung ist ziemlicher Unfug und entbehrt so ziemlich jeder Grundlage. Woher der auch immer kommen mag, eins ist sicher: München war und ist nicht Bayern, schon gar nicht die BRD, geschweige denn die Welt.
Und ein letztes: Das Kabarett hatte nie eine andere Waffe als die gedankenarme Personifizierung? Das mag man so sehen, aber doch nur, wenn man die politisch-satirische Szene der zwanziger Jahre ausblendet. Oder einfach nicht zur Kenntnis nehmen will, dass sich das politische Kabarett in den unruhigen Sechzigern eben gerade nicht über die Haarfrisuren von Regierungshäuptern ausliess. Systemkritik statt Symptomkritik hiess das Stichwort. Nie gehört?
Noch immer gilt, was Tucholsky über den Satiriker zu Papier brachte: Er ist ein gekränkter Idealist, er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.
Das Kabarett ist vor mehr als einhundert Jahren im Berliner "Überbrettl" hierzulande heimisch geworden. Kaum gegründet, wurde es auch schon totgesagt. Vornehmlich von der gemeinhin so wohlinformierten Presse. Ein Vorgang, der sich Jahr für Jahr, ein ganzes Jahrhundert lang, wiederholte und neu bekräfigt wurde. Das Kabarett, das politische zumal, hat sich einen Teufel drum geschert und erweist sich bis heute als quicklebendige Leiche. Man muss nur wissen, wo man ihm begegnet. Der Bieranstich auf dem Nockherberg mit seinen Ergebenheitsadressen einiger Berufskomiker ist sicher die falsche Adresse.
Klug zu sein bedarf es wenig
Betr.: Dumm zu sein bedarf es wenig / Burkhard Müller über politisches Kabarett, SZ vom 8.3.2010
Sagen wir es, wie Müllers Burkhard es nennen würde, "ungescheut": Klug zu sein bedarf es wenig, wenn man sich übers politische Kabarett auslassen will und offensichtlich nicht so recht weiss, was das eigentlich ist. Viel Falschverstandenes, manche Halbwahrheit, etliche krause Behauptungen und mancher intellektuell daherkommende Blödsinn stecken in der Philippika, die hier auf uns herniederprasselt. Woher bezieht der Autor eigentlich seine Kriterien? Aus der Kabarettgeschichte wohl kaum. Sonst wüsste er, dass die von ihm bedauerte Trennung von politischer und erotischer Befreiung nun wahrlich nicht erst mit Marlene Dietrichs Abreise nach Hollywood begann, sondern mehr als zehn Jahre zuvor unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Damals schon, nachdem endlich die kaiserliche Zensur gefallen war, wurde Kabarett möglich. Politisches Kabarett, das mit dem harten K und einem scharfen doppelten tt am Ende. Tucholsky, Mehring, Weinert, Kästner haben es damals auf den Weg und auf die Bühne gebracht. Das Cabaret überliessen sie fortan getrost den muffigen Anmachläden, in denen die Oben-ohne-Bedienung darauf zu achten hatte, dass der Weinzwang zu Phantasiepreisen auch eingehalten wurde.
Und was soll uns der Tucholsky-Text vom vorüberfliechenden Goebbels? Der ist nun tatsächlich nicht fürs Kabarett und für das Publikum einer Kleinkunstbühne geschrieben, sondern stand im Mai 1932 in der Weltbühne. Gewissermassen als Beleg dafür, dass Tucholsky zu dieser Zeit längst resigniert hatte und sich im fernen Schweden fragte, was ihn dieses Deutschland eigentlich noch angehe. Der Text trug übrigens den Titel "Altes Lied 1794". Warum wohl? Und darüber lachte, anders als Müller das behauptet, nun wahrlich niemand mehr "gern zusammen". Schon gar nicht jene, die darauf aus gewesen sein sollen, sich an solchem Gelächter wechselseitig ihrer Präsenz zu versichern.
Schließlich: Das Kabarett war im alten Westdeutschland eine der wichtigsten Ausdrucksformen der Sozialdemokratie auf der Zielgeraden? Wo und wann soll denn das bitte gewesen sein? Etwa 1965, als Wolfgang Neuss bei seinen Wahlkampf-Auftritten für die SPD den Genossen empfahl, ihre Erststimme den Sozialdemokraten, die Zweitstimme aber der DFU zu geben? Halten zu Gnaden, aber auch diese Behauptung ist ziemlicher Unfug und entbehrt so ziemlich jeder Grundlage. Woher der auch immer
wie wahr! Es langweilt mich unabhängig von meiner politischen Einstellung zutiefst, wenn Kabarett zu selbstreferentiell wird
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