Wenn man, um ein anderes Beispiel zu nehmen, Gründe für die Schwäche der FDP angeben will, so dürfte einer der wichtigsten in der Unfähigkeit ihrer derzeitigen Führung liegen, sich überzeugend auf die große Tradition des politischen Liberalismus in Deutschland zu berufen. CDU und CSU kränkeln nicht zuletzt am Verblassen konfessioneller Bindungen.

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Die andere große Aufgabe der Parteien ist es, wie spätestens seit Max Weber bewusst ist, das politische Personal zu rekrutieren und auszubilden, also jene Berufspolitiker hervorzubringen, ohne die der demokratische Prozess nicht am Laufen gehalten werden kann. Diese Leistung ist derzeit die undankbarste.

Berufspolitiker und Funktionäre jeglicher Couleur erfreuen sich einer so nachdrücklichen öffentlichen Verachtung, dass nicht einmal mehr rational über ihre Besoldung verhandelt werden kann. Wobei mancher nachdenkliche Staatsbürger vielleicht nicht einmal Dirk Kurbjuweits beeindruckenden Politiker-Roman "Nicht die ganze Wahrheit" braucht, um froh darüber zu sein, diesen Job nicht machen zu müssen.

Wüste Demagogie

Was Kurbjuweits Buch bis ins seelische Extrem ausspinnt, ist eine nur selten anerkannte zivilisatorische Höchstleistung des von den Parteien ausgebildeten Typus des Berufspolitikers: seine bis zur Selbstverleugnung gehende Affektkontrolle.

Von dem Grad an Geduld, Selbstbeherrschung und Zähigkeit, den die heutige Politikerexistenz verlangt, machen sich unzufriedene Bürger vermutlich gar keine zutreffende Vorstellung. Wer abschätzig von den professionellen Deformationen heutiger Berufspolitiker und ihres unmittelbaren Milieus spricht, sollte sich vor Augen führen, was die Alternative dazu ist: die Rückkehr der Wut in die Politik.

Fragt man sich nämlich, was das Gemeinsame an Erscheinungen wie Berlusconi, Haider, Pim Fortuyn, den Kaczynskis ist, wird nicht auf Programme stoßen, sondern auf eine affektive Enthemmung, die Berlusconi zu unflätigem Sprachgebrauch selbst auf europäischer Bühne, die Kaczynskis zu wüster Demagogie gegen Exkommunisten, Deutsche und Homosexuelle, die Repräsentaten des Vlaams Block zu Ausbrüchen gegen Wallonen und Muslime verleitete - unter dem Jubel ihrer Anhänger.

In diese Typologie des entfesselten Affekts gehört nun trotz anders gelagerter politischer Programmatik auch Oskar Lafontaine. Die Art, wie er Journalisten vor laufender Kamera anherrscht oder politische Gegner in Talkshows zu reizen versucht, dieser Stil, der in jeder Geste mitteilt, dass niemand ihm kommen könne, widerspricht allem, was die Demokratie in ihrem agonalen Alltag an Umgangsformen auf Dauer doch benötigt. Oskar Lafontaine ist die aktuelle deutsche Gestalt einer neuen Politik der Wut.

Die Enttäuschten

Man mag dieser Wut, die Lafontaine ausdrückt und anspricht, neben persönlichen Motiven - die aus seiner politischen Vergangenheit stammen - noch so viele sachlich plausible Gründe zubilligen, auf Dauer würde sie das politische Leben der Demokratie vergiften.

Die Linke ist in ihrer west-östlichen Mischung ein bizarrer Sonderfall der Parteientypologie: Im Osten rekrutiert sie sich weithin immer noch aus den Berufspolitikern und Funktionären der untergegangenen Diktatur, aus lokal vielfach bewährten Hoheitsträgern, die aus Kenntnis und Erfahrung auch unter demokratischen Umständen zu sachlicher Arbeit fähig sind; im Westen dagegen ähnelt ihr Personal den Enttäuschten und Beleidigten, die auch in anderen europäischen Ländern neue Parteien aus dem Boden gestampft haben.

Nicht das drohende Fünfparteiensystem könnte sich schon bald als Menetekel erweisen, sondern der damit einhergehende Tonwechsel im demokratischen Prozess. Denn wenn Wut ein Medium der Politik wird, dann können auch andere Gespenster wie Inflation und Arbeitslosigkeit - und all die anderen großen Probleme, mit denen Politik sich Tag für Tag rational und beherrscht herumschlagen muss - auf einmal zu unbeherrschbaren Bedrohungen werden.

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(SZ vom 15.7.2008/rus)