Die Menschheit sitzt auf der Zeitbombe namens Klimakatastrophe und hat nicht mehr als zehn Jahre um sie zu entschärfen. Im Multiplex-Kino sitzt der Zuschauer gut gepolstert, wenn ihn die Botschaft des ehemaligen amerikanischen Vize-Präsidenten Al Gore erreicht.
Al Gore steht vor seiner Schautafel und fährt mit der Hand die Kurvenverläufe nach. Der animierte grellgrüne Strich für "Kohlendioxid" ist nicht zu bändigen. Im Rahmen der Hochrechnung steigt und steigt er, so dass Moderator Gore wiederum auf einen Gabelstapler steigt - bravo!
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Fast so gut montiert wie in jenen Musikvideos, die gutes Tanzen wie unglaubliche Akrobatik aussehen lassen. Die eben beschriebene Szene ist allerdings aus dem neuen Film des ehemaligen amerikanischen Vize-Präsidenten.
Nach der verlorenen Wahl im Jahr 2000 ging der Politiker, im Herzen Umweltaktivist, mit einer multimedialen Info-Show über unseren selbst herbeigeführten Untergang auf Reise. Auch in München war er.
Viele, doch leider nicht genug Menschen begeben sich in Hörsäale und Turnhallen, weswegen TV-Regisseur Davis Guggenheim ("24", "Alias") den Vortrag dokumentierte und unter dem Titel "Eine unbequeme Wahrheit" ins Kino brachte.
Die Rechnung geht auf. War Gore während des Wahlkampfs hölzerner als Bush, ist er hier sympathischer als die meisten Dozenten. Nicht deshalb, weil die Aufnahmen seine Stimme angenehm sonor und seine Konterfei schön weich machen - der Demokrat verzichtet nicht darauf, im Gegenschnitt zum Vortrag ein Porträt seiner Person zu zeichnen.
Auch nicht, weil man sich trotz harter Lektion mit einem Soft Drink zurücklehnen und gottlob nicht drangenommen wird. Sondern, weil "Ein unbequeme Wahrheit" weder schnöde wissenschaftliche Präsentation, noch schnödes Abfilmen einer solchen ist. Gore bricht wissenschaftliche Hypothesen für den Laien herunter: mit Cartoons, Schaubildern und Grafiken, bevorzugt von den "Simpsons"-Schöpfern.
***Bilderstrecke****
Dass amerikanische Regierung und Öffentlichkeit die unschönen Fakten gerne verdrängen, ist laut Gore entmutigend, aber der witzelnde Grundton des Politikers überwindet zumindest symbolisch das Bedrohliche der Situation.
Der Film-Schnitt schraubt Gores Darbietung noch eine Ebene höher. Von den Papern über Gores Aufbereitung derselben bis hin zu Guggenheims Umsetzung in Bilder, schlussendlich werden sperrige Formeln zu einer tänzerischen Darbietung.
Die verschiedenen Bild-Modi ziehen in einer ausgewogenen Mischung vorbei: Die gewaltige Natur farbstark und messerscharf. Die Medienberichterstattung grell und verpixelt. Tödliche Viren mikroskopisch herangeholt. Al Gore privat in Sepia oder Grau.
Diese Ästhetik schläfert das ernste Thema streckenweise ein - andere politische Doku-Filme wie Michael Moores "Fahrenheit" von 2004 gehen in Inhalt und Form absichtlich auf die Nerven, gewinnen durch ihre offensichtliche Schlagseite aber Glaubwürdigkeit.
Doch Fakten bleiben Fakten, und Gores Anliegen ist extrem wichtig. ****hier ein Abschnitt zu Gores Umwelt-Ratschlägen****.
Die vertretenen Thesen sind für Europäer vermutlich nicht so bahnbrechend wie für die USA, die bis heute das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet haben und als größter Energieverbraucher der Welt gelten.
Diese Dokumentation einer Dokumentation ist sauber gemacht und Al Gores Hochschule light - ohne harte Klappbänke, ohne Sichtprobleme, ohne Störgeräusche - haben in amerikanischen Kinos immerhin bereits ***schau ich noch nach*** Menschen gesehen.
(sueddeutsche.de)
Brasiliens Präsidentin Roussef