Polanskis "Gott des Gemetzels" im Kino Keiner ist sympathisch im Quartett der Scheinheiligen

Eigentlich besagt eine alte Kino-Regel, dass man nur anderthalb Stunden mit Menschen auf der Leinwand verbringt, wenn man mindestens einen von ihnen mag. So richtig sympathisch ist Polanskis Scheinheiligenquartett nicht - aber man sieht ihnen beim Ekligsein verdammt gerne zu.

Wenn Blicke töten könnten: Polanski hat aus jedem der schauspielerischen Schwergewichte - hier Christoph Waltz und Jodie Foster - etwas Besonderes herausgeholt, aus hochgezogenen Brauen, aus kleinen Gesten, Physiognomien.

(Foto: dpa)

Es ist ein böses, kleines Drama, das sie aufführen - auch wenn es vielleicht am Ende doch zu sehr an der Oberfläche spielt, als dass man es beispielsweise mit "Ekel" vergleichen könnte. Aber manche Aspekte in "Der Gott des Gemetzels" sind doch ganz schön bitter: Penelope, die Rechtschaffene, die einzige im Raum, die sich ihres schlechten Gewissens bewusst ist und sich offensichtlich bereits im dauernden Kampf mit sich selbst befindet, ist kein Quentchen weniger angriffslustig als ihre Mitkombattanten.

Man kann sie natürlich abtun als ein Geschöpf der zynischen Phantasien von Yasmina Reza und Roman Polanski - wäre sie nicht so diabolisch gut gezeichnet: Sie macht sich vor, als liberaler Gutmensch nicht teilzunehmen am ewigen Wettkampf der anderen - sie geht dem privat aus dem Weg, indem sie einen Mann geheiratet hat, bei dem sie, moralisch und intellektuell, von vornherein immer gewonnen hat. Aber der bessere Mensch zu sein ist für sie durchaus Konkurrenz: Der Kick, den sie sucht, den bezieht sie aus ihrer moralischen Überlegenheit, und wehe dem, der in ihrer Schusslinie steht, wenn sie sich selbst in ihrer Unvollkommenheit erkennt.

Man ahnt, dass das so kommen wird, als sich die Kamera am Anfang das erste Mal Fosters Gesicht nähert, noch als Halbtotale, aber man kann den Hang zur Selbstkasteiung, den Kampf gegen sich selbst aus ihren Zügen herauslesen, sie hat etwas Verhärmtes in "Der Gott des Gemetzels".

Polanski hat aus jedem dieser schauspielerischen Schwergewichte, mit denen er da arbeitet, etwas besonderes herausgeholt, aus hochgezogenen Brauen, aus kleinen Gesten, Physiognomien - irgendwie zaubert er immer Höchstleistungen hervor. Die Nahaufnahmen werden immer mehr im Verlauf des Films, es gibt keine haltbaren Allianzen zwischen den Figuren; und Polanski sieht sie vielleicht nirgends mehr: Jeder für sich und Gott gegen alle.

Carnage F/D/PL 2011 - Regie: Roman Polanski. Buch: Polanski, Yasmina Reza. Kamera: Pawel Edelman. Mit: Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz, John C.Reilly. Constantin, 82 Min.