Poesie Das Leben - ein Gedicht

Die Lyrikerin Sema Kaygusuz bekommt den Rückert-Preis.

(Foto: Muhsin Akgün)

Nicht nur in Coburg wird der 150. Todestag Friedrich Rückerts mit einem Preis und allerlei Veranstaltungen begangen

Von Florian Welle, Coburg

"Weltpoesie allein ist Weltversöhnung." Der berühmte Satz Friedrich Rückerts aus seinem chinesischen Liederbuch "Schi-King" dient dem Coburger Rückert-Preis als Wahlspruch. Seit 2008 verleiht die Stadt die mit 7500 Euro dotierte Auszeichnung. Um "einen Beitrag zur Völkerverständigung" zu leisten, wie es auf der Homepage heißt, geht der Preis in der Regel alle zwei Jahre an einen Schriftsteller aus einem Sprachraum, der auch dem vielsprachigen Orientalisten, Übersetzer und Lyriker Rückert am Herzen lag.

In diesem Jahr erhält ihn Sema Kaygusuz. Die dreiköpfige Jury, der auch Ex-Hanser Verleger Michael Krüger angehört, ehrt die 1972 in Samsun an der türkischen Schwarzmeerküste geborene Schriftstellerin als "eine herausragende Vertreterin der jüngeren türkischen Literatur". Kaygusuz, von der auf Deutsch der Roman "Wein und Gold" (2008) sowie der Erzählband "Schwarze Galle" (2013) vorliegen, setzt sich in einer bildersatten Sprache kritisch mit ihrem Land und der Religion auseinander. Zudem engagiert sie sich aktiv für Frieden, Menschenrechte und Meinungsfreiheit.

Die in Istanbul lebende Kaygusuz sieht sich selber einer Spiritualität verpflichtet, die keine Landes-, Sprach- und Geschlechtergrenzen kennt. In einem Artikel für den Tagesspiegel beschrieb sie vor einigen Jahren ihre Sicht: "Jede Anschauung, in deren Zentrum eine einzige Religion steht, degradiert Angehörige anderer Religionen notgedrungen zu Bürgern zweiter Klasse (. . .) Als eine Person, die das Leben aller Wesen auf Erden (. . .) gleichermaßen schätzt und nichts heilig finden kann, um dessentwillen Blut vergossen wird, kann ich nur eine Erfahrung in Sachen Glauben anerkennen: die unermessliche Tiefe im Empfinden des Mysteriums, das dem Menschen ein Gefühl unerschöpflichen Lebens schenkt."

Diesmal fällt die Preisverleihung an diesem Sonntag mit dem 150. Todestag Friedrich Rückerts zusammen, der am 31. Januar 1866 im Alter von 77 Jahren in Neuses bei Coburg gestorben ist. Zumindest in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Sohn eines Schweinfurter Dorfamtmannes ob seiner immensen Sprachbegabung - angeblich las und schrieb er in 44 Sprachen, übersetzte den Koran und die altarabischen Volkslieder, die Hamâsa - wie der virtuosen Handhabung sämtlicher lyrischer Formen ein berühmter, wenn auch gern bespöttelter Mann. So warf ihm sein fränkischer Landsmann Jean Paul vor, er arbeite nach einer "Drehorgel von Mustern".

Rückerts Gunst bei den Leserinnen und Lesern, die er sich im Vormärz unter anderem mit den an die mittelalterlichen Minnelieder angelehnten Gedichte im "Liebesfrühling" und in den Sinnsprüchen in der "Weisheit des Brahmanen" erwarb, ließ bald nach. Man zählte den Dichtergelehrten zu den "alten Reimeschmieden" (Bettina von Arnim). Für Rückert Anlass genug, sich auf seinen idyllischen Landsitz in Neuses zurückzuziehen, wo er von 1848 bis zu seinem Tod weltabgewandt lebte und dichtete: "Was ich noch schreibe, schreibʼ ich mir und meinem Pult . . ."

Der fränkische Brahmane ist heute nahezu vergessen, sieht man einmal von den Klassikliebhabern ab, denen er durch Gustav Mahlers fünf herzergreifende Vertonungen seiner ursprünglich mehr als 400 "Kindertotenlieder" bekannt ist. Was viele nicht wissen: Rückert verlor zwei seiner zehn Kinder, die er mit Luise Wiethaus-Fischer hatte, früh durch Scharlach. Dass der 150. Todestag, der in diesem Jahr mit zahlreichen Lesungen, Vorträgen und im April einer großen Wanderausstellung erst in Schweinfurt, dann in Erlangen und Coburg begangen wird, eine Rückert-Renaissance auslösen wird, darf zumindest bezweifelt werden. Eine Beschäftigung mit dem Poeten und Philologen lohnt dennoch.

Allein äußerlich war Rückert eine imposante Erscheinung: fast zwei Meter groß, mit wuchtigem Schädel, darinnen ein schmallippiges Gesicht, aus dem zwei ernste Augen blickten. Man mag es gern glauben, dass die fränkischen Bauern früher ihren Kindern damit drohten, dass sie der Rückert holen komme, wenn sie nicht folgten. Auch sonst sind Leben und Werk überreich an poetischen Verrücktheiten im Guten wie im Schlechten, die man erst wahrzunehmen beginnt, seit Ende der Neunzigerjahre Hans Wollschläger und Rudolf Kreutner auf die wahnwitzige Idee kamen, Rückert eine historisch-kritische Werkausgabe zu widmen. Wahnwitzig ist die Idee deshalb, weil Rückert zeitlebens im Überfluss reimte. Er selbst bemerkte dazu in einem späten Gedicht: "Ich denke nie ohne zu dichten / Und dichte nie ohne zu denken." Alles und jedes wurde ihm unablässig zur Poesie, und so schuf er allein in den letzten zwei Jahrzehnten an die 10 000 Gedichte.