"Wir versuchen das kaufmännisch so gut zu verwerten, wie wir können", sagt Caldas. Dabei will man sich nicht zu billig verkaufen: Irgendeine Einigung mit MySpace hätte man schon vor Monaten haben können. Aber, so Caldas: "Wir schließen keinen Deal ab, ohne dass die Bedenken unserer Mitglieder berücksichtigt werden."

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Parallel zu den laufenden Gesprächen versucht MySpace Music jedoch hartnäckig und nicht ohne Erfolg, unabhängige Musikverwerter anzulocken.

"Wir wissen, dass MySpace herumläuft und versucht, kleinere Vertriebe abzuwerben", sagt Mark Chung, der Vorsitzende des deutschen Verbands unabhängiger Tonträgerunternehmen (VUT).

In der vergangenen Woche schloss der zweitgrößte Independent-Digital-Vertrieb IODA mit Künstlern wie Broken Social Scene, Animal Collective und Cake, aber auch Black-Music-Klassikern wie Ray Charles und Billie Holliday einen eigenen Vertrag mit MySpace ab - obwohl IODA Mitglied bei Merlin ist.

Die Einigung umfasst nach Presseberichten auch eine Beteiligung an den Werbeeinnahmen. Einen Kapitalanteil an MySpace Music hat aber offenbar auch IODA nicht heraushandeln können.

Mark Chung berichtet, dass immer mehr VUT-Mitglieder angesichts solcher Methoden die Geduld mit MySpace verlieren. "Wir verlangen, nicht als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden," sagt er.

"Kein Verständnis für Künstler"

Chung war bis 2005 Senior Vice President bei Sony Music in London, kennt sich also auch mit den Gepflogenheiten in der ersten Klasse bestens aus. Bisher hätten sich die Independent-Labels das Treiben von MySpace einigermaßen gleichmütig angesehen, das könne sich aber auch ändern.

Man müsse vielleicht stärker klar machen, wer hinter MySpace stehe; dass dies mit Fox-News-Eigentümer Rupert Murdoch und seiner News Corporation dieselben Leute seien, "die uns in den Irak-Krieg geführt haben. Von denen erwarten wir kein Verständnis für Künstler."

Die Botschaft laute: "CorporateSpace ist überhaupt nicht cool." Nach wie vor sei man aber an einer Einigung interessiert, versichert Chung, denn der Vertriebsweg MySpace Music bleibe interessant. Nur müsse MySpace verstehen, dass die Indies am Ende nicht gezwungen seien, mitzumachen. Kunden für ihre Musik gebe es, "und die werden wir auch finden."

MySpace-Mann Berger aber geht davon aus, dass doch noch alle an Bord kommen werden: "Das wird ein sehr wertvoller Kommunikations- und Abverkaufskanal für die Indies. Dass der ihnen nicht auch noch gehört - nun gut, der Media Markt gehört ihnen auch nicht."

Die Querelen mit den Independent-Labels könnten einer der Gründe dafür sein, dass nach nicht feststeht, wann MySpace Music in Europa online gehen soll. "In einigen Monaten" werde es dort so weit sein, hieß es vage zum US-Start, und diese Ankündigung wurde seither nicht präzisiert.

In den USA konnte man anfangen, sich mit den Independents geeinigt zu haben, aber Mark Chung glaubt, dass das aufgrund unterschiedlicher Musikgeschmäcker in Europa anders aussehe: "Stellen Sie sich vor, Sie fangen in Großbritannien an und die Arctic Monkeys, die White Stripes und Franz Ferdinand sind nicht dabei!"

Ein "walkman-ähnlicher Apparat" namens Handy

Ein anderer Grund liegt darin, dass in Europa mit jeder nationalen Verwertungsgesellschaft Verträge geschlossen werden müssen. Auch mit der deutschen Gema ist man sich noch nicht einig, berichtet Joel Berger. Die Gema würde gerne 10 bis 20 Cent pro Streaming eines Songs kassieren. "Das ist extrem viel," sagt Berger, "das kann man sich als Anbieter nicht leisten."

Nicht zuletzt könnte aber durch die Eigentümer-Struktur von MySpace Music durchaus das europäische Kartellrecht berührt sein. Ein Joint Venture, bei dem Plattenfirmen, die zwischen 70 und 80 Prozent des Musikmarkts kontrollieren, sich gemeinsam an einem womöglich bedeutenden Vertriebsweg beteiligen, während kleineren Mitbewerbern diese Möglichkeit verbaut wird, wirft zumindest Fragen auf.

Handelt es sich dabei um einen anzeigepflichtigen Zusammenschluss mit marktbeherrschender Stellung? Und sind in den Verträgen der Joint-Venture-Partner Regelungen enthalten, die den Wettbewerb beschränken? Gut möglich, dass diese Fragen am Ende zu Gunsten von MySpace beantwortet werden. Ob dies nach europäischem Recht auch wirklich so ist, werden die Eigentümer aber genau prüfen wollen. Joel Berger wiegelt ab: "Ich sehe diese Probleme nicht. Das ist ja in den USA auch durchgegangen."

Rick Rubin übrigens sah, bei aller visionären Ehre, die ihm gebührt, einen entscheidenden Aspekt der Entwicklung noch nicht: die prinzipielle Kostenlosigkeit des Angebots. Er schlug 19,95 Dollar als Preis vor für ein Musik-Abo und prophezeite sich verzehnfachende Umsätze der Branche.

Eine andere Rubin-Idee dürfte allerdings kaum noch aufzuhalten sein: der "Walkman-ähnliche Apparat", mit dem man von überall Zugriff hat auf seine virtuelle Musik-Bibliothek. Ein Gerät, dass für diese Aufgabe prädestiniert erscheint, gibt es längst. In Deutschland nennt man es Handy.

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(SZ vom 28.10.2008/pak)