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Plattenkabinett Wo bleiben die fucking Emotionen?

Jean-Philip Grobler von St. Lucia.

(Foto: oh)
Ohne Strom klingen die Scorpions so monoton wie die Fans des FC Bayern. Bear's Den sind die neuen Mumford & Sons und zu St. Lucia hätten Patrick Swayze und Jennifer Grey sicher auch gerne getanzt. Neue Alben im "Plattenkabinett", der Musik-Kolumne von SZ.de.
Von Thierry Backes

Leopardensocken. Magentafarbene Stoffhosen. Oder eine Jeans-Jacke aus dem Indianerreservat. Das sind die Klamotten, in denen Jean-Philip Grobler sich wohlfühlt - nicht nur im übertragenen Sinne. Er steht einer Band vor, zu der Patrick Swayze und Jennifer Grey sicher gerne getanzt hätten, hätte es sie 1987 denn schon gegeben: St. Lucia haben sich ganz den Achtzigern verschrieben hat, was einen Plattenkabinettler letzte Woche auf dem Puls-Festival zu der Aussage veranlasste: "Vermutlich muss man die hassen."

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Es ist ja auch eine Pest: 2013 legen Popmusikproduzenten unter alles Hall und über alles Synthesizer, obwohl es bislang auch ohne funktionierte. Sowas heißt dann Trend, und die Radiosender jubeln: Endlich klingt das "Beste von heute" so wie das "Beste aus den Eighties".

Da stand er also im BR-Funkhaus, der Kollege, lästerte über den Typen in dem Camouflage-Hemd auf der Bühne - und wippte heftig mit dem Kopf. St. Lucia setzen sich mit ihren neonfarbenen Feel-Good-Vibes ab von Künstlern, die vorgeben, 30 Jahre alte Popmusik neu zu interpretieren, ohne sie wirklich studiert zu haben. Jean-Philip Grobler, in Südafrika geboren, in einem Knabenchor ausgebildet und nun in dem Hipsterviertel Williamsburg, Brooklyn, zu Hause, liebt die Musik, mit der er augenscheinlich aufgewachsen ist. Egal wie trashig und naiv sie auch klingen mag.

Stücke wie "Call Me Up" sind eine wohltuend ironiefreie und darum ehrliche Hommage an ein Jahrzehnt der Musikgeschichte, nach dem lange keiner gekräht hat. Mit "Wait for Love" könnte AIDA seinen Spot für eine Karibikkreuzfahrt unterlegen, das Synthie-Riff von "Elevate" bleibt sofort im Ohr hängen. Und "Too Close", das elaborierteste Stück auf diesem Album, das es vorerst nur digital zu erstehen gibt, wummert so heftig auf den Kopfhörern, dass einem die Achtziger gar nicht mehr so unerträglich vorkommen.

Wäre dieses Album ein Soundtrack, wäre es der von "Magnum".

Wäre dieses Album ein Möbelstück, wäre es eine Lavalampe.

Wäre dieses Album ein Fußballspieler, wäre es Rüdiger Abramczik.

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Scorpions - Unplugged in Athens

Für Klaus Meine und seine Scorpions war es bestimmt eine Riesenerfahrung. Ein Open-Air-Konzert im Lycabettus-Amphitheater, 300 Meter über Athen. Vor einem griechischen Publikum, das, glauben wir Gitarrist Matthias Jabs, "wie eine Wand" hinter der Band stand. Wie schön.

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Nun ist das so eine Sache mit Konzerten aus der "MTV Unplugged"-Reihe. Wer sich von dem Musiksender einladen lässt, der ist künstlerisch meist schon ziemlich tot. Es gibt natürlich Ausnahmen: Die Fantastischen Vier zum Beispiel führten die Motorsäge in ihr Repertoire ein, die Ärzte improvisierten eine hochunterhaltsame zehnminütige Pannenpause, und die Sportfreunde Stiller nutzten ihren Auftritt, um sich vom Image als Fußballband ein wenig zu lösen, indem sie ihre Hymne "'54, '74, '90, 2010" ironisch brachen - mit einer Drehorgel als einzigem Instrument.

Drischt Floskel um Floskel: Pathos-Onkel Klaus Meine.

(Foto: dpa)

Die Scorpions dagegen spielen halt irgendein Konzert ohne E-Gitarren. Zieht man ihnen den Stecker, klingen sie so monoton wie die Fangesänge des FC Bayern. Gut, Ina Müller ("Where The River Flows") und die wunderbare Cäthe ("In Trance") dürfen mal ans Mikrofon und Morten Harket (!) singt "Wind Of Change", aber selbst eingefleischte Scorpions-Fans werden sich schwertun, dieses Album in den Himmel zu loben. Gut, es gibt fünf neue Songs. Aber wenn der als nicht gerade einfallslos geltende Marketing-Abteilung der Plattenfirma sonst nichts einfällt als zu betonen, dass Gitarrist Rudolf Schenker bei "When You Came Into My Life" mal zur Sitar greift, dann zeugt das von jener geistig-musikalischen Armut, die sich durch das ganze Album zieht.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, drischt Pathos-Onkel Klaus Meine Floskel um Floskel: "Music is all about emotion", sagt er an einer Stelle, und wir fragen uns: Ja, gottverdammt, und wo bleiben dann die fucking Emotionen?

Wäre dieses Album ein Soundtrack, wäre es der von "Frankenstein" (1931).

Wäre dieses Album ein Möbelstück, wäre es ein gebraucht bei eBay gekauftes Bettgestell - ohne Lattenrost.

Wäre dieses Album ein Fußballspieler, wäre es Carsten Ramelow.

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Bear's Den - Without/Within

Als Ben Lovett, Kevin Jones und Ian Grimble im Sommer 2006 die Veranstaltungsreihe "Communion" im Notting Hill Arts Club ins Leben riefen, um Londoner Nachwuchsmusikern eine Plattform zu bieten, dürften sie sich kaum ausgemalt haben, wohin das alles führen würde. Zu einer hochdekorierten Folkband namens Mumford & Sons zum Beispiel, deren Keyboarder Lovett heute ist. Aus diesem Kreis kommt nun eine weitere vielversprechende Formation, die sich höchstens vorwerfen lassen muss, sich nicht genug von der eben genannten zu emanzipieren: Bear's Den.

Mit ihrer ersten EP "Agape" machten Andrew Davie, Joey Haynes und, ach ja, Communion-Gründer Kevin Jones die britischen Kritiker im Frühjahr auf sich aufmerksam, nun legen sie die zweite nach, "Without/Within". Die drei bärtigen Jungs besingen, wie könnte es anders sein, die Liebe, in mal mehr, mal weniger anspruchsvoller, ebenso pathetischer wie authentischer Lyrik. In "Don't Let The Sun Steal You Away" singt Davie:

Yeah I know that you're scared, I know 'cos I am too/ I'm scared of hurting someone, the way I've been hurt by you/ I don't want to touch you in the night, if I cannot hold you in the day/ As the sun slowly rises, your love for me decays.

Text hin oder her, dem Lied wohnt beispielhaft jene Melancholie inne, die den Herzschmerz nach einer Trennung so unerträglich macht. Zugleich ist es genau das Stück Musik, das der Jüngling seiner Angebeteten früher aufs Mixtape gepackt hätte in der Hoffnung, sie möge ihn künftig nicht mehr übersehen. Dafür eignet sich im Grunde aber jeder einzelne Track auf "Without/Within". Nicht schlecht für eine Band, die im Notting Hill Arts Clubs angefangen hat.

Wäre dieses Album ein Soundtrack, wäre es der von "Blue Valentine" (den passenderweise eine andere Band mit Bären im Namen eingespielt hat).

Wäre dieses Album ein Möbelstück, wäre es ein Teppich aus Schafwolle.

Wäre dieses Album ein Fußballspieler, wäre es Thomas Broich.

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