Plattenkabinett Heult doch, Pearl Jam!

Eddie Vedder und Kollegen schlingern in Richtung Truckstop-Romantik, Nachwuchs-Robbie-Williams John Newman setzt komplett auf schmalziges Liebesgedöns und Poliça versöhnen den Hörer mit entrückt verfremdeter Stimme. Neue Alben im Plattenkabinett, der Musik-Kolumne von SZ.de.

Von Jonas Beckenkamp

Das Dumme an Grunge ist ja, dass diese Musikrichtung irgendwann einfach futsch war. Dabei hatte alles so gut begonnen: Nirvana fingen mit ihrem Geschrammel jene verlorenen Seelen auf, die weit vor allen Williamsburg- und Mitte-Hipstern schon Holzfällerhemden trugen und ein bisschen weltvergessen rumgammelten. Das Album "Nevermind" war die Hörbibel, Cobain der Prediger und die hübschesten Mädchen der Klasse ihre zopfkauenden Jünger. Als Nirvana sich auflösten, sollte Eddie Vedder mit seiner Rockkapelle Pearl Jam die Kohlen aus dem Höllenfeuer holen. Die Band kam schließlich auch aus Seattle.

Blöd nur, dass ihre Musik dann in eine völlig andere Richtung schlingerte: Mitten in die Gefilde des phallusträchtigen Erektionsrock nämlich. Ja richtig, jene Spielart des Großbühnengeklampfes, dessen fürchterlichstes Aushängeschild bis heute der singende Friseur Jon Bon Jovi ist. Und jetzt? Kommen Pearl Jam mit ihrer zehnten Platte um die Ecke gejault und nichts hat sich geändert. Das kann man nun irre toll finden und sich denken: Heidewitzka, die sind sich treu geblieben - oder man besinnt sich darauf, was hier wirklich vorgeführt wird: triefender, leiernder Jammersound, also genau das, was Nick Hornby in seinem Pop-Roman High Fidelity einst so treffend als "sad bastard music" beschrieb.

Aufregendes passiert auf "Lightning Bolt" wahrlich nicht, vielmehr verwalten Vedder & Co. ihren Status als schwermütige Stadionrocker. Nichts als ein bisschen Schmachtgedudel hier ("Sleeping by myself") und ein wenig Truckstop-Romantik da ("Let the records play"). Erlösung bringt nur die Tatsache, dass nach 50 quälenden Minuten und der erschlafften Country-Nummer "Future Days" bei den alten Herren offenbar das Viagra alle ist. Möge die Zukunft anders klingen als dieses Werk.

Wem schenken? Am besten niemandem.

Wenn dieses Album ein Fußballer wäre, wäre es: Christian Wörns.

So müsste das Album eigentlich heißen: Heult doch alle!

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