Plattenkabinett Gelegentlich darf das Niveau auch flacher sein

Pescetarier und Pazifist, Nichtraucher und Antialkoholiker, ein politischer, kluger Kopf: Farin Urlaub, hier im August 2013 in Berlin.

(Foto: dpa)

"Was nicht geht, geht nicht": Ärzte-Frontmann Farin Urlaub treibt seine Solokarriere voran, zitiert dabei den Physiker Isaac Newton und will Innenstädte verschönern - mit Dynamit. Neue Alben im Plattenkabinett, der Musik-Kolumne von SZ.de.

Von Thierry Backes

Jan Vetter ist Pescetarier und Pazifist, Nichtraucher und Antialkoholiker, ein politischer, kluger Kopf, der schon jetzt mehr Länder bereist hat als ein Außenminister in mehreren Amtszeiten. Doch wenn er sich die Maske des Farin Urlaub überzieht, wird er zum Spaßvogel. Das missdeuten Sie bitteschön nicht als Vorwurf, es gibt in diesem Land nun mal keine Formation, die auf der Bühne besser unterhält als die Ärzte. Frontmann Urlaub ist aber grad nicht mit der "besten Band der Welt" auf Tour, er hat mit seinem Racing Team sein viertes Soloalbum veröffentlicht, "Faszination Weltraum".

Darauf will Urlaub Innenstädte verschönern (mit "Dynamit"), er fordert Clark Kent auf, seinen Arsch hochzukriegen und sich endlich wieder in sein Superman-Kostüm zu zwängen ("Was die Welt jetzt braucht"), und in "Newton hatte Recht" doziert er Physik: "Was nicht geht, geht nicht - und was geht, geht." Das alles unterlegt in weiten Teilen von druckvollem, eingängigem Gitarrenrock, garniert mit albernen Humor, na klar. Und natürlich gibt Farin Urlaub hier und da auch mal den Pädagogen, wenn er etwa rät: "Find Dich gut".

Gespür für Ohrwürmer

Klingt belanglos? Ist es auch. Doch Farin Urlaub hat ein Gespür für Ohrwürmer. Und ehe man sich versieht, hat sich der Refrain von "Herz? Verloren" schon ins Hirn eingebrannt: "Ich bin schon wieder dabei, mein Herz zu verlieren/ Ich bin ein Mann, das kann jederzeit wieder passieren." Und weil das eben ein Urlaub-Song ist, wartet man darauf, dass er die Zeilen variiert - und siehe da: Verlieren reimt sich auf dressieren oder auf einbetonieren. Haha.

Was bleibt, sind einige Füller ("Fan", "Sommer") und die Erkenntnis, dass der Songschreiber Farin Urlaub meine Gedanken schon immer am besten selbst zusammengefasst hat (in "Heute Tanzen"):

"Tolstoi, Tolstoi kann warten/ Kafka hat alle Zeit der Welt/ Literatur ist wichtig, doch wir leben nicht von Buchstaben allein/ Gelegentlich darf das Niveau auch flacher sein."

Wenn dieses Album ein Getränk wäre, wäre es Liquid Cocaine.

Wenn dieses Album ein Film wäre, wäre es "Mars Attacks!".

Wann hört man dieses Album am besten? Live, am 20. August 2015 in der Berliner Wuhlheide.