Plattenkabinett "Our Love" von Caribou

Es ist nicht überliefert, wann das mit der Ironie in der Popkultur endgültig vorbei war. Ist es überhaupt vorbei? Hatte Jarvis Cocker recht, als er sie 1998 auf "This is Hardcore", ganz am Ende, für tot erklärte ("Irony is over, bye bye")? Für David Foster Wallace war die Ironie ein Graus, er arbeitete sich an ihr ab. Man muss nun befürchten, dass die Ironie den Schriftsteller überlebt hat - ich schreibe bewusst nicht "ironischerweise". Aber es gibt Hoffnung.

Dan Snaith alias Caribou hat in "Our Love" ein gänzlich unironisches Werk geschaffen. "Es ist ein Klischee", sagt er, "aber ich denke immer mehr und schäme mich immer weniger dafür, dass Liebe alles ist, was wir haben." Was aus James Blunts Mund wie Teil der Marketingstrategie klingen würde, hat etwas Erfrischendes, wenn es von einem kommt, der in der Londoner Clubszene zuhause ist, weltweit als DJ gebucht wird und elektronische Musik macht.

Um was geht es in "Our Love"? Um die gänzlich distanzlose Behandlung des Themas Liebe. Aber nicht mit Schmalz in der Stimme oder besonders liebesbezeugenden Texten, sondern mit raffinierter elektronischer Musik, die es fertigbringt, gleichzeitig simpel und komplex zu klingen.

Wie in einem Mantra wiederholt Caribou denn auch im ersten Stück "Can't do without you" eben jene Zeile, immer und immer wieder. Sonst hat der Track bis auf die letzten Sekunden keinen anderen Text - und untermauert genau dadurch seine Botschaft: Sieh doch, ich kann wirklich nicht ohne dich. Ernsthaft.

Mit "Silver" geht es eindringlich weiter. Die hypnotische Melodie hat Caribou hier Owen Pallett zu verdanken, der auch seinen Beitrag zu "All I ever need" und "Your Love will set you free" leistete. Von ihm sind die Streicher, und sie geben dem Song etwas Animal-Collective-Haftes.

Spätestens hier dämmert es dem Hörer, wohin die Reise geht: Das ganze Album hat eine Zartheit an sich, bestärkt durch Caribous Falsett-Gesang sowie sparsame und nicht auf Showeffekte zielende Gastauftritte der Sängerin Jessy Lanza, die in "Second Chance" der Platte einen R`n`B-Ausflug spendiert. Alles sehr intim, sehr für sich, ohne Distanz. Ganz ohne Ironie: nicht schlecht für ein sehr instrumentales, mit wenigen Worten auskommendes Elektro-Album.

Wenn diese Platte einen Wunsch erfüllen könnte, dann den: Nie wieder Ironie!

Wenn die Platte ein Hashtag wäre: #loveisbetterthanirony.

Wenn die Platte eine Stadt wäre: Paris im Jahr 2020.

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