Dabei stellt das Laufen noch ein schlichtes Bewegungsmuster dar mit einem klaren Ziel, dem Vorankommen. Die Olympischen Spiele aber sind voll von Disziplinen, die die Fülle menschlicher Beweglichkeit mit den abstrusesten Qualifikationen einschränken. Hürdenlauf, Staffellauf, Hochhüpfen mit und Hochhüpfen ohne Stöckchen, das Schmeißen länglicher, rundlicher oder kantiger Objekte teils mit, teils ohne Henkel zum Anfassen, ein Gewehr abschießen (und nicht etwa einen Flitzebogen), während man zugleich Skier trägt und beileibe keine Rollschuhe - Dutzende sind es, wenn nicht Hunderte. Dass viele davon die dysfunktionalen Überreste veralteter Kriegstechniken darstellen, macht sie kaum sympathischer. Selbst wo das Bewegungsbild etwas runder und ganzheitlicher ausfällt, wie bei der Gymnastik, ist Sorge getragen, dass auch der Schönheitssinn von Pädophilen dabei auf seine Kosten kommt; und wenn die sieghaften Turnerinnen das siebzehnte Lebensjahr erreicht haben, sind Knie und Rückgrat in der Regel ein Schrotthaufen.

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Hochleistung und Spezialistentum sind hässliche Zwillingsgeschwister. Wer stemmen kann, kann nicht springen, und wer bravourös 100 Meter läuft, kommt bei 400 Metern außer Puste. Völlig einseitig werden bestimmte Abläufe hochtrainiert, oft bis ins Krankhafte hinein, und Sport ohne Sportverletzung scheint fast wie Kochen ohne Hitze. Der Kampf für den Amateurstatus und gegen das Doping ist im wesentlichen verloren gegangen.

Anders kann es auch gar nicht sein, wenn es allein auf die Hundertstelsekunde ankommt - das schaffen allein mit Chemie vollgepumpte Profis. Den allseits geschmeidig ausgebildeten, schön-gesunden Jünglingen, die das alte Griechenland so gern auf seine Vasen malte, wären die Medaillen von heute unerreichbar. In manchen Sportarten kommen überhaupt nur Freaks zum Zuge; manche, die heute Kugeln stoßen, waren vor hundert Jahren als bärtige Damen gegen Eintritt zu besichtigen. Längst sind die Spitzensportler in viele Haustierrassen zerfallen, die einen züchtet man auf Brust, die anderen auf Keule, und damit haben sie ihren Zweck erfüllt.

Die Sportler leisten Fragwürdiges; aber immerhin, sie leisten etwas. Wenn man ein Bild vom olympischen Betrieb gewinnen will, muss man sich aber auch ansehen, welche Leute ringsherum noch so ihr Wesen treiben. Da sind die Sportfunktionäre, eine Kaste, in der Arroganz und Korruption endemisch ist und die sich von den Leibern der Athleten nährt wie die Bandwürmer; da sind die Sportmediziner, deren ständige Präsenz die Nähe des Spitzensports zur Folter erkennen lässt - man kann die Prozedur überstehen, aber ohne ärztlichen Beistand ist das eher unwahrscheinlich.

Besonders aber drängen sich die Unzugehörigsten von allen ins Bild, die Nationen. Gibt es etwas Privateres, etwas, das in einem engeren Sinn nur dem Individuum gehört, als seine körperliche Beschaffenheit? Es wird niemals gelingen, die Fähigkeit, mit den Ohren zu wackeln, zu vergesellschaften, denn der Eine kann"s, der Andere nicht, hier klafft ein Abgrund. Und trotzdem erzeugen sportliche Großveranstaltungen unweigerlich eine Atmosphäre, in der die Vorstellung völlig plausibel erscheint, dass hier jemand, der mit den Ohren wackelt, dies für Luvonien tue. Millionen hängen an den Fernsehgeräten und feuern ihn an, er siegt, er steigt das Treppchen hinauf, eine Medaille wird ihm umgehängt - und zugleich weht über ihm die Flagge und ertönt die Nationalhymne, muffig und pompös wie alle Nationalhymnen. Er singt mit, es laufen ihm die Tränen übers Gesicht; und was einen allein an der ganzen Szene etwas versöhnlich stimmt, ist, dass er nach der ersten Zeile ¸¸O Luvonien, geliebtes Land des Morgenleuchtens" nicht mehr weiter weiß und sich in Triumph und Dankbarkeit, gut sichtbar in Großaufnahme, die peinliche Verlegenheit mischt.

Es gibt nur eine einzige weitere Situation, wo die Nation den intimen Körper des Einzelnen so rücksichts- und umstandslos einzieht wie beim Hochleistungssport: wenn sie ihre Soldaten in den Krieg schickt. Sport heißt auf allen Ebenen, die über die persönliche Fitness und das beiläufige Kicken im Hof hinausgehen, unbedingt: Kampf. Nur im Sinn des Kampfes ist die Leistung interessant. Dass es ein Wettkampf wäre, dämpft ihn, aber stoppt ihn nicht. Treten zwei Mannschaften an, gewinnt die eine und verliert die andere. Handelt es sich um Einzelkämpfer, gibt es Gold, Silber und Bronze, alle anderen gehen leer aus. ¸¸Dabeisein ist alles" - an dieses heuchlerische olympische Motto glaubt niemand, wahrscheinlich nicht einmal die Bogenschützen aus Bhutan. Wie jeder weiß, ist Siegen alles - wie im Krieg eben. Ernsthafter Sport, sagt George Orwell, hat mit fair play nichts zu tun. Von Orwell stammt auch die Definition, die er nach einem sowjetisch-englischen Fußball-Freundschaftsspiel gab, das in einer Massenschlägerei endete: Sport is war minus the shooting.

Von Orwell wird in den kommenden Wochen wenig zu hören sein, desto mehr vom olympischen Geist, in Wahrheit einem Geist von Hoteliers und Funktionären. In einer bombastischen und albernen Zeremonie wird man die Fackel ins Stadion von Athen trag, es werden dazu mehr Flaggen wehen als bei der UN-Vollversammlung, denn auch Grönland und die amerikanischen Jungferninseln haben je einen Sackhüpfer entsandt, und es werden wieder einmal die langweiligsten Reden dieses Planeten erschallen. Hoffen wir, dass, wenn alles vorbei ist, nicht mehr zu beklagen sein wird als die Routine eines großen Unfugs.

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  1. Sport ist Krieg ohne das Schießen
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(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.183, Dienstag, den 10. August 2004)