Philosophie Keine Kunst ohne Verletzung

Byung-Chul Han ist, obwohl oft heftig kritisiert, derzeit der am meisten beachtete Philosoph in Deutschland. In seinem neuesten Buch rettet er die wahre Schönheit: "Das Schöne entbindet mich von mir selbst."

Von Michael Stallknecht

Im vergangenen Jahr veranstaltete die Bayerische Akademie der Schönen Künste in München eine Vortragsreihe zum Begriff des Schönen. Es sei, lautete das beinahe einhellige Ergebnis, entgegen allen Unkenrufen gerade des 20. Jahrhunderts unverzichtbar. Dennoch blieb das Unbehagen am Begriff des Schönen, weil es zu viel davon zu geben scheint. Vom Smartphone bis zum eigenen Körper designen wir die Welt derart durch, dass "schön" ein triviales Attribut für ein Kunstwerk oder eine großartige Landschaft ist.

Vielleicht meinen wir in beiden Fällen gar nicht das selbe. Das jedenfalls legt der viel zitierte Philosoph Byung-Chul Han nahe, der in seinem jüngsten Großessay "Die Errettung des Schönen" betreibt - des wahren Schönen, versteht sich. Es weist sich gerade nicht dadurch aus, dass es sich uns bruchlos anschmiegt oder unsere Aufmerksamkeit an sich reißt. Dass wir das Schöne dennoch manchmal mit dem Gefälligen verwechseln, hat für Han Ursachen auch in der Geschichte der Ästhetik als wissenschaftlicher Disziplin: Edmund Burke definiert das Schöne als "das Glatte", für Immanuel Kant regt es spielerisch die Erkenntniskräfte des Subjekts an. Kant definiere Schönheit damit "autoerotisch", so Han, und raube ihr eine Dimension, nämlich die Fähigkeit, zu erschüttern, das Subjekt seiner Gewissheiten zu berauben. Genau das aber müsse eigentliche Schönheit leisten: "Vom Kunstwerk geht eine Stoßwirkung aus. Es stößt den Betrachter um. Das Glatte hat eine ganz andere Intentionalität. Es schmiegt sich dem Betrachter an, entlockt ihm einen Like. Es will nur gefallen und nicht umstoßen."

Um diese Stoßwirkung wiederzugewinnen, ruft Han eine Reihe philosophischer Kronzeugen an. Die Häufung der Stimmen ermüdet, manche dagegen fehlen (zum Beispiel Jean-François Lyotard oder Karl-Heinz Bohrer). Umso spannender freilich, wie Han - ausgesprochen wie unausgesprochen - Theodor W. Adorno für die Gegenwart revitalisiert. Wie für den inzwischen deutlich zu wenig gelesenen Frankfurter beinhaltet Ästhetik auch für Han eine gesellschaftskritische Perspektive. Das "Glatte" erkennt er gerade auch in den sozialen Vollzügen der Gegenwart wieder. Unsere Kommunikation verläuft reibungslos, Transparenz heißt das Ideal. Das "Digitalschöne" betätigt sich als Reizquelle, indem es immer besser auf die Wünsche des Nutzers reagiert und sich ihnen anpasst. Doch gerade darin bestätigt es uns nur in uns selbst. Die Begegnung mit dem Fremden und ganz Anderen fällt aus, die den eigentlichen Reiz des Schönen ausmacht.

Für den kapitalismuskritischen Autor Han steckt im Schönen ein Moment des Widerstands

Dagegen steckt für Han wie für Adorno im richtig verstandenen Schönen ein Moment von Widerstand, das die Selbstermächtigung des Subjekts zu zertrümmern vermag. "Errettung des Schönen ist Errettung des Anderen." Gerade die "Positivgesellschaft" bedarf für Han der einst von Adorno apostrophierten Negativität. Dieses Schöne ist nicht nur gefällig, es lässt den Schrecken und das Schreckliche erahnen. "Ohne Verletzung gibt es weder Dichtung noch Kunst. Auch das Denken entzündet sich an der Negativität der Verletzung." Nur was nicht glatt ist, kann das Ich aus seinem narzisstischen Kokon herausbrechen, es von seiner dauernden Selbstbestätigung befreien. "Das Schöne entbindet mich von mir selbst."

Es zeichnet das Schöne für Han aus, dass es sich nicht aufdrängt. Es verhüllt den Schrecken, von dem es berichtet und der ohne es gar nicht zu ertragen wäre. Das Kunstwerk ist, mit einer Formulierung von Walter Benjamin, der Gegenstand, "dem im letzten die Hülle wesentlich ist". Es ist deshalb alles andere als transparent, sondern fundamental undurchsichtig. Das gilt sogar in zeitlicher Hinsicht: Schön finden wir etwas oft erst, wenn wir uns daran erinnern. "Schön ist nicht die unmittelbare Präsenz und Gegenwart der Dinge", so Han. Das Schöne sagt nicht: Nimm mich. Es ist, wie Adorno gesagt hätte, nicht warenförmig.

Der Kapitalismuskritiker Han scheidet die grundverschiedenen Gestalten des Schönen also letztlich anhand der Haltung, die wir zu ihm einnehmen: Es gibt ein Schönes, das leicht zu haben ist und uns in unserer Autoerotik bestätigt. Und es gibt ein Schönes, das sich dem Betrachter nur vorsichtig enthüllt. Mit Sexyness hat es wenig zu tun, mit Erotik dafür umso mehr. "Eine andere Schönheit, ja eine Schönheit des Anderen wird nur wiederzugewinnen sein, wenn ihr wieder ein Raum jenseits der autoerotischen Subjektivität gewährt wird."

Han legt keine geschlossene Theorie des Schönen vor. Wie in all seinen Großessays reiht er Bruchstücke zu einem apodiktischen Grundgestus, durchdachte und assoziative, anstößige und scheinbar triviale. Dass dieses Verfahren in aestheticis besonders gut funktioniert, weiß man seit Nietzsche und Adorno. Das ist bei Han nicht anders, dem hier eine überzeugende Erklärung gelingt, warum uns die Schönheit so merkwürdig fremd geworden ist.