Philosophie Habe ich die Welt in mir?

Ein ungewöhnliches Buch sortiert im Rhythmus der Fragen und Farben die Möglichkeiten des Lebens. Es bringt schon Kinder dazu, darüber nachzudenken, was mit ihnen geschieht.

Von Hubert Filser

Ein Mädchen mit Zopf steht auf Zehenspitzen auf einem leuchtend gelben Stuhl und reckt ihre Hände nach oben, hinein in ein Meer aus Blau. "Wie werde ich die Welt sehen, wenn ich groß bin?", steht daneben. Ein paar Seiten später ist der Oberkörper eines Jungen zu sehen, sein Inneres ist gefüllt mit hellen Sommerwolken, wie auf einem Bild von Magritte, nur die Farben schimmern durchlässiger. "Habe ich die Welt in mir oder ist sie außer mir?" Ohne Vorrede oder Erklärung gerät man so mitten hinein in Britta Teckentrups Buch "Worauf wartest du?".

Und genauso geht es weiter im Rhythmus von Farben und Fragen. Es ist ein ungewöhnliches Buch für Kinder. "Worauf wartest du?" stellt ein eigenwilliges, in einem positiven Sinne eigensinniges Wagnis dar. Jede Frage, jedes Bild könnte das Buch zum Kippen bringen, es plötzlich allzu banal erscheinen lassen, sodass man es (gerade im digitalen Zeitalter) desinteressiert weglegt. Aber die Bilder mit ihren warmen Farben halten die Balance, sie sind selbstbewusst. Und so fängt das Buch an zu wirken. Man schaut, denkt, blättert.

"Bin ich was Besonderes?", "Warum gibt es immer neue Geheimnisse, wenn man eins gelüftet hat?", "Wird er mich küssen?" Es sind nebensächliche und grundsätzliche Fragen, Fragen an sich selbst und an die anderen. Für jedes Alter sind Gedanken dabei. Es ist ein Buch, das einen still macht und zur Ruhe kommen lässt. Für Erwachsene gab es solche Fragen-Bücher schon, der amerikanische Autor Padgett Powell hat einen komplett Roman in Fragen geschrieben. Für Kinder ist dieses Konzept eher neu.

Teckentrups Buch entwickelt seinen Reiz aus den Bildern heraus. Sie sind das eigentliche Rückgrat des Buches. Ein kleiner Junge steht auf einem Sprungbrett in luftiger Höhe und daneben die Frage: "Warum haben wir vor dem Springen Angst, wenn wir uns danach doch ganz mutig fühlen?" Das Brett ragt ins blaue Nichts. "Kann man an nichts denken?" zeigt einen Menschen, der auf einem Felsen mitten in einem See sitzt. Solche Traumbilder finden sich häufig. Sie sind die Ausgangspunkte, um die Gedanken schweifen zu lassen.

Teckentrup arbeitet mit verschiedenen Drucktechniken und setzt ähnliche Schablonen ein. Die Flächen bekommen so eine Struktur, die Farben wirken oft leuchtend und durchlässig zugleich. Aus dem Klang der Fragen wird allmählich ein Klingen der Farben. Es ist letztlich der Klang unserer inneren Gefühlswelt, den Teckentrup abzubilden versucht. Von ernst bis lustig, von ausgelassen bis nachdenklich, von zweifelnd bis selbstbewusst, von erdenschwer bis losgelöst. Die 1969 in Hamburg geborene Illustratorin erzählt zwischendurch auch kleine rührende Geschichten mit ihren Bildern, wie die von den Zwillingen, die ihr Leben lang zusammenbleiben wollen, bis einer am Ende übrig bleibt: "Und wenn eins schon gestorben ist, hält es das andere dann noch lange aus?"

Teckentrup hat Fragen "gesammelt". Man wüsste gern, wie sie sie fand. Hinter jeder steckt sicher auch eine persönliche Geschichte oder eine Begegnung. Manches berührt tief: "Warum kann nicht alles so bleiben, wie es ist?" Die Fragen erwarten meist keine Antwort, sie drücken eher ein Gefühl aus. Man will, wie der als Schattenumriss gestaltete Erwachsene, ewig mit seiner kleinen Tochter an der Hand durchs Leben gehen. Man weiß, dass es nie so sein wird. Aber wünschen darf man es sich ja. Und so sortiert dieses ungewöhnliche Buch die Fragen und Gefühle und damit die Möglichkeiten des Lebens. (ab 6 Jahre)

Britta Teckentrup: Worauf wartest du? Das Buch der Fragen. Jacoby & Stuart, Berlin 2016. 192 Seiten, 22 Euro.