Philosoph Die Politik der Babyboomer

Weil die Menschen in Deutschland immer älter werden, droht eine Diskriminierung der Jungen. Ein Gespräch mit dem Philosophen Michael Hampe zum Bundestagswahlkampf.

Interview von Karin Janker

Bestimmen die Alten den Wahlsieger? Die älteren Mitbürger werden in diesem Bundestagswahlkampf von allen Parteien intensiv umworben, zahlenmäßig stellen sie bereits die Mehrheit. Gleichzeitig zeugen auch außenpolitische Ereignisse wie der Brexit und die Wahlen in Großbritannien und in Frankreich von einer Kluft zwischen den Generationen. Darüber, was es für die politische Kultur Deutschlands bedeutet, wenn die Gesellschaft immer älter wird, macht sich der Philosoph Michael Hampe Gedanken.

SZ: Herr Hampe, bei der Bundestagswahl im September gibt es ein Novum: Erstmals stellen Menschen, die siebzig Jahre und älter sind, die größte Wählergruppe. Jungen Wählern liegen andere Dinge am Herzen als älteren, sie haben aber kaum mehr eine Chance, sich durchzusetzen. Ist das ungerecht?

Michael Hampe: Wenn diejenigen, die in der Minderheit sind, diskriminiert werden, ist das immer ungerecht. Im Fall der Generationengerechtigkeit ist eine solche Diskriminierung aber besonders heikel: Schließlich müssen die jungen Menschen viel länger mit den Folgen einer bestimmten Entscheidung leben. Offensichtlich wird das bei Themen wie Klimawandel und Umweltschutz. Leider haben wir keine Möglichkeit, eine Art "chronologischer Gerechtigkeit" herzustellen, indem wir denjenigen, die die Folgen einer Entscheidung tragen, ein größeres Stimmgewicht zugestehen.

Wird Politik künftig nur noch für die Älteren gemacht?

Hier kommen zwei Dinge zusammen: Zum einen die Tatsache, dass unsere Gesellschaft immer älter wird. Das wird zum Problem, wenn die Mehrheit der Alten bei der Wahl nicht an die Bedürfnisse der Jungen denkt. Zum anderen zielt die Frage aber auch darauf, dass Politiker einer bestimmten Klientel Versprechungen machen.

Man denke an die Versicherung von Martin Schulz, dass das Rentenalter nicht angehoben wird, sollte er Kanzler werden.

Ein solches Versprechen halte ich für fatal. Die Demokratie funktioniert nicht wie im Restaurant: Die Mehrheit, in diesem Fall die ältere Generation, bestellt, und die Politik serviert. Die Politiker sollten Kompromisse aushandeln und dabei auch an die Zukunft der Jungen denken - auch und gerade dann, wenn diese in der Minderheit sind.

Besonders drastisch war die Kluft zwischen den Generationen in Großbritannien beim Brexit-Referendum zu spüren: 75 Prozent der Jungen waren für den Verbleib in der EU, aber sie wurden überstimmt, vor allem von Über-65-Jährigen. Also bestimmen diejenigen, die nur noch ein bis zwei Jahrzehnte leben, die Bedingungen, mit denen die Jungen dann ein Leben lang zurechtkommen müssen.

Die Jungen (hier Besucher bei "Rock im Park") müssen sehr viel länger mit den Folgen einer politischen Entscheidung leben als die größte Wählergruppe in Deutschland, die von Menschen jenseits der Siebzig gestellt wird. Der Philosoph Michael Hampe träumt daher von einer Art "chronologischer Gerechtigkeit".

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Der Brexit trifft junge Menschen tatsächlich härter: Die Älteren brauchen beispielsweise keine internationale Ausbildung mehr und erschweren diese nun für die Jungen. Wenn man sich die Kampagne von Boris Johnson und dem damaligen Ukip-Chef Nigel Farage vor dem Referendum ansieht, zeigt sich außerdem: Viele Politiker haben verlernt, Verantwortung zu übernehmen. Da wurde gelogen und übertrieben, nur um die Abstimmung zu gewinnen.

Sie sagen "verlernt" - war das denn früher anders?

Ich sehe das Problem tatsächlich vor allem bei der Babyboomer-Generation, die jetzt fast überall an der Macht ist.

Also bei Ihrer eigenen Generation.

Ja, die meisten von uns sind sehr privilegiert aufgewachsen, verglichen mit der vorherigen Generation, die den Krieg miterlebt hat. Daraus kann man den Menschen natürlich keinen Vorwurf machen, aber diese relative Sorglosigkeit führte häufig zu einer oberflächlichen, kurzsichtigen Einstellung und zu Verantwortungslosigkeit. Unter der Politik der Babyboomer werden künftige Generationen leiden.

Allerdings gibt es ja auch für junge Leute nicht nur die Möglichkeit, wählen zu gehen, sondern sich auch politisch zu engagieren. Bei der französischen Parlamentswahl am vergangenen Sonntag blieben allerdings 74 Prozent der Jungwähler zu Hause. Sie sind Hochschullehrer und haben selbst einen Sohn im Teenageralter - wie politisch ist die Jugend von heute?

Ich merke, dass Donald Trump wahnsinnig viel kritisches politisches Potenzial bei jungen Leuten freisetzt. Dass aber gleichzeitig alles, was unter einer gewissen Empörungsschwelle stattfindet, also viel vom politischen Alltagsgeschäft, kaum auf Interesse stößt. Das hat auch damit zu tun, dass die Politik mit der Unterhaltungsindustrie um Aufmerksamkeit buhlen muss und dann eben oft verliert. Politiker müssten viel emotionaler für die eigene Sache streiten. Ich wünsche mir keine Schlammschlachten, aber zur demokratischen Auseinandersetzung gehört der Kampfcharakter dazu. Wenn zu lange eine große Koalition regiert, schadet das dem engagierten Wettstreit der Parteien.

Sie sind Mitte 50, ich bin Anfang 30 - was bedeutet ein solcher Generationenunterschied für unsere jeweilige Weltsicht?

Ich hatte immer überlegt, ob ich lieber Tierarzt werden soll, mich dann aber doch für die Philosophie entschieden. Die Option Tierarzt ist längst weggefallen, wie so viele andere Möglichkeiten. Je älter man wird, desto höher klettert man im Entscheidungsbaum und schließt Alternativen aus. Das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Ihnen und mir: Wenn Sie älter werden, erwägen Sie einfach nicht mehr so viele Möglichkeiten; das klingt banal, aber es ist ganz wesentlich für das eigene Denken und Handeln.

Michael Hampe, 1961 in Hannover geboren, lehrt Philosophie an der ETH Zürich. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik" (Suhrkamp Verlag).

(Foto: Horst Galuschka/imago)

Was bedeutet das für die politische Kultur einer Gesellschaft, die älter wird?

Die Menge an Möglichkeiten, die man noch zur Verfügung hat, prägt nicht nur das eigene Lebensgefühl, sondern sie beeinflusst auch politische Entscheidungen. Die Dynamik eines demokratischen Staates hängt davon ab, wie viele Menschen in einem Land wie viele Möglichkeiten erwägen. Ein Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung über vierzig Jahre alt ist, ist kulturell, technologisch und künstlerisch nun mal weniger dynamisch. Die Idee "Es könnte auch anders gehen" kommt bei jungen Menschen sehr viel häufiger auf als bei Menschen in meinem Alter, die versuchen das, was sie machen, gut zu Ende zu bringen.

Wie gelingt die politische Verjüngung?

Die bevorstehende Bundestagswahl bietet wie jede politische Abstimmung das Potenzial zur Verjüngung: In einer Demokratie muss sich nicht immer die Mehrheit durchsetzen. Ein Beispiel aus dem aktuellen Wahlkampf ist die Forderung der "Ehe für alle".

Die haben die Grünen gerade zur Bedingung für eine Regierungsbeteiligung erklärt.

Die Forderung, dass homosexuelle Paare die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare haben sollten, erhält sehr viel Zustimmung unter jungen Menschen und eher wenig unter älteren. Sie entspricht also momentan noch nicht der Mehrheitsmeinung. Trotzdem könnte die "Ehe für alle" bei einer Regierungsbeteiligung der Grünen kommen. Dann würde eine Forderung, die in Zukunft erst der Meinung der Mehrheit entsprechen wird, umgesetzt. Das wäre eine Form von chronologischer Gerechtigkeit.

Dieses Gespräch ist Teil einer Interviewserie zum Bundestagswahlkampf auf SZ.de: www.sueddeutsche.de/thema/Wahl-Watcher