Philip Roth Goodbye, Columbus

"Der menschliche Makel", "Die Brust", Empörung": Philip Roth ist einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Jetzt kündigt der 80-Jährige an, mit dem Schreiben aufzuhören.

Von Willi Winkler

In den Siebzigern, für die er als sexbesessener Autor galt und nach "Portnoys Beschwerden" und "Die Brust" auch noch den "Professor der Begierde" schrieb, überlegte der Schriftsteller Philip Roth, ob er sich nicht als nächstes einem allseits bekannten Phänomen zuwenden sollte, über das nie etwas zu lesen war: der Ehe, oder vielmehr deren Erschöpfung. "Zwei Menschen verlieben sich, sie heiraten - aber was passiert dann?" Die Sexualität, die Kraft, die die beiden einmal zueinander hingezogen hat, verschwindet mit den Jahren. "Die Ehe führt auf direktem Weg zur Keuschheit."

Das Buch über diese eben weit verbreitete wie verheimlichte Form der Keuschheit hat er bis heute nicht geschrieben, dafür ein paar Dutzend andere über vor-, außer-, aber auch innereheliche Sexualität, und wie sie die Beteiligten quält und doch selig macht. So wird sich in der neueren Literatur kam eine gewaltigere Szene finden als jene in "Empörung" (auf Deutsch 2009 erschienen), wo der Autor seinen Helden das erste sexuelle Erlebnis auskosten lässt, um ihn dann dafür mit dem Tode zu bestrafen.

Aber jetzt soll es damit aus und vorbei sein. In einem Gespräch mit dem französischen Magazin Les Inrockuptibles hat Roth seine vor gut fünfzig Jahren begonnene Laufbahn beendet. "Nemesis", im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen, soll sein letztes sein. "Wenn ich ein neues Buch schriebe, wäre es wahrscheinlich misslungen. Und wer möchte ein weiteres mittelmäßiges Buch lesen?"

Philip Roth gewährt nur wenige Interviews. Gelegentlich beugt er sich dem Druck seines Verlages und lässt sich für ein paar Minuten, ein, zwei Stunden vielleicht, mehr oder weniger eingehend befragen, weil das jeweils neueste Buch doch wieder der Propaganda bedarf. Eben sollte die französische Übersetzung von "Nemesis" herauskommen, und deshalb gestattete er dem Magazin Zutritt zu seiner New Yorker Wohnung.

Die Besucher fragten brav nach dem neuen Buch und natürlich danach, wie es der Autor mit der Politik hält (interessiert ihn nicht besonders), mit Amerika ("Ich bin ein Bürger wie jeder andere") und nach Barack Obama ("intelligent"). Sie waren nicht auf einen vorletzten Willen vorbereitet, auf einen donnernden Abschied von der Literatur. Es dauerte fünf Wochen, bis die New Yorker Literaturgemeinde das Interview mit Hilfe von Google übersetzt und anschließend die Botschaft bei Roths amerikanischem Verlag bestätigt fand: Ja, stimmt, es ist aus, unser Autor will nicht mehr. Bei einem demnächst 80-jährigen Schriftsteller sollte das niemanden erstaunen, und doch kommt es überraschend, denn Philip Roth nennt sich noch in diesem resignierten Gespräch als "fanatisch", und diese Leidenschaft sei erloschen. "Ich habe mein Leben dem Roman geweiht", sagt er ein wenig pathetisch, doch inzwischen sei ihm jede Lust vergangen, sich wieder und wieder mit einem schlechten Wort, einem schlechten Satz, einer schlechten Geschichte abzugeben.

Das Gespräch wird dann grundsätzlicher, als es ein Standard-Interview sonst erlaubt. Schreiben bedeute, dass man im Unrecht sei, meint der aufgehörte Schriftsteller. "Alle Entwürfe erzählen die Geschichte vom Scheitern. Ich bringe einfach nicht mehr die Energie auf, mich dieser Kraft entgegenzustellen." Stattdessen beschäftigt ihn der Nachruhm. Philip Roth hat Wikipedia, das ihn erst als "unzuverlässige Quelle" ablehnte, eine Korrektur in dem Artikel über seinen Roman "Der menschliche Makel" aufgenötigt, und er hat sich mit Blake Bailey, der sich bereits John Cheever vorgenommen hat, darauf verständigt, dass er seine Biografie schrei-ben solle.

Mehr nicht? "Amerika sehe ich nur im Fernsehen, aber ich lebe dort nicht mehr", sagt Philip Roth zum Schluss und zeigt damit, dass er doch kein normaler Bürger, sondern zuerst und zuletzt Schriftsteller ist. Er werde schreiben, bis er nicht mehr arbeiten könne, hat er einmal gesagt. Wir warten gespannt auf sein nächstes Buch.