Ob Williamsburg, Södermalm oder Berlin-Mitte: Der Hipster ist unter uns. Oder nicht? Über eine tragische Rolle der Gegenwart, die niemand spielen will, obwohl sie überall herbeigeredet wird.
Wer in den vergangenen Jahren, Monaten, Tagen, Stunden auch nur mit einem halben offenen Auge durch die Presse, das Internet, die Welt gestolpert ist, der hat überall dort, wo es um die Frage ging, wo denn so etwas wie der Puls der Gegenwart schlage, immer schon besondere Gesellschaft gehabt. Am maßgeblichen Ort für dieses oder jenes, für Urlaub, Musik, Essen, Trinken, Sein, hat er sie getroffen. Und auch die maßgeblichen, die "angesagten" Dinge, die zu lesen sind, anzusehen und anzuziehen, all dies haben sie schon gelesen, gesehen und angezogen: die "Hipster".
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Sorgfältig zerzauste Frisuren, Umhängetaschen und eine große Brille mit schwarzem Plastikgestell: Den Hipster trifft man auch in Stockholms Szeneviertel Södermalm an. (© dpa)
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Die Zeitschrift Neon sieht sie in ihrer aktuellen Ausgabe in einem Club in Moskau, der Berliner Tagesspiegel hat sie in dieser Woche wieder einmal in den Bars in der Oranienstraße entdeckt, die taz meldete, dass es in der "US-Hipster-Szene" cool sei, sich als Indianer zu kleiden, die Neue Zürcher Zeitung weiß, dass es die Stockholmer Hipster in den Stadtteil Södermalm zieht und wo sie sich in Reykjavik herumtreiben, Geo Saison stand mit ihnen in Prag an der Bar, die Welt fand sie in Australien zwischen Sydney und Brisbane, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kennt die "Hipster-Labels" in Paris und die Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung bemerkte kürzlich, dass "Großstadt-Hipster" ihre Wohnungen jetzt mit ausgestopften Tieren dekorieren. Bei Google Trends ist deutlich zu sehen, dass sich die Kurve der Popularität des Suchbegriffs "Hipster" seit Mitte der Nullerjahre bis heute kontinuierlich nach oben bewegt.
Eine ambivalente Figur im Personal der Gegenwart
Vor nur etwas mehr als einem Jahr veranstaltete sogar die renommierte New Yorker New School for Social Research eine Tagung zum Thema. Das sie den historisierenden Titel "What was the Hipster?" trug, war natürlich kein Zufall. Im Gegensatz zum anderen inflationär erwähnten quasi-subkulturellen Phänotyp der Nullerjahre, dem Nerd, ist er die ambivalentere Figur im Personal der Gegenwart. Denn obwohl er offenbar eine unverzichtbare Planstelle besetzt, will längst niemand mehr einer sein.
Meist wird der Hipster als eine mehr oder weniger lächerliche, auch tragische Figur vorgestellt, dem sein Distinktionswahn den Blick dafür verstellt hat, was für eine uniformierte und alberne Gestalt er eigentlich ist. In Robert Lanhams "Hipster Handbook" wird er als irrer Idiosynkrat vorgestellt, als einer, der Geschmacksurteile, Verhaltensweisen und Ansichten habe, die von den Coolen für cool gehalten werden, sowie im Idealfall nicht mehr als einen Körperfettanteil von zwei Prozent.
Der Hipster benutze ununterbrochen den Begriff postmodern, gerne auch in der Kurzform "pomo", trage sorgfältig zerzauste Frisuren, Umhängetaschen und eine große Brille mit schwarzem Plastikgestell, er gebe vegetarische Dinnerpartys, spreche von seinem einen konservativen Freund als seinem "einen konservativen Freund" und erwähne gerne unvermittelt, dass er auch schon mal einen Partner gleichen Geschlechts geküsst habe.
Zwischen Straße und Marketing-Abteilung
Und dort, wo er nicht als Lächerling oder krampfiger Exzentriker porträtiert wird, ist er nicht mehr als junger Konsum-Avantgardist in engen Hosen, ein seelenloser Trendsetter mit Wohnsitz im Mission District in San Francisco, in Londons Shoreditch, in Berlin-Mitte oder eben im Hipster-Viertel schlechthin, dem New Yorker Stadtteil Williamsburg, das der Schauspieler Vincent Gallo einmal als riesiges Studentenwohnheim beschrieb, nur ohne die Hausaufgaben. Der New Yorker Autor Mark Greif entwarf den Hipster auf der New-School-Tagung dementsprechend als Mittelsmann zwischen Straße und den Marketing-Abteilungen der Konsumgüterindustrie, der den Ausverkauf alternativer Quellen sozialer Macht vorantreibt.
Tatsächlich ist der Hipster in seiner fleißigen Gegenwartszugewandtheit, seinem Qualitätsbewusstsein und seiner detailversessenen Lebensausstattung der Traum aller Zielgruppen-Strategen im heillos vernischten Informationskapitalismus. Die Anziehungs- und Erklärungskraft des Begriffs und des Lebensmodells "Hipster" wäre damit jedoch noch nicht wirklich erfasst.
Dass manche nun das Ende des Hipsters gekommen sehen, ist nicht denkbar ohne die Idealisierung der Geschichte des Phänomens.
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hallo sueddeutsche.de,
mitten im text und dann auch noch über vergrößerten bildern taucht die werbung auf. permanent und überall. es blinkt überall. Haben Ihre desktop-designer-hipster oder wie auch immer diese leute heißen keine ahnung?
einfach diese beschissene werbung unbewegt machen und an den rand verschieben, oder weglassen.
das ist so langweilig
Wer´s wirklich intelligent mag, der pflegt das Dandytum.
Bestens beschrieben in Verena v.d.Heyden Rynsch: "Riten der Selbstauflösung"
Alles andere sind doch nur affige Mode- Fatzkes.
Amüsant geschrieben.
Man hat den Eindruck dass "Hipser" in Deutschland besonders häufig vorkommen. Das merke ich zB stark wenn ich 2 Wochen bei Verwandtschaft Übersee zu Besuch war und dann zurück fliege. Da merkt man schon im Flugzeug wieder unter Deutschen zu sein, jede Strähne sitzt, auch ältere Damen haben ihren betont unkonformen Stil (Holzschmuck und Bubikopf) und sehen trotzdem alle gleich aus. Und dauernd wird mit den Augen gerollt, affektiert genervt getan, gelästert, sich wegen Lapalien aufgeregt und heiß diskutiert. Es ist schon immer ein kleiner Kulturschock, befand man sich gerade noch unter seelenruhigen Amerikanern, wo auch mal zum niederknien naturschöne Menschen im weißen Schlabber-T-Shirt und Hausschuhen im Supermarkt einkaufen, merkt man erst richtig welche Unruhe die meisten Deutschen ausstrahlen. Und welche Unsicherheit bezüglich sich und der Welt um sie herum. Das ist es wohl was einen "Hipster" auszeichnet.