Von Jörg Häntzschel

Der Architekt des Holocaust-Mahnmals in Berlin, Peter Eisenman, findet es ganz normal, dass Bauwerke altern und ausgebessert werden müssen: "Immerhin stürzt hier nichts ein und tötet Menschen wie bei der Brücke in Minneapolis."

SZ: Es ist gerade mal zwei Jahre her, dass das Holocaust-Mahnmal in Berlin fertiggestellt wurde. Jetzt treten bereits die ersten Risse auf. In Berlin ist man, gelinde gesagt, erstaunt.

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Peter Eisenman vor dem Holocaust-Mahnmal in Berlin. (© Foto: AP)

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Peter Eisenman: Ach, in Berlin werden wir schon seit 20 Jahren angegriffen. Die Zeitungen brauchen immer irgendeinen Skandal. Man sollte das nicht zu dramatisch sehen, es ist ja nicht so, dass hier alles zerbröselt. Ja, es gibt einige Risse, sie sind aber nicht breiter als ein Millimeter und gefährden das Bauwerk nicht im geringsten. Jetzt arbeiten wir gemeinsam mit der Ingenieurfirma Happold und mit der Betonfirma an einer Lösung. Wenn Sie 2700 Stelen bauen, werden immer einige weniger gut sein als die anderen. Wenn Sie 2700 Weintrauben kaufen, sind auch ein paar faulige darunter. Ich will die Sache nicht herunterspielen, aber überrascht bin ich keineswegs.

SZ: Aber sind die Schäden nicht ein bisschen sehr schnell entstanden?

Eisenman: Es gibt eine berühmte Geschichte von Frank Lloyd Wright. Eines Nachts klingelt ihn einer seiner Klienten wütend aus dem Bett: Mr. Wright, in meinem Haus regnet es rein! Wright erwiderte: Was, Sie haben es im Regen stehen lassen? -Wenn immer Sie ein Gebäude dem Regen, der Sonne und dem Frost aussetzen, werden Sie früher oder später Probleme haben. Und in einem extremen Klima wie dem in Berlin erst recht. Jedes Gebäude muss unterhalten, repariert, ausgebessert werden, das ist völlig normal. Ich bin gerade umgezogen, in eine nagelneue Wohnung. Nun stelle ich fest, dass das heiße Wasser nicht funktioniert. Also muss ich mich eben darum kümmern, dass jemand kommt und es repariert. So what? Immerhin stürzt hier nichts ein und tötet Menschen wie bei der Brücke in Minneapolis.

SZ: Ist denn die konkrete Ursache für die Risse schon bekannt?

Eisenman: Die Ingenieure werden Ihnen vielleicht sagen, dass wir nicht genug Stahl verwendet haben oder dass der Beton nicht lange genug getrocknet hat. Noch wissen wir es nicht. Mein Techniker Sebastian Mittendorfer, ein Deutscher, war in dieser Angelegenheit schon zweimal in Berlin. Wir kümmern uns darum.

SZ: Die Betonfirma schlägt vor, Kunstharz in die Risse zu injizieren, um die Risse zu versiegeln.

Eisenman: Sehr gut! Solange sie nur nicht mit Beton flicken. Das sieht nämlich wirklich ganz schrecklich aus. Ersetzen wird man die rissigen Stelen jedenfalls nicht können, weil es keinen Kran gibt, der groß genug wäre, um an die Stelen in der Mitte des Feldes heranzukommen.

SZ: War dieser in Ihren Augen erwartbare Verfall Teil des ästhetischen Konzepts?

Eisenman: Wenn Sie mit Beton bauen, wissen Sie nie, wie genau das Material altern wird. Sie wissen nie, ob sich die Farbe verändern wird, ob der Rostton von der Stahlarmierung durchkommt. Alles Mögliche kann passieren. Schauen Sie sich die älteren Betonbauten in Berlin an. Da sehen Sie die tollsten Sachen. Schauen Sie sich Norman Fosters Gebäude an. Beton bleibt nun einmal nicht lange monolithisch. Aber es ist gar nicht mal nur der Beton. Jedes Gebäude wird alt. Schinkels Altes Museum, wie oft wurde das schon restauriert, der Stein erneuert. Niemand käme auf die Idee zu sagen: Oh, da sind aber Risse, da wurde schlecht gearbeitet! Das Alte Rom! Nothing is forever!

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(SZ vom 8.8.2007)