Persepolis: Iran und das persische Erbe Der Stolz der Ahnen von Artaxerxes

Machtkampf unterm Sonnendach: In Iran versucht ein Getreuer Ahmadinedschads, die Gesellschaft mit neuen Ideen zu begeistern. Dafür plündert er auch die persische Vorgeschichte. Warum kommen jedes Jahr mehr Iraner nach Persepolis, der alten Stadt des persischen Großreiches? Ist es Stolz - oder Sehnsucht?

Von Elisabeth Kiderlen

Kurz vor Sonnenuntergang. Aus allen Winkeln der ausgedehnten Palastanlage von Persepolis strömen die Besucher dem Ausgang zu, hinter sich die hohen Säulen, die Reliefs von Stieren, Löwen und Königen, die breite Freitreppe mit dem Fries, der die Abgesandten von 23 tributpflichtigen Völkern mit Gaben für Darius den Großen, den König der Könige, zeigt - Kamele und Schafe, Krüge, Schwerter, Pferde, Schmuck und Gewänder. In die grau-rosa Bergwand über der enormen Terrasse sind - für Sterbliche unzugänglich - die Felsengräber von Artaxerxes II und III eingegraben, über den Reliefbildern der Achämeniden-Könige schwebt Ahura Mazda, der "weise Herr", die zarathustrische Gottheit.

In Persepolis, so wird angenommen, feierten die Völker des antiken persischen Großreichs, das um 500 v. Chr. vom Indus bis nach Libyen und dem Schwarzen Meer reichte, mit ihrem Herrscher das persische Neujahrsfest. Seit jüngster Zeit versammeln sich auch moderne iranische Familien hier, um am Frühlingsanfang Nowrooz zu feiern. Kilometerweit kampieren sie dann neben der Straße. Rund 100000 Menschen kommen im Jahr, vor zwanzig Jahren waren es um die 8000.

Eine regelrechte Wallfahrt, nur was ist das Ziel der Reise? Die Selbstversicherung, den Nachfahren eines einst mächtigen, kultivierten, überlegenen Volkes anzugehören, das weite Teile der damals bekannten Welt beherrschte? Die Linderung der Kränkung, unter den bedeutenden Nationen der Welt heute keinen Platz mehr zu finden? Ein Ausdruck des Stolzes auf die königlichen Ahnen, die, und dies wird Besuchern immer wieder gern erzählt, schließlich die Menschenrechte "erfunden" hätten? "Mein Sohn", heißt es im Testament des Darius, "bete immer zu Gott, aber zwinge niemanden, Deiner Religion zu folgen. Habe immer in Gedanken, dass alle Menschen frei sein müssen und jeder seiner eigenen Religion und Überzeugung folgen darf."

Auf jeden Fall scheint der Besuch bei den alten Königen eine demonstrative Geste zu sein und Persepolis, wie in jüngster Zeit die Auseinandersetzung zwischen orthodoxem Klerus und der Regierung von Mahmud Ahmadinedschad zeigt, immer erneut ein Kristallisationspunkt kontroverser Haltungen.

Die islamische Republik Iran im 32. Jahr ihrer Existenz. Überall im Land wird am Rande großer und kleiner Städte gebaut, neue preiswerte Wohnungen sollen die kräftigen Subventionskürzungen für Brot, Elektrizität und Benzin ausgleichen und jungen Paaren die Familiengründung ermöglichen. Die hohe Arbeitslosigkeit - offiziell 15 Prozent, Experten halten diese Zahl jedoch für viel zu niedrig - bleibt ein drückendes Problem. Noch im März hatte die Regierung Ahmadinedschad erklärt, dass sie 2,5 Millionen neuer Jobs geschaffen hätte, vor dem Parlament musste der Arbeitsminister nun zugeben, "dass diese Absicht existiere, es jedoch einige Probleme gebe".

Lähmender Stellungskampf statt Tabubrüche

Doch bedeutsamer als die schlechte Wirtschaftslage ist der Mangel an neuen, mitreißenden Ideen, die Unfähigkeit der geistlichen Nomenklatura, neue Zielvorstellungen zu entwickeln, die eines Opfers und jeglicher Geduld für wert befunden würden. Stattdessen führt die Orthodoxie einen lähmenden Stellungskampf zum Erhalt des einmal Erreichten. Wie gefährlich diese geistige Ödnis für das Regime werden kann, hat ein Mann gemerkt, der zu einer von den Konservativen gefürchteten und gehassten Figur aufgestiegen ist: Esfandiar Rahim Maschaei, der Freund und Stabschef von Präsident Ahmadinedschad. Denn darf ausgerechnet ein Gottesstaat sich nur auf die Macht des Faktischen, in diesem Fall auf die bewaffneten Truppen und den Geheimdienst stützen und ohne Zukunftsvorstellungen und Spiritualität auskommen? Die Träume einer besseren Zukunft werden derzeit bei der Grünen Bewegung geparkt und die Spiritualität bei den Sufis, die ebenfalls von der Orthodoxie bekämpft werden.

Tastend versucht Maschaei, die ideelle Leerstelle mit einer Mischung aus Rationalität und Re-Ideologisierung zu füllen. Er erklärt den politischen Islam für überholt und dessen wichtigstes Symbol, den Hedjab, also die Verhüllung des weiblichen Körpers, für eine freiwillige Entscheidung der Frau. Ein Tabubruch. Der zweite Tabubruch: Er verkündet, dass er und die iranische Bevölkerung Freunde des amerikanischen und israelischen Volkes seien.