Performance Zwischen Himmel und Erde

Die Münchner Künstlergruppe "Super+" will ihren Phoenix im Februar auf Mauritius fliegen lassen

Von Evelyn Vogel

Es gäbe geeignetere Monate für dieses Vorhaben als den Februar. Monate, in denen die Höchsttemperatur das Quecksilber nicht über die 30 Grad Marke treibt, in denen die Luftfeuchtigkeit nicht über 80 Prozent steigt und an denen es selten mehr als an zwei Tagen regnet. Und das Allerwichtigste: Monate, in denen nicht mit Zyklonen zu rechnen ist, die Mauritius von November bis April mit unschöner Regelmäßigkeit heimsuchen. "Warum kennen wir diese Klimatabelle nicht", flachsen die Mitglieder der Künstlergruppe "Super+" angesichts der Klimatabelle herum. Um gleich mit einem breiten Grinsen nachzuschieben: "Wir wissen, dass wir uns womöglich ins Auge des Zyklons begeben." Am 15. Februar werden sie für zehn Tage nach Mauritius fliegen, um ihr Kunstprojekt "Der Flug des Phoenix" zu realisieren.

Das Projekt ist vielen Münchnern noch in Erinnerung vom Kunstarealfest 2015. Damals präsentierten der Bildhauer und Multimediakünstler Alexander Deubl, der Maler Christian Muscheid und der Produktdesigner und Innenarchitekt Konstantin Landuris ihren Phoenix zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit. Vorangegangen waren Versuche im Englischen Garten, die nicht alle von Erfolg gekrönt waren. "Wir mussten auch erst lernen, wie man ihn lenkt", erinnert sich Muscheid. Aber später schwebte das Objekt wie ein silbriger Wirbelwind, der ständig seine Form veränderte, über der Wiese neben der Alten Pinakothek. Es wurde beinahe so etwas wie das Wahrzeichen der Aktion, mit der München sein Kunstareal ähnlich populär machen wollte wie die Museumsinsel in Berlin, das Museumsquartier in Wien oder gar die Museumsmeile in Washington. Dass davon noch lange nicht die Rede sein kann, dafür finden sich viele Gründe. Die Schuld des Phoenix, der übrigens von dem Robert-Aldrich-Film mit Hardy Krüger aus den Sechzigerjahren inspiriert ist, war es sicherlich nicht. Denn mit dem Bild des Vogels, der aus der Asche entsteht, hatte man eine Steilvorlage geliefert.

Der Phoenix von "Super+" besteht aus dünner, silbrig glänzender Satellitenfolie. Viele Bahnen werden mit 2,4 Kilometer Klebeband zu einem Dreieck von 60 mal 35 mal 20 Metern zusammengeklebt. "Die Folie ist dadurch eigentlich ziemlich stabil, aber wenn sich während der Performance doch irgendwo ein Riss auftut, muss man den ganz schnell reparieren", erzählt Deubel. "Operation am offenen Herzen sozusagen", ergänzen die anderen. Denn sonst würde das Luft-Helium-Gemisch entweichen und der Phoenix abstürzen. Jeder Phoenix ist ein Unikat. Das Material leidet allerdings, wenn der Wind lange daran zerrt. Denn wenn alles gut läuft, kann das Objekt, das mit Hilfe von Seilen an drei Ecken geformt und gesteuert wird, stundenlang wie ein Quecksilbertropfen über den Himmel wabern. "Es ist eher die Frage, wann uns bei der Performance die Kraft ausgeht", erzählt Landuris. Dabei spiegeln sich Himmel und Erde in der Folie, und es entsteht ein Rauschen, das an einen Wasserfall erinnert.

Zeitlose Architektur und ein vergängliches Objekt in ständigem Wandel: Im Oktober 2016 stieg der Phoenix über dem Trocadéro-Brunnen in Paris bei der "Nuit Blanche" auf.

(Foto: Kiki Nichols)

Die Gruppe "Super+" haben die drei Künstler 2012 gegründet. In einer alten Tankstelle an der Münchner Belgradstraße fing alles an. Jedes Mitglied ist für sich künstlerisch aktiv. Aber im Kollektiv stemmen Deubl, Muscheid und Landuris Projekte im öffentlichen Raum, organisieren Ausstellungen und engagieren sich im sozialen Bereich. Sie entwarfen die Installation "Otto-Bar" und präsentierten sie während der Biennale in Venedig 2017 auf dem Dach des Hotels Gabrielli. Anschließend gastierten sie damit im Garten des Lenbachhauses und schließlich in Athen, bei der Zweitspielstätte der Documenta 14. Sie unterhalten in der Maxvorstadt den "Centercourt", in dem sie ihre Lust an Kooperationen mit anderen Künstlern ausleben. Und sie haben schon zweimal für den Nachwuchs Alm-Residenzen ausgeschrieben, in denen Kunstprojekte in der Natur verwirklicht werden.

Auch der "Flug des Phoenix" ist ja ein solches Kunstprojekt in der Natur. Und schnell fühlt man sich an einen ungleich bekannteren Naturinterventionisten erinnert: Christo. Der hat ja nicht nur Gebäude verhüllt, sondern auch viele künstlerische Inszenierungen in der Natur vorgenommen, zuletzt die "Floating Piers" in Italien. Ja, dessen Herangehensweise fasziniere sie schon, geben die drei zu. Auch wenn Christos Projekte völlig andere Dimensionen aufweisen. Aber ähnlich wie Christo stellen sich auch die Mitglieder von "Super+" Fragen wie: Wo fängt das Kunstprojekt an, wo hört es auf? Wenn so viel Logistik dahinter steckt, ist es schon Kunst, wenn ein Projekt überhaupt verwirklicht wird? Ist also der Weg das Ziel? Oder zählt erst das Ergebnis? Und braucht es Publikum, um Kunst zu sein? Letzteres beantworten die drei unisono mit "nein".

Einen ziemlich großen logistischen Aufwand, aber auch ziemlich viel Publikum hatte der "Flug des Phoenix" Anfang Oktober 2016 bei der "Nuit Blanche" in Paris. Am und über dem Trocadéro-Brunnen in Sichtweite zum Eiffelturm stieg er auf, in farbiges Licht getaucht nach einem Konzept von Ingo Maurer. Dazu umspielten Musiker mit klassischen und elektronischen Sounds nach einem ebenfalls eigens erstellten Konzept die Installation. Eine Designerin hatte zudem Kleider für die Performance entworfen. Ein Team von 20 Leuten war damals in Paris zu Gange.

Das Mauritius-Projekt wird auch nicht ganz klein werden. Aber warum ausgerechnet Mauritius? Da lachen die drei. "Einfach weil es unseres Wissens nach dort noch nie ein Kunstprojekt gab." Dass auf der Insel zudem verschiedene Weltreligionen friedlich nebeneinander existieren, hätte ihnen die Insel im Indischen Ozean zudem sympathisch gemacht. Dennoch wird es für Deubl, Muscheid und Landuris eine Reise ins Unbekannte. "Das wird kein Urlaubsausflug, sondern ein schwieriges Unterfangen mit Expeditionscharakter", sind sie sich sicher. Erstmals werden sie den Stadtraum verlassen und den Phoenix in einer unberechenbaren Natur fliegen lassen. Fernab jeglichen Kunstgeschehens. Zehn Tage hat die Gruppe Zeit, um die Performance zu realisieren. Und wer wird sie sehen? "Vielleicht keiner. Vielleicht kommen aber auch Touristen zufällig dazu oder Fischer, und dann wird es spannend sein zu sehen, wie die reagieren", schwärmen sie. In jedem Fall wird es eine Foto- und Videodokumentation der Performance geben.

Zwei Phoenixe hat die Gruppe vorbereitet, verpackt auf Euro-Paletten. Fünf Heliumflaschen, jede 50 Kilogramm schwer, ein Stromaggregat und jede Menge weiteres Equipment muss das Team vor Ort bringen. Je nach Standort mit Booten. Womöglich müssen sie die Sachen aber auch durch den Wald schleppen. Sie haben Freunde auf der Insel, die ihnen helfen werden, einen passenden Ort zu finden, und bei denen sie auch wohnen können. "Sonst wäre das alles gar nicht finanzierbar", sind sich die Drei einig. Im Idealfall wird die Phoenix-Performance bei strahlendem Sonnenschein unter blauem Himmel mit Sandstrand am Meer stattfinden. Im Moment sind die Wetteraussichten auch gar nicht so schlecht. Vielleicht gibt es doch keine geeigneteren Monate für den "Flug des Phoenix" als den Februar.