Performance Die anderen Seiten

Mit einem Facebook-Aufruf und Flyern hat Veronica Unterstützer für ihre Idee gesucht. Was daraus wird, ist noch offen.

(Foto: Privat)

Eine Kunstaktion unterstützt am Sonntag ein neues Subkultur-Magazin. "München ist Dreck" soll ein offenes Mitmach-Medium werden und Ungewohntes über die Stadt erzählen

Von LENA ABUSHI

Da drüben gibt es eine Performance, ich komme gleich wieder!" Eine Kamera in der Hand, läuft Veronica Burnuthian über den Hof vor dem Club "Import Export". Sie will eine schwedische Künstlerin fotografieren - für den ersten Beitrag im neuen Stadtmagazin München ist Dreck, das Magazin, das sie gerade selbst gründet hat. "Mal sehen, was daraus wird. Ich mache das zum ersten Mal", sagt Burnuthian mit gelassener Ergebnisoffenheit und sschaut einen an mit großen, dunklen Augen. Bei einem Konzert, das sie selbst mal in Bremen gab, fiel ihr dort ein ähnliches Magazin über die dortige Subkultur auf. In München fehle so ein Medium, fand sie. Die 25-jährige Studentin startete einen Facebook-Aufruf und verteilte Flyer. Von der Resonanz war sie selbst überrascht - mehr dreißig Leute machen mittlerweile aktiv bei ihrem Magazin mit.

Burnuthian wuchs in einem armen Viertel in Brüssel auf. Ihre Eltern waren aus Armenien nach Belgien geflohen. In Armenien war ihr Vater Arzt, ihre Mutter Krankenschwester. In Belgien konnten beide ihren Berufen nicht mehr nachgehen, weil ihre Ausbildung nicht anerkannt wurde. Das habe ihre Eltern schon sehr frustriert, sagt Burnuthian. In ihrem Viertel gab es viele Probleme, andererseits aber auch eine starke Subkultur, für die sich Veronica schon als Jugendliche interessierte: "Mein Vater wollte nicht, dass ich Kunst mache", sagt Burnuthian. Durch eine Sprachreise kam sie als Schülerin das erste Mal nach Bayern, vor fünf Jahren zog sie nach München und studiert heute Grafikdesign an der hiesigen Hochschule. Ein Kompromiss also zwischen Ausbildung und Praxis . Für München ist Dreck wird Burnuthian hauptsächlich das Layout machen.

Mit dem Titel konnten sich nicht alle, die mitmachen, gleich anfreunden. Die meisten leben, auch wenn sie vieles an München kritisieren, doch gerne in der Stadt. Aber Burnuthian meint das gar nicht so negativ. Dreck steht für sie für die Subkultur in München. Der Titel könnte also übersetzt werden mit "München ist Subkultur". Gerade die Tatsache, dass die Stadt so sauber und sicher ist, mag Burnuthian an München, einer vermeintlich perfekten Stadt, in der aber die Subkultur zu wenig wahrgenommen werde: Das neue Magazin soll eine Plattform werden für unbekannte Künstler - Musiker, Maler, Poeten, Fotografen: "Es soll ein offenes Medium werden, bei dem einfach jeder mitmachen darf," sagt Burnuthian.

Gregor Sandler, Künstlername GrGr, der auch in der Band ZooEscape spielt, kommt mit der Gitarre unterm Arm in den Club. Er wird an diesem Abend im "Import Export" spielen, um zur Finanzierung der ersten Ausgabe des Magazins beitzutragen. Sandler fragt nach der Gästeliste für ein paar Leute, die kein Geld haben, um den Eintritt zu bezahlen: "In München ist alles so teuer, gerade das Weggehen. Ich finde, kleine, selbst organisierte Projekte sollten mehr gefördert werden - deshalb unterstütze ich das Magazin", sagt er. Auch Erol Dizdar tritt mit seiner Alleinunterhalter-Performance "Die Lore aus München" auf. Dizdar glaubt, dass gerade das saturierte Image von München die Subkultur vorantreibt, als Widerstand gegen die vorherrschende Schickeria: "Viele ziehen in andere Städte, weil sie denken, dass in München keine Subkultur funktioniert. Leipzig ist das neue Paradies für Alternative und Künstler, sozusagen das neue Berlin. Dort laufen lauter alternative aufgeklärte Väter wie aus dem Bilderbuch rum, und in jeder Ecke sind diese veganen Läden. Das finde ich alles so plakativ." Dizdar brauche gerade diesen Gegensatz in München, um künstlerisch tätig zu sein.

"In Leipzig oder Berlin so etwas zu machen, ist doch einfach!", stimmt Jonas Schmailz, der als Kameramann arbeitet und Fotos für München ist Dreck machen wird, zu. Schmailz glaubt nicht, dass jemand etwas an dem Magazin verdienen wird - und macht gerade deshalb mit: "Es gibt so eine Aufbruchstimmung. Ich treffe in letzter Zeit viele Leute, die etwas machen wollen, anstatt sich nur aufzuregen über die Missstände in München", sagt er.

Für Michael Landejsek ist das subkulturelle Leben wichtiger Ausgleich zum Berufsleben. Seit 2011 arbeitet er in München als Archäologe. Sein Künstlername ist "Lachpillenonkel". Auf dem Weg von einer Baustelle zur nächsten spürte er gleich "dass du schief angeschaut wurdest, weil du dreckige Klamotten anhast". Doch dann entdeckte er die Glockenbachwerkstatt, auch das Kafe Kult wurde Teil des Subkultur-Netzwerks: "Ich habe München von einer anderen Seite kennengelernt, Orte entdeckt, an denen ich mich aufgehoben fühlte - und ich finde, dass man die Nischen, die es in München für die Subkultur gibt, unbedingt erhalten sollte", sagt Jandejsek. Für das Magazin will er Münchens "dreckige Geschichte" erzählen und diese durch Zeichnungen illustrieren.

Nur noch wenige Minuten, bis das Benefizkonzert beginnt. Der Saal ist gut gefüllt. Ein Mitarbeiter des Clubs fragt in die Runde: "Gibt es jetzt noch eine Ansage? Ein paar Leute fragen nach einem Infostand über das Magazin." Veronica Burnuthian isst gerade eine Suppe und antwortet schüchtern: "Ich glaube nicht, dass ich etwas sagen werde." Man spürt: Es geht hier wirklich um die Aktion, nicht um die Person. Und das ist echt sympathisch.

München ist Dreck, Kunstaktion mit Ausstellung, Klangexperiment, Sprayaktion, Malaktion u.a., Sonntag, 10. Mai, 16 Uhr, unter der Wittelsbacherbrücke