SZ: Hat es nicht doch was mit Schweden zu tun, dass dort so viele Schriftsteller aus dem Boden sprießen?

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Enquist: "Das ist die reine Inzucht in Nordschweden", hat mal jemand zu mir gesagt - herausgekommen sind ausschließlich Dorfidioten und Schriftsteller.

SZ: Ist es denn auch Zufall, dass Sie bei einer Mutter, die Vorsitzende der örtlichen Blaukreuzler ist, also gegen den Alkoholismus kämpft, zu trinken anfangen?

Enquist: Ich glaube nicht, dass es da einen Zusammenhang gibt.

SZ: Es ist so bewusst das Gegenteil von dem, was sie getan hat, dass ich mir einen Befreiungsschlag vorstellen könnte.

Enquist: Das kann sein, ja. Die schlimmste Sünde war immer der Alkohol, so war es von Anfang an.

SZ: Sie sagen, Sie haben als Kind die Süße der Sünde nicht gekostet.

Enquist: Nein, Alkohol gab es nicht, das kam erst später.

SZ: Dann kommt die Gelegenheit.

Enquist: Ja, stimmt.

SZ: Oder ist das nur eine Schriftstellerkrankheit?

Enquist: Es ist vielleicht eine Krankheit bei kreativen Menschen. Ich habe darüber viel mit Ingmar Bergman gesprochen.

SZ: Hat Bergman auch getrunken?

Enquist: Ingmar hat keinen Alkohol getrunken.

SZ: Überhaupt nicht?

Enquist: Nein. Wir haben uns gefragt: Verfügen wir beide über ein Sucht-Gen, das sich unterschiedlich entwickelt hat?

SZ: Sie meinen, dass die Sucht gemeinsam ist, aber unterschiedliche Formen angenommen hat.

Enquist: Der eine besteigt hohe Berge, der andere segelt, einer hat sehr viele Frauen, einer trinkt, der andere nimmt Drogen. Oder einer ist ein aktiver Politiker. Ingmar fand diese Theorie interessant.

SZ: Das mit dem Sucht-Gen?

Enquist: Ja.

SZ: Es war Ihre Idee?

Enquist: Nein, es ist nicht meine, sondern das gehört zu den möglichen Erklärungen für die Entstehung des Alkoholismus. Dieses expansive Gen, dieses Künstler-Gen, finden Sie auffällig oft bei Schriftstellern; alle amerikanischen Literaturnobelpreisträger sind am Alkohol gestorben! Dieser schreckliche Autorenberuf ist doch ein furchtbarer Beruf! Man muss schreiben. Manchmal kann man nicht und muss doch, und dann ist der Alkohol ein einfacher Ausweg. Ich verstehe meine Kollegen, ich verstehe mich. Ein schreibender Autor trinkt keinen Alkohol. Ein nichtschreibender Autor trinkt Alkohol.

SZ: Damit er wieder schreiben kann.

Enquist: Aber mit Alkohol im Kopf kann man kein einziges interessantes Wort schreiben.

SZ: Mit Drogen geht das offenbar, das haben schon die Surrealisten bewiesen.

Enquist: Einige amerikanische Hip-Poeten können das. Oder sie behaupten es. Ich glaube es trotzdem nicht.

SZ: Oder denken Sie an die romantische Kommune am Genfer See! Lord Byron, John Polidori, Percy Bysshe Shelley und seine Frau Mary, die da den "Frankenstein" schrieb.

Enquist: Dabei kommt eine andere Literatur, eine andere Form von Kunst heraus.

SZ: Habe ich das falsch gelesen oder beschreiben Sie das Ringen mit dem Alkohol, die Befreiung vom Alkohol mit religiösen, besonders mit pietistischen Bildern?

Enquist: Wenn Sie meinen. Das war nicht meine Absicht.

SZ: Es schlägt durch.

Enquist: Aber was erwarten Sie bei dieser Kindheit! Diese Bilder sind mir doch vertraut.

SZ: War es schwer, über die Krankheit zu schreiben?

Enquist: Ich muss Sie warnen, "Ein anderes Leben" ist keine Autobiographie, sondern eine innere Geschichte.

SZ: Auch das klingt wieder sehr pietistisch. Der Weg zum Licht.

Enquist: Ich beschreibe die Befreiung vom Alkohol, das ist richtig, aber der Alkoholismus spielt erst zum Schluss eine Rolle. Mich haben die Bilder der Erinnerung geleitet. Es ist kein Bekenntnisbuch, sondern ein Roman.

Per Olov Enquist kam 1934 in einem Dorf im nordschwedischen Västerbotten zur Welt, wuchs bei seiner Mutter in streng pietistischer Umgebung auf und träumte davon, Olympiasieger im Hochsprung zu werden. Es reichte zu internationalen Wettkämpfen, die ihn früh aus Schweden herausführten, aber Enquist wurde dann doch lieber Schriftsteller. "Die Ausgelieferten" und "Der Besuch des Leibarztes" gehören zu seinen bekanntesten Büchern. Sein Stück "Aus dem Leben der Regenwürmer" wurde von Ingmar Bergman am Münchner Residenztheater aufgeführt und am Broadway inszeniert. Zuletzt erschien im Münchner Hanser-Verlag "Ein anderes Leben", in dem Enquist - meisterhaft - von seiner frommen Jugend, seinen Träumen, Erfolgen und seiner langjährigen Alkoholsucht berichtet. Nach vielen Jahren in Kopenhagen lebt er wieder in Stockholm.

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  1. "Nett sein ist eine Schwäche"
  2. "Ich habe kein Vater-Vorbild"
  3. Sie lesen jetzt Inzucht in Nordschweden
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(SZ vom 30.5.2009/bey)