Papst Pius XII. Hier hören Sie das Schweigen des Papstes

Und er hat doch geredet: Eine Schau der römischen Kurie will beweisen, dass der umstrittene Papst Pius XII. den Holocaust öffentlich verurteilte.

Von Gustav Seibt

"Hier hören Sie das Schweigen des Papstes": Mit einem überraschend kessen Effekt endet im letzten Raum die Ausstellung, die das "Päpstliche Komitee für die Geschichtswissenschaften" Papst Pius XII. gewidmet hat und die derzeit im Berliner Schloss Charlottenburg zu sehen ist. Unter der großen Schrift ertönt die metallische Stimme des Papstes und es sind, neben seiner vor einem Mikrophon platzierten Bronzebüste, jene beiden Hauptstellen zur Judenvernichtung zu lesen, welche die katholische Wissenschaft aus den "Actes et Documents du Saint-Siège relatifs à la Seconde Guerre mondiale" (ein Dutzend Bände seit 1965) zu destillieren vermochte.

Die erste der beiden einzigen unmittelbar auf den Holocaust beziehbaren öffentlichen Äußerungen der Kurie stammt aus der Weihnachtsbotschaft von 1942, die zweite aus einer Rede des Papstes an die Kardinäle vom 2. Juni 1943. Wir zitieren aus der deutschen Übersetzung von "Papst Pius XII. und der Zweite Weltkrieg" des Jesuitenpaters Pierre Blet, eines des Herausgebers jener auch in der Ausstellung zu sehenden großen Aktenedition: "Dieses Gelöbnis schuldet die Menschheit den Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind." (Weihnachten 1942).

"Seid nicht erstaunt, Ehrwürdige Brüder und liebe Söhne, wenn Wir mit besonders eiliger Fürsorge auf die Bitten derjenigen antworten, die sich an Uns wenden, die Augen voll von ängstlichem Flehen, diejenigen, die aufgrund ihrer Nationalität oder ihrer Rasse zur Zielscheibe für noch größere Katastrophen und noch heftigere Schmerzen geworden sind, und die manchmal sogar, ohne eigenes Verschulden, zur Ausrottung bestimmt sind." (2. Juni 1943).

Der Papst hat also nicht geschwiegen, wie seit Rolf Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" von 1963 immer wieder behauptet wurde. Er hat sich in der auf Unangreifbarkeit ausgelegten diplomatischen Klauselsprache, die das Papsttum in langen Jahrhunderten entwickelt hat, durchaus unmissverständlich geäußert - mit "bisweilen" und "manchmal", mit abstrahierenden Feststellungen und einem Schuss pastoraler Süßlichkeit. Wer sich mit der Geschichte des Papsttums beschäftigt hat, erkennt hier einen Duktus wieder, der länger als ein Jahrtausend zurückreicht. Erhaben wirkt eine Institution, die sich nicht einmal vom schlimmsten Völkerschlachten der Geschichte eine Änderung ihres Tons aufzwingen lässt. Zur Sache genügt es, das knappe Resümee des Pater Blet zu zitieren: "Er (Pius XII.) setzte alle Hebel, über die er verfügte, in Bewegung, um sie (die Verfolgten) zu retten. Er beschränkte seine öffentlichen Kundgebungen, von denen er sich nichts Gutes erhoffte, auf ein Minimum. Er redete nicht, er handelte."

Das Problem, das sich seit Hochhuth zwischen der katholischen Kirche und der laizistischen Welt auftut, besteht darin, dass die Kirche nicht begreifen kann, warum der Welt all das - nicht reden, sondern handeln; Hebel in Bewegung setzen, Verfolgte retten - allein noch nicht angemessen erscheint. Da soll das Volk Gottes ermordet und ausgelöscht werden, und der Papst, der irdische Siegelbewahrer göttlicher Wahrheit, kommt zu dem Schluss, sich von öffentlichen Kundgebungen "nichts Gutes" zu erhoffen. Stattdessen setzt er "Hebel in Bewegung".

Hartnäckiger Diplomat

Die Polemiken, die seither zu diesem Thema hin und her gehen, bedürfen nicht der unfairen Dramatisierungen, die Hochhuth oder Goldhagen ihnen gegeben haben. Absurd und leicht zu widerlegen sind Zuspitzungen, die Pius XII. als "Hitler's Pope" (John Cornwell) beschreiben. Vielleicht war Eugenio Pacelli (so der bürgerliche Name von Pius) durch seine Erfahrungen als Nuntius in München und Berlin besonders deutschfreundlich; möglicherweise hat er, der dem Beamtenmilieu der vom italienischen Liberalismus in die Ecke gedrängten römischen Kurie unter Pius IX. entstammte, das damals verbreitete antijüdische Ressentiment geteilt. Beide Affekte lassen sich schwer belegen und haben materiell keine Rolle gespielt.

Der Papst hat direkt und indirekt Hunderttausenden Juden das Leben gerettet. Noch heute kann man in Rom betagte jüdische Überlebende treffen, die sich Kritik an Pius aufs schärfste verbitten. Eugenio Pacelli agierte dabei als hartnäckiger, geschickter und eben auch verschwiegener Diplomat, als einer der ganz Großen in dieser Zunft. Warum und wie er das tat, das versteht man besser, wenn man die Charlottenburger Ausstellung besucht hat. Sie endet zwar in dem Knalleffekt, doch sie zeigt das ganze Leben dieses Kirchenfürsten, von den Anfängen als Priesterseminarist bis zum entschlossenen Vorkämpfer im Kalten Krieg, der noch die Römischen Verträge der Europäischen Union begrüßte.

Ein begabter Mann

Wir sehen einen begabten, feingliedrig-zähen Mann, der zum vollkommensten Produkt der ihn tragenden Institution wird: gewissenhaft, scharfsinnig, beredt, prinzipientreu, fromm, aber nicht ohne jene diplomatische Gewandtheit, welche die Steuerung einer parastaatlichen Riesenorganisation erfordert. Wertvollste Spolien wie die Tiara, Gewänder und Gebrauchsgegenstände vergegenwärtigen die prachtvolle Trittsicherheit, die zwei Jahrtausende Tradition dem verleihen, der sich ihr hingibt.

Die prägende Erfahrung wurde für Pacelli der Erste Weltkrieg, der Versuch der Kirche, als neutrale Macht Frieden unter verfeindeten katholischen Völkern zu stiften. Danach kam der Schrecken des Totalitarismus, den sein Vorgänger mit von Pacelli redigierten Sendschreiben gegen Nationalsozialisten und Kommunisten bekämpfte. Dabei verhandelte man insgeheim mit den Sowjets und legte auch nach dem Ende der Weimarer Republik ein schon fertiges Konkordat mit dem Deutschen Reich nicht auf Eis.

Diplomatie statt Verkündigung: Das war die lange vorgezeichnete Grundentscheidung. Bestärkt wurde sie seit 1943 durch die Sorge um die von den Deutschen besetzte und von den Alliierten bombardierte Stadt Rom. Diese Grundentscheidung ist historisch verständlich und nicht unehrenhaft. Sie fand später ihre Fortsetzung in jener "Vatikanischen Ostpolitik", die Pius' Mitarbeiter Montini als Paul VI. entwickelte. Aber danach kam mit Papst Johannes Paul II. das Ende der Diplomatie, und seither versteht man noch besser, was im Zweiten Weltkrieg fehlte: das welterschütternde, im rechten Moment ohne Rücksichten ertönende Wort, das Mauern einstürzen lässt. Hätte Pius XII. es gesprochen, wäre er der größte Papst des 20. Jahrhunderts geworden.

Ausstellung: Im Schloss Charlottenburg bis zum 7. März. Der Katalog (Verlag Schnell + Steiner) kostet an der Kasse 24,90 Euro.

Das Fenster zum Dom

mehr...