Kino, so könnte man im Anklang an eine berühmte Formel sagen, das ist der Zeit zuschauen, wie sie die Schönheit entführt. Die Zeit entführt die Schönheit, so heißt die bekannte Arbeit des italienischen Bildhauers Pietro Balestra im Park vor dem Dresdner Palais, vor die Siggi sich anfangs hingesetzt hat.

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Dominik Graf liebt seine Schauspieler, Max Riemelt als Siggi, Jessica Schwarz als Luise, Ronald Zehrfeld als Wolle, gleich darauf wird sich Tanja Schleiff als melancholische, an ihrer Berufung zweifelnde und manchmal masturbierende Kakadu-Sängerin Rena dazugesellen.

Dann wird man endgültig an die Filme der Nouvelle Vague denken, die etwa zu der Zeit gedreht wurden, da diese Geschichte spielt. Dominik Graf behandelt sie alle mit der gleichen Zärtlichkeit und Neugier, die Haupt- und die so genannten Nebendarsteller, die Guten und die Bösen, die Verwegenen und die Verzweifelten.

Politisches Kino ohne Parolen

Ihre Gefühle sind das Material für seinen ganz eigenen Kinosuspense, die Kamera beschnuppert diese jungen Menschen, die sich nicht so sehr unterscheiden wollen von denen im Westen, versucht ihre Körper aus der Ferne förmlich zu betasten. Und er spürt dem Atem der Geschichte nach, in den Szenen, die im echten Kakadu gedreht sind.

Was Jugend kann, was Jugend darf: Zum Beispiel der Tante ihr Meißner Porzellan klauen und im Westen verscherbeln. Mit Klamotten zurückkommen, die tollkühn und lächerlich sind - spitze Schuhe in knalligem Gelb mit schwarzen Schnürsenkeln! Den Undercover-Agenten der Staatsmacht ins Sektglas pinkeln und dabei die Angst bekämpfen, dass sie eines Tages allen den Prozess machen werden.

Dominik Graf macht politisches Kino, das sich nicht mit Parolen begnügt. Es gibt Momente, immer wieder, bei ihm, da scheint die Leinwand sich zu entzünden, das führt seinen Film weit über ähnliche Filme seit "Good Bye, Lenin!" hinaus.

Der Sommer war so heiß, heißt es einmal, dass die Scheunen der DDR sich entzündeten. Und noch ist der große Brand nicht vergessen, die Dresdner Bombennächte im Februar 1945, als die Menschen auf dem glühenden Asphalt kleben blieben und qualvoll starben.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Luise will nicht fliehen mit Siggi, weil sie, wider besseres Wissen, an die Zukunft ihres Landes glauben will. "Kommst du, Feuerball?" schreibt sie in einem ihrer so wunderbar ungelenken Gedichte: "Müssen wir wandern, Wolken gleich?" Die alte Frage taugt hier nicht mehr, die Wahl zwischen dem Leiden und dem Nichts.

Der "Rote Kakadu" geht nicht mehr ganz so weit bei der Erkundung dieser Frage wie etwa der "Felsen" oder "Die Freunde der Freunde", die ins Reich der Phantome abdriften. "Der Rote Kakadu" bleibt diesseits der Brücke. Aber einer seiner Helden wählt schließlich den gleichen Ausweg aus der Ausweglosigkeit wie Belmondo es tat in Godards "Außer Atem". Er will keinen Verrat begehen. An den Freunden. An sich selbst. An der Jugend.

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  1. Da wackelt der Mutter der Rock
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(SZ vom 15.02.2006)