Otto Tausig aus "Bis später Max!" Der Dagegen-Denker

Als Jude vertrieben, als Kommunist boykottiert, als Schauspieler gefeiert. Otto Tausig nennt all dies: Glück. Ein Krankenbesuch.

Von Willi Winkler

Der Doktor ist wirklich einer und heißt nicht bloß so wie in Wien jeder zweite Kellner. Und wie von Otto Tausig angekündigt, führt der Doktor auf seiner Kittelbrusttasche in grauen Druckbuchstaben diesen berüchtigten Namen: Dr. Kaltenbrunner, pfeilgrad wie der Gestapo-Chef damals, Massenmörder von Beruf, in Nürnberg gehenkt 1946. Als sich Dr. Kaltenbrunner zum ersten Mal bei seinem Patienten Tausig vorstellte, versetzte der stilgerecht: "Angenehm, Dr. Goebbels."

Weil er nicht glauben konnte, dass er, der Jude aus dem 2. Bezirk, der 1938 Eichmann, Brunner und Kaltenbrunner und den anderen Säuberungsagenten noch mal von der Schippe springen konnte, jetzt im Jahr 2009 ausgerechnet von einem Dr. Kaltenbrunner betreut werden sollte. Aber so ist Wien, und der Dr. Kaltenbrunner ist ein sehr guter Doktor.

Otto Tausig erwartet den Besuch in der Urologischen Abteilung und führt ihn zur Einstimmung gleich an den kleinen Schaukasten, der finsterste Medizingeschichte ausstellt: Zangen für die Prostata, filigrane Hodenschäler, monströse Inspektionsfühler, einzuführen in die Harnröhre - lauter angeblich lebenserhaltende, ganz bestimmt aber lebensgefährliche Greifwerkzeuge. Der Schauspieler Otto Tausig, der dabei nichts spielen muss, lacht einfach nur über diesen männermordenden Horror.

In Jan Schüttes Film "Bis später, Max!" spielt Tausig einen Schriftsteller und Nazi-Überlebenden, einen Herumtreiber und Weiberer, spielt er einen ganz Anderen und doch sich selbst. Er hatte mehr als hundert Filmauftritte, zu denen noch Dutzende Filme und Stücke kommen, die er selber inszeniert, und die aberhundert Rollen, die er auf dem Theater in Wien, Berlin, Münster, Zürich und wieder in Wien gespielt hat. Wir waren bei ihm daheim in Döbling verabredet, aber kaum ist das Flugzeug in Wien gelandet, ruft die Agentin an und sagt, dass Tausig überraschend ins Krankenhaus musste. Tausig ist gerade 87 geworden. Er befindet sich im Wilhelminenspital, wo er auf seine Herzfunktion untersucht werden und womöglich einen Schrittmacher bekommen soll.

Und, wie geht es Ihnen, Herr Tausig? "Ach, ich bin zwar alt und überall operiert, aber ich bin nicht krank. Ich hab immer Glück gehabt." Er sitzt neben seinem Bett, wir schauen hinaus in die Trübsamkeit der Wiener Vorstadt, und Tausig freut sich seines langen Lebens.

1922 kam er hier in Wien zur Welt. Sein Vater verkaufte in der Oberen Amtshausgasse Würstel an die Arbeitslosen, die sich um Unterstützung anstellten. Als Hitler 1938 einmarschierte, wäre der 16-Jährige fast gepackt worden, wenn nicht der Blockwart die SA abgelenkt hätte. Anschließend kam er die Familie besuchen und forderte den Schmuck. Tausig erzählt auch das gelassen und nennt es das "goldene Wiener Herz". Das Opfer hielt nicht lange vor, der heimgekehrte Hitler ließ Jagd auf Juden machen.

"Ich hab Glück gehabt mein Leben lang"

Tausigs Eltern bekamen ein Visum und flohen nach Schanghai, er selber wurde mit einem Kindertransport nach London verschickt. In England wurde er als "feindlicher Ausländer" als Erstes in ein Lager gesteckt. Nach dem Krieg kehrte Tausig zunächst zurück nach Wien, spielte am kommunistischen Scala-Theater, ging dann, als kein Geld mehr da war, nach Berlin, nach Ostberlin, wo er zwar privilegiert war, aber zensiert wurde. Zur Strafe haben Friedrich Torberg und Hans Weigel, selber Juden, die unter Hitler und im Exil gelitten hatten, um jeden Preis die Rückkehr des Wieners Tausig in seine Heimatstadt verhindert, weil er Kommunist gewesen war und mit Brecht zusammengearbeitet hatte.

Glück nennen Sie das, Herr Tausig, die Judenverfolgung, die Emigration, den Boykott? "Ich hab Glück gehabt mein Leben lang", beharrt Tausig. "Im Krieg bin ich mehrfach knapp mit dem Leben davongekommen. Einmal bin ich umgezogen, und mein altes Haus wurde zerbombt. Einmal habe ich mich in der Arbeit verletzt und bin am nächsten Tag daheim geblieben. Da wurde die Fabrik zerstört. Was soll ich mich beklagen?"

Der Doktor war ja schon da, und jetzt kommt die Schwester rein mit dem Abendessen; es ist bald fünf. Wir freuen uns an dem Schneegestöber, das plötzlich zwischen die Häuser herniederbricht, aber das kann sie nicht verstehen. "Na, was soll denn daran schön sein?" sagt sie. "Ich muss nachher noch heimfahrn."

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