"O. T." von U. D. Bauer Collagen aus Papierstreifen

Dem originellsten Buch auf der Leipziger Buchmesse fehlt es an Originalität. Das muss so sein, denn U. D. Bauer macht kein Geheimnis aus ihren Zitat-Collagen von Homer über Goethe bis Beckett. Einen eigenen Stil hat "O. T." nicht - und ist trotzdem fesselnd.

Von Lothar Müller

Das originellste Buch, dem man auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse begegnen kann, ist aus dem konsequenten Verzicht auf Originalität hervorgegangen. Nicht einmal diesen Verzicht fasst es in eigene Worte, sondern überlässt es Bertolt Brecht und seinem Herrn Keuner, sich über die Unzahl von Autoren zu beklagen, "die sich öffentlich rühmen, ganz allein große Bücher verfassen zu können".

Keuners Stoßseufzer, der dem Buch auf die Stirn der Titelseite (und den Schuber) geschrieben steht, ist das erste der 2857 Zitate, aus denen es besteht. Seine Widmung verdankt es Catull, sein Vorwort Miguel de Cervantes, E. T. A. Hoffmann, Samuel Beckett, Jean-Jacques Rousseau, Karl Kraus und, neben manchem anderen, Johann Wolfgang von Goethe: "Gehört nicht alles, was die Vor- und Mitwelt geleistet, dem Dichter von Rechts wegen an? Warum soll er sich scheuen, Blumen zu pflücken, wo er sie findet? Nur durch Aneignung fremder Schätze entsteht ein Großes."

Aber einen Titel mag sich das Buch nicht aneignen (es geriete dadurch unvermeidlich in allzu große Nähe zu einer seiner Quellen), es heißt schlicht "O. T." wie manche moderne Bilder, die sich in den Museen und Galerien einen Spaß daraus machen, unter dem Titel "Ohne Titel" aufzutreten. Tatsächlich ist die Autorin U. D. Bauer, die ihrem Hang zur Chiffre auch darin nachgibt, dass sie ihre Vornamen abkürzt, bisher vor allem als bildende Künstlerin hervorgetreten, und die Buchgestalter Cornelia Feyll und Friedrich Forssman haben alles darangesetzt, dieses literarische Debüt so aussehen zu lassen, dass sein Collage-Charakter sogleich ins Auge fällt: Zwischen das Schwarz der Buchstaben und den beige-cremefarbenen Untergrund schiebt sich das Weiß, das jedem Zitat (aber nicht der Fußnote, die auf die Quelle verweist) unterlegt ist. Das wirkt so, als sei das Zeilenband aus dem Aneinanderkleben unzähliger kleiner Papierstreifen hervorgegangen, die jemand in Zeiten, als man für "copy and paste" noch eine Schere brauchte, aus einem Konvolut getippter Exzerpte herausgeschnitten hat.

Durchweg literarisch

Aber das alles ist Maskerade. Dieses Buch betreibt Mimikry mit der bildenden Kunst, ist aber durch und durch Literatur, ein Vexierspiel mit aufgelesenen Sätzen, zwischen welche die Fußnoten kleine Keile treiben, und wer durch den Spalt schaut, der sich auf diese Weise öffnet, zwischen Text und "Danksagungen" hin- und herblättert und den eben gelesenen Satz mit dem Buch verknüpft, aus dem er stammt, dem schwirrt bald der Kopf, weil sich über das Zeilenband, das er liest, der Schwarm von Autoren legt, der hier an die Stelle des abwesenden Autors tritt.

Wo eben noch Roald Dahl oder Raymond Chandler war, ist im nächsten Augenblick Goethe oder Lessing, kaum hat sich mit einem Satz aus Bonaventuras "Nachtwachen" die Szene verändert, schon wirft ein von James Joyce geschickter Telegrammbote einen Umschlag auf den Tisch und saust wieder davon, mit einem Wort auf den Lippen, das aus Frank Wedekinds "Büchse der Pandora" entschlüpft ist: "Mörderhöhle!"

Und wie in Romanen - und dies ist einer, obwohl er es stolz verschmäht, sich so zu nennen - gelegentlich der Fluss der Handlung durch Reflexionen und Sentenzen unterbrochen wird, so zieht sich durch dieses Buch eine Girlande von Sätzen, in denen es sich selbst - aber nicht in eigenen Worten - bespiegelt: "Zitierende Autoren und unzählige Anspielungen - das sind die Personen. Sie sagen ihren Text auf, den Text, den sie in anderen Büchern, auf anderen Szenen gesprochen haben und der sich hier anders abspielt."

Ja, abspielt. Denn das alles hat nichts von Stoffhuberei, Belesenheitsdemonstration oder Prunkzitat, es ist ein heiter schwebendes Mobile aus Familiendrama, Mord und Totschlag, schlaflosen Nächten und hoffnungsvollen Aufbrüchen, Wiedergängereien des Wildhüters der Lady Chatterley und Gastspielen antiker Dramen, zusammengehalten von einem Ich, das im Präsens durch die Fülle seiner Rollen gleitet, hier ein einzelnes Wort, dort einen kleinen Absatz aus Jean Paul oder einer Zeitungsreklame, ein Dialogfragment aus Shakespeare oder eine Sottise von Arno Schmidt aufgreift.

Aus vielen Zeiten und Räumen zwischen Homer und Rainald Goetz kommen die Sätze, nie ist in diesem Buch eine Sprachschicht mit sich alleine, souverän verzichtet es auf einen eigenen Stil zugunsten des flirrenden Schwebezustandes, in dem jeder aus seinem Zusammenhang gerissene Satz einen eigentümlichen Glanz entfaltet, Teil einer Situation oder Handlung wird und doch zugleich Solitär bleibt: "Aber ich muss eilen. Wissen Sie, dass ich noch diese Nacht nach Pichelsdorf soll?" In zehn Jahren, so verrät das an die Stelle eines Nachworts tretende Gespräch der Autorin mit ihrem Sohn und Lektor, dem Publizisten Max Dax, ist dieses wunderbare Mobile entstanden. Es trägt die Leselust über Stunden, Tage, Jahre hinweg.