Ostern Wie politisch dürfen Predigten sein?

Der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, hat in seiner Osterpredigt dazu aufgerufen, sich für eine freie Gesellschaft zu engagieren.

(Foto: dpa)

Das Dilemma der Kirchenführer: Unterlassen sie jede Positionierung, wirft man ihnen vor, sie verwalteten eine Wohlfühlreligion. Äußern sie sich zu AfD oder Armut, dann werden Zitate gerne aus dem Zusammenhang gerissen.

Kommentar von Johan Schloemann

Ich glaube, weil es absurd ist. Dieser Satz wird verschiedenen christlichen Kirchenvätern zugeschrieben, auf Lateinisch heißt er "credo quia absurdum". Und auch wenn dieser Satz sich wörtlich bei den Kirchenvätern gar nicht findet, so drückt er doch das Problem des Glaubens in der modernen Welt aus. Besonders gut passt er zu der unglaublichen Botschaft von Ostern, die behauptet, dass vor zweitausend Jahren in Jerusalem der Tod besiegt worden sei.

Die Kirchenführer und Bischöfe steckten auch in diesem Jahr zu Ostern wieder in einem ziemlichen Dilemma. Sie wollen zu ihren Gemeinden reden, aber auch eine teils indifferente, teils multireligiöse Gesellschaft erreichen. Sie dürfen die religiöse Essenz nicht verwässern, müssen aber auch eine säkulare Sprache finden für alle, die die Feiertagsschlagzeile "Papst fordert Frieden" nicht so vom Hocker haut.

Wie also haben die Prediger das Problem diesmal bewältigt? Abgesehen davon, dass der Papst in der Tat wieder Frieden gefordert hat? Das Urteil darüber hängt sehr vom Standpunkt ab. Zu Weihnachten hatte der Journalist Ulf Poschardt eine kleine Debatte darüber angezettelt, ob dem gelegentlichen Kirchgänger nicht zu viel sogenanntes Gutmenschentum zugemutet werde, und kurz vor Ostern hatte Poschardt seine Kritik gegenüber dem Evangelischen Pressedienst erneuert: Ihn stören in der Kirche "ranzige Vorurteile, Dämonisierung von Macht und Erfolg, Verklärung des Opfers und Leids, Lustfeindlichkeit".

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Die Osterprediger haben sich davon jedenfalls nicht einschüchtern lassen. Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, hat am Ostersonntag solche Angriffe sogar ausdrücklich gekontert: "Unserem Gott hängt zu Recht der Ruf an, er hege eine besondere Zuneigung für die Benachteiligten und er werde ihnen zum Recht verhelfen. Und wenn man unserer Kirche heute bisweilen diese ,Parteilichkeit' vorwirft, dann ist das für mich ein Kompliment und keine ernst zu nehmende Kritik."

Ähnlich mahnten andere Osterpredigten zu Toleranz gegenüber Muslimen und Juden oder behandelten sozialpolitische Themen wie Armut und Ungleichheit. Der evangelische Bischof von Berlin-Brandenburg Markus Dröge sprach in der Berliner Gedächtniskirche von der "Hetze" der AfD und einer "verrohten Gesellschaft": "Hier sind wir gefordert zu widersprechen, wo wir können, zu argumentieren und nicht zuzulassen, dass menschenverachtende Meinungen sich wie ein krankmachendes Gift in unsere Gesellschaft einschleichen."

Wie politisch darf die Kirche sein? Eine Antwort für alle gibt es nicht

Ist so eine politische Positionierung legitim? Wenn sie unterbleibt, wirft man den Vertretern der Kirchen gerne vor, sie verwalteten eine bürgerliche Wohlfühlreligion oder seien nur noch fromme Wärter eines Museums namens Abendland. Und wenn sie sich doch politisch äußern, dann pickt man solche Aussagen gerne aus dem größeren Zusammenhang ihrer Auslegung des Evangeliums heraus - dann ist es eben auch wieder falsch. Der Umgang mit dem Dilemma der Kirchen in der Öffentlichkeit kann also ziemlich unfair sein. Im Übrigen stecken dahinter nicht nur Geschmacksfragen, sondern auch verschiedene theologische Auffassungen darüber, wie sehr diese irdische Welt überhaupt verbessert und verändert werden muss und kann.

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Und trotzdem darf man sich daran stoßen, wenn Predigten gezielt mit Polit-Sprache garniert werden, wie es etwa Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), am Ostersonntag im Berliner Dom tat: Er sprach von "Teilhabe", von den "richtigen politischen Weichenstellungen" und von "Eigenverantwortung" - das klingt dann schon arg nach Koalitionsvertrag. Dazu passte dann wiederum ein Satz in der Osterpredigt des rheinischen Amtsbruders Rekowski: "Ostern heißt: Nichts ist alternativlos."