Oskar Roehler Die Brüste fremder Frauen

Der Regisseur Oskar Roehler spricht über die sexuellen Experimente der 68er, die Perücken seiner Mutter und Hitlerbildchen in der Schublade.

Interview: Rebecca Casati

Ein Winternachmittag im Berliner Hotel de Rome. Oskar Roehler ist groß, schmal und sorgfältig gekleidet. Seine Stimme und sein Lachen sind laut. Die Bilder in dem Clubzimmer neben der Bar findet er erst sehr schön, dann ist er sich doch nicht mehr sicher. Er fragt den Kellner, wie genau dieses Getränk namens Cola Zero schmeckt. Die Verbindungstür zur Bar soll bitte "Auf keinen Fall!" geschlossen werden. Okay, Diva, denkt man. Stimmt aber gar nicht; er ist sehr umgänglich. Er sieht jünger aus als 50. Hat aber ein bisschen mehr erlebt als andere in dem Alter.

Verbrachte seine Kindheit inmitten der 68er-Bohème: Regisseur Oskar Roehler.

(Foto: Foto: ap)

SZ: Herr Roehler, Sie werden in wenigen Tagen 50.

Oskar Roehler:Genauer gesagt am 21. Januar.

SZ:Am selben Tag hat Ihr neuer Film "Lulu und Jimi" Premiere. Er ist bunt, handelt von einer großen Liebe und dem Glück. Dabei bohren Sie sonst in Ihren Filmen penetrant dahin, wo es weh tut.

Roehler: Auf etwas wackligen Beinen habe ich tatsächlich versucht, das Publikum zu erfreuen. Anders als sagen wir mal Til Schweiger, der seit Jahren weiß, wie er sein Publikum kriegt, bin ich immer eher autistisch meinen Weg gegangen.

SZ: Bekannt wurden Sie mit "Die Unberührbare", dem filmischen Portrait Ihrer Mutter Gisela Elsner, das sehr persönlich ist. Und mit ihrem Selbstmord endet.

Roehler: Das ist es ja auch, was die Kritiker mir immer vorwerfen.

SZ: Dass Ihre Filme eine Art Selbsttherapie sind?

Roehler: Ja, genau. Manche finden es gut, andere fragen: Wie kann jemand über so persönliche Dinge so hautnah berichten? Was ist das für eine Nabelschau, was ist das für eine Zumutung . . . Kann ich ehrlich gesagt auch alles vollkommen nachvollziehen. Ich musste einiges abarbeiten. Und in letzter Zeit möchte ich die Leute vor allem erfreuen.

SZ: Werden Sie leichten Herzens 50?

Roehler: Auf jeden Fall, weil ich, wie ich glaube, heute souveräner bin. Außerdem verdichtet sich meine sinnliche Wahrnehmung im Alter. Denkprozesse kommen in Gang, die weit in die Zeit zurückreichen, Räume, die sich Stück für Stück füllen; erst kommen die Gegenstände, dann die Farben, die Jahreszeit... und plötzlich werden konkrete Erinnerungen daraus, an meinen Vater, an Reisen, an irgendwelche komischen Wochenendbesuche bei Freunden meiner Großeltern. Wie ihr Pool im Keller aussah.

SZ: Ihre Großeltern waren sehr bürgerlich. Der eine Großvater war Siemens-Manager, der andere ein Gartenzwergfabrikant. Ihre Eltern hingegen, die Schriftstellerin Gisela Elsner und der Lektor Klaus Roehler, waren so etwas wie das Glamourpaar der 68er. Was bedeutet Ihnen der Begriff: Familie?

Roehler: Etwas, das schon immer von Widersprüchen durchsetzt war. Mir wurde, als ich vier Jahre alt war, in gewisser Weise das Leben gerettet von meinem Großvater väterlicherseits, dem mit den Gartenzwergen, bei dem meine Eltern mich geparkt hatten.

SZ: Das war bei Nürnberg, oder?

Roehler: Ja, im Örtchen Reuth. Mit diesem Großvater habe ich die schönsten Jahre meiner Kindheit verbracht, er ist mit mir singend durch den Wald gelaufen. Gleichzeitig bewahrte er in seiner Schreibtischschublade, unter den Briefmarken, immer noch ein kleines Bild vom Führer auf und las heimlich Will Vespers Hitlergedichte.

SZ: Wo waren Ihre Eltern eigentlich hin?

Roehler: Nach Frankfurt gezogen, in ein Sechziger-Jahre-Hochhaus an der Autobahn.

SZ: War das rebellisch gemeint?

Roehler: Nein, sie hatten einfach überhaupt keine Kohle. Die haben sich aus Kleiderbügeln Schränke gebaut, so pleite waren sie.

SZ: Wie ist Ihnen das damals alles erklärt worden?

Roehler: Gar nicht. Meine Eltern haben sich nicht gerade ein Bein ausgerissen, um mit mir Kontakt zu halten, und irgendwann bin ich allergisch geworden und hab' zu meinen Großeltern gesagt: Passt bloß auf, dass die hier nicht herkommen, ich möchte sie nie mehr sehen. So verbrachte ich zweieinhalb wunderschöne Jahre, Idylle pur. Dann hat mein Vater sich eingebildet, dass er mich doch wieder erziehen muss. Ich musste zu ihm nach Berlin ziehen, die ganzen Schriftsteller kennenlernen. Das war 1967, da ging gerade die Post ab.

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