Oscarverleihung 2011 Ein Königreich für etwas Spannung

Aufregend ist anders: "The King's Speech" wird als bester Film ausgezeichnet, Colin Firth und Natalie Portman halten am Ende die goldene Trophäe in der Hand. So weit, so bekannt. Leider sahen auch die jungen Moderatoren ziemlich alt aus.

Von Katharina Riehl

Wahrscheinlich ist es kein richtig gutes Zeichen für eine Veranstaltung, wenn der Zuschauer sich nach deren Ende ohne langes Grübeln daran erinnern kann, dass Anne Hathaway genau acht verschiedene Outfits getragen hat. Das hellrote, das dunkelrote, das weiße Prinzessinen-Ding, den Herrenanzug, das erste Black-Swan-inspirierte, das zweite Black-Swan-inspirierte, das blaue und das mit den lustigen Fransen. Acht.

Man kann sich daran so gut erinnern, weil der Abend - und es war ja nicht irgendein Abend, sondern die 83. Verleihung der Academy Awards - ansonsten vollkommen unbemerkt an einem vorbeirauschte. Weil der Abend mit ein paar klaren Favoriten startete und dann, gerade einmal acht Anne-Hathaway-Outfits später, alles genauso kam, wie man (und das schielende Opossum) das seit Wochen erwartet hatte. Kurzum: Die diesjährige Oscar-Verleihung war eine ziemlich lahme Veranstaltung. Und dass Natalie Portman, Colin Firth und The King's Speech am Ende die goldene Trophäe in der Hand hielten, war dafür sicher nicht der einzige Grund.

1. Der Moderatoren-Faktor

Im Vorfeld war schon sehr viel gesagt und geschrieben worden über diese beiden wahnsinnig jungen Menschen, die in diesem Jahr auf der Bühne im Kodak Theatre stehen würden und Hollywood durch die Oscar-Nacht führen würden. Anne Hathaway und James Franco waren die diesjährigen Gastgeber - und während man Hathaway (mal abgesehen von ihrer Fähigkeit, sich sehr schnell sehr oft umzuziehen) ihre Bemühungen an diesem Abend durchaus anmerkte, hatte man bei ihrem Ko-Moderator kurzzeiting den leisen Eindruck, er könnte die ganze Veranstaltung, die unfassbar traumduselige Fahrstuhlmusik und seine eigenen Witze selber ganz furchtbar langweilig finden. Tat er wahrscheinlich auch.

Die beiden führten, trotz aller Jugend, mit denselben alten Kniffen durch das Programm, wie man sie in den Gastgeber-Generationen vor ihnen schon ausführlichen Tests unterzogen hat. So begann der Abend mit der klassischen Reise von Hathaway und Franco durch die nominierten Filme, zwischendurch wurden Lieder gesungen. Und, ach ja, neben Hathaway zog sich auch Franco kurz um und ein Kleid an.

2. Der emotionale Faktor

Natürlich hilft es der Dramaturgie so einer Verleihung erheblich, wenn irgendetwas nicht ganz so kommt, wie alle es erwartet hatten. Wie im vergangenen Jahr zum Beispiel, als plötzlich nicht James Camerons Avatar zum besten Film gekürt wurde, sondern ausgerechnet der Film von James Camerons Exfrau, The Hurt Locker, das Rennen für sich entschied - da ist man vor dem Fernseher doch noch einmal kurzfristig aufgewacht.

Der erfahrene Oscar-Zuschauer weiß natürlich, wie schlachtentscheidend die Träne für das Gelingen einer solchen Nacht werden kann. Wer zum Beispiel erinnert sich nicht mehr an den aufgelösten Auftritt der (in diesem Jahr übrigens etwas unheimlich braungebrutzelten) Gwyneth Paltrow, als sie 1999 für Shakespeare in Love gewann. Emotionales Highlight in diesem Jahr muss wohl - auch wenn man an dieser Stelle etwas nachdenken muss - dann doch Natalie Portman gewesen sein, die ziemlich genau dasselbe sagte wie bei der Entgegennahme des Golden Globes und nur noch ein paar mehr unaussprechliche Namen aufzählte. Dazu eine kleine Träne und ein Babybauch. Na ja.

3. Der Abräumer-Faktor

Klar, so viel familiäre Hollywood-Dramatik kann auch eine Filmmetropole nicht in jedem Jahr auffahren. Spannend kann eine Oscar-Verleihung zum Beispiel auch werden, wenn einer der Kandidaten sich zum absoluten Academy-Liebling entwickelt und über den Abend hinweg mit einer beeindruckenden Dominanz einen Preis nach dem anderen abräumt, so wie zum Beispiel Titanic, der 1997 ganze elf Oscars gewann. Das in diesem Jahr favorisierte Historiendrama The King's Speech gewann in der vergangenen Nacht vier Oscars, genauso wie Christopher Nolans Inception, die Facebook-Geschichte The Social Network gewann drei. Salomonisch geradezu.

4. Der Filmwahl-Faktor

Doch neben all den unterhaltsamen Nebenschauplätzen steht und fällt der gelungene Oscar-Abend natürlich mit einem: mit der Auswahl der prämierten Filme. Der Oscar 2010 war nicht nur die Veranstaltung des filmreifen Rosenkrieges zwischen zwei preisgekrönten Regisseuren. Es war auch die Veranstaltung, bei der sich ein mit geringem Budget produzierter Anti-Kriegs-Film gegen den teuersten 3-D-Film aller Zeiten durchsetzte, bei der die düstere Geschichte gegen das bunte Märchen gewann. Oder 2008. Da gewann der ultra-brutale Coen-Brüder-Film No Country for Old Men gegen die schmonzettige Literaturverfilmung Abbitte und die hübsche Teenie-Komödie Juno.

In diesem Jahr aber gewann der solide, brave Historienfilm gegen ein brutales Bergsteiger-Drama, gegen den Film über den größten Erfolg der jüngsten Wirtschaftsgeschichte und gegen die berührende Geschichte einer lesbischen Ehe. Auch okay. Aber spannend ist anders.

Und Anne Hathaways Fransenkleid sah richtig lustig aus, wenn sie es schüttelte.

Auf Seite 2 finden Sie die wichtigsten Preisträger der diesjährigen Oscar-Verleihung im Überblick.