Oscars für DiCaprio und Iñárritu Warum DiCaprio diesen Oscar nicht verdient hat

Oscars für die beste Atem-Performance: Die Auszeichnungen für den Nature Porn von Alejandro G. Iñárritu und Leonardo DiCaprio zeigen, wie verschlafen die Academy wirklich ist.

Kommentar von Julian Dörr

Ja, Leonardo DiCaprio hat einen Oscar verdient. Aber ganz sicher nicht diesen. Für seine Rolle als Hugh Glass in "The Revenant" hat ihm die Academy den Preis für den besten Hauptdarsteller zugesprochen. Und den Oscar damit zu einer Auszeichnung für die beste Atem-Performance degradiert. Denn viel mehr macht DiCaprio im Überlebenstrip von "The Revenant" nicht.

Stöhnen, grunzen, sabbern, und sehr intensiv atmen - das ist Leonardo DiCaprios Oscar-Leistung. Als tödlich verwundeter und zurückgelassener Trapper Glass kämpft er sich ins Leben zurück, um Rache für seinen Sohn zu üben. Eine extrem körperliche Performance in einem extrem körperlichen Film, der dem Zuschauer kaum eine Pause von Gewalt und Blutrausch gönnt. Glass isst rohe Bisonleber, Glass weidet ein Pferd aus, um darin Unterschlupf vor einem Schneesturm zu suchen. Und wir, die Voyeure, sind ganz nah dran. So nah, dass DiCaprios Atem zuweilen die Kameralinse beschlagen lässt.

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"The Revenant" ist ein Kraftakt, für seinen Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio wie für seinen Regisseur Alejandro G. Iñárritu. Und trotzdem ein konventionelles und uninspiriertes Werk. Eine mythisch aufgeladene Schlachtplatte, in der ein diffuser Weltgeist durch Baumwipfel pfeift und kühle Bächlein hinabgluckert. Dabei ist "The Revenant" nicht mehr als die einfache Rachegeschichte eines man done wrong - eines Typen, dem man übel mitgespielt hat. Eine Geschichte, die man so oft gesehen hat.

Am Ende ist "The Revenant" auch nur ein Stück nature porn

Sicher, die Kameraführung vom verdienten dreifachen Oscar-Gewinner Emmanuel Lubezki ist höchste Handwerkskunst. Wie er in einer der ersten Sequenzen des Films, als amerikanische Ureinwohner das Camp überfallen, die Kamera von Protagonist zu Protagonist gleiten lässt, im Chaos der Pfeile, Beine und Köpfe - das ist virtuos. Und wunderbar anzuschauen.

Am Ende aber ist der größtenteils bei natürlichem Licht gedrehte Film wenig mehr als ein Stück nature porn. Winterpanorama, unberührte Wildnis, Berggipfel bei Sonnenaufgang. Und das wäre halb so schlimm, würde Iñárritu seinen Naturalismus nicht selbst mit computergenerierten Bisons untergraben. Warum berührt "The Revenant" nicht? Vielleicht weil sein Regisseur und sein Hauptdarsteller zu jedem Zeitpunkt zu viel wollen.

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Hauptdarsteller und Regie, zwei der wichtigsten Oscars gehen an "The Revenant". Das war der erste naheliegende Einfall, die sichere und langweilige Nummer. Da hat sich jemand sehr angestrengt. Dafür wird er belohnt. Zwei der wichtigsten Oscars an "The Revenant". Das ist in einem Jahr, in dem die Preisverleihung mehr denn je in der Kritik stand, auch eine Entscheidung, die zeigt, wie verloren die Academy wirklich ist.

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Warum zeichnet man nicht Adam McKay in der Hauptkategorie aus, der in "The Big Short" mit ungewöhnlichen Erzählstrukturen die Finanzkrise unterhaltsam und verständlich aufgearbeitet hat?

Oder George Miller? Der begann seine postapokalyptische "Mad Max"-Reihe einst als australisches Outlaw-Kino - und wahrte seither erfolgreich Sicherheitsabstand zu Hollywood. Weshalb er nun mit "Mad Max: Fury Road" einen Blockbuster erschaffen konnte, der kein Blockbuster ist. Keine Prise Selbstironie nach dem Patentrezept des gängigen Superhelden-Films.

Nein, hier jagen ein paar sehr ernste Männer ein paar noch ernstere Frauen. Keine schauspielerische Selbstkasteiung, die sich ihre mediale und popkulturelle Weiterverwertung schon ins Drehbuch geschrieben hat. Keine mythische Überhöhung, keine Meta-Geschichten, sondern ein ehrliches Werk, das nicht mehr sein will als das, was es so offensichtlich ist: eine anderthalbstündige Autoverfolgungsjagd. Und so viel besser als ein zweieinhalbstündiges Survival-Video.

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