Oscar-Verleihung 2009 Die Academy ist nicht der Vatikan

Die Einschaltquoten sinken, die Filme buhlen um dasselbe Publikum: Oscars unter Druck.

Von Susan Vahabzadeh

Es wird wohl so sein, dass das Kino ein Nachfolger der Alchimie ist - die Suche nach dem künstlichen Leben und dem Stoff, der zu Gold wird. Eine goldüberzogene Statuette tut es im Zweifelsfall allerdings auch. Denn die Oscars, dafür werden sie von Hollywood geliebt, steigern den Gewinn. Es hat sich bei den Studios daher eingebürgert, oscarverdächtige Filme kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist, zum Jahresende, in die amerikanischen Kinos zu bringen. Um dann, wenn die Nominierungen feststehen, noch einmal Kopien nachzulegen. So geballt wie in diesem Jahr war der Aufmarsch allerdings noch nie.

Frisch poliert: Neuerungen bei der Verleihung der Oscars sollen die Zuschauerzahlen wieder steigen lassen.

(Foto: Foto: rtr)

Ein schwaches Kinojahr kann sich dabei innerhalb weniger Wochen in ein gutes verwandeln, wie der Startplan in den USA bewies: "Slumdog Millionär" (Mitte November) riss die Zuschauer mit, "Milk" (Ende November) war viel mehr als ein Schwulendrama, ,"Frost/Nixon" und "Der Vorleser" traten beide Anfang Dezember an; David Finchers poetischer Essay über das Altern, "Der seltsame Fall des Benjamin Button", kam Weihnachten dazu, dann "Glaubensfrage" und "Zeiten des Aufruhrs". Und alles natürlich in der Hoffnung, der erwartete Oscar-Glanz möge mehr Publikum ins Kino locken. Dass "Operation Walküre" ebenfalls noch fristgerecht gestartet wurde, hat halt einfach nichts genützt.

Nur haben die nah beieinander liegenden Starttermine, die sich mit leichter Verzögerung auch in den deutschen Kinos wiederholen, offenbar nicht den gewünschten Effekt - wenn alle die gleiche Strategie verfolgen, ist es, als habe am Ende keiner eine. Die Einspielergebnisse waren, obwohl es derzeit viele Menschen in die amerikanischen Kino zieht, für jeden einzelnen der Oscar-Kandidaten eher bescheiden. Kein Wunder - im Grunde buhlen alle diese Filme um dieselbe Publikumsschicht.

Ein Superheldenfilm und ein feinfühliges Familiendrama nehmen sich gegenseitig kaum Zuschauer weg, aber das sogenannte "Oscarmaterial", diese seltsame Kreuzung aus Epos und Arthouse, richtet sich an eine relativ homogene Zielgruppe. Wen das Interesse an der Bürgerrechtsbewegung in "Milk" lockt, der wird vielleicht auch wissen wollen, was Ron Howard aus der Begegnung des Journalisten David Frost mit dem Watergate-gestressten Richard Nixon gemacht hat. Das macht sich bemerkbar - selten hat, so Variety, die Nominierung so wenig Einfluss auf die Einspielergebnisse der folgenden Tage gehabt. Das kann der Oscar-Academy nicht egal sein, denn es geht hier um ihren Einfluss und ihre Macht.

Der Grund für den geballten, gleichzeitigen Angriff ähnlicher Filme aufs Publikum - der inzwischen auch nach Europa exportiert wird, wo die Filme früher um Monate zeitversetzt liefen - ist klar: Ein langes Leben in den Kinos gibt es nicht mehr. Kaum ein Film läuft heute, von Mundpropaganda angetrieben, noch über Monate hinweg. Oder ist es die Angst vor dem kollektiven Kurzzeitgedächtnis? An oscarwürdige Filme, die schon vor einem Jahr gestartet sind, erinnert sich heute kein Mensch mehr. Und doch diese Angst auch verräterisch - wer so wenig Vertrauen in die Langzeitwirkung seiner Arbeit hat, gibt auch den Traum vom historischen Kunststück auf, zugunsten leichter Dutzendware: Tand statt Gold, kein Stein der Weisen.

Die Familie als Schutz vor der feindlichen Welt

Solche Zweifel haben die Filme, um die es diesmal geht, nicht verdient; sie treffen den Geist der Zeit, ordnen sich vielleicht den Präferenzen der Academy unter, aber das muss nichts Schlechtes sein. Die Oscarwähler belohnen tatsächlich fast immer die ureigenste Kinokunst, das trickreiche Spiel mit Emotionen, das die Seelen des Publikums durchschüttelt. Das gilt selbst für Gus Van Sant, der in manchen Szenen seines "Milk" anklingen lässt, dass er unsere Gefühlswelt so gekonnt manipulieren könnte wie Steven Spielberg - wenn er nur wollte. "Milk" und "Frost/Nixon" erzählen vom Kampfgeist, den sie Obama wünschen; "Benjamin" und "Slumdog" sehnen sich nach dem Rückhalt einer intakten Familie.

Das war auch auf den Festivals ein immer wiederkehrendes Motiv im vergangenen Jahr - das Nest, das Schutz bietet vor einer feindlichen, unkalkulierbaren Außenwelt; von der, als die Filme gedreht wurden, noch keiner wusste, wie unkalkulierbar, desorientiert und ausbeuterisch sie im Frühjahr 2009, nach Einsetzen der größten denkbaren Rezession, tatsächlich werden würde. Dieses Jahr ist kein "Herr der Ringe"- Jahr der Flucht in graue Vorzeiten, und auch kein Jahr fürs gehobene Geballere, welches die Academy bei "No Country for Old Men" oder "The Departed", den letzten beiden Best Pictures, noch faszinieren konnte.

Trophäe für die Tochter

Wird es aber gelingen, dieses Jahr wieder näher am Massengeschmack zu sein? Die Einschaltquoten der Oscar-Show sinken seit Jahren, auch das ist ein Problem, dem sich die Academy nun entschlossen stellen will. Es soll eine Reihe von Neuerungen geben, die aber zumeist noch streng geheim sind. Bekannt ist nur der neue Moderator, Hugh Jackman, ein reiner Schauspieler, kein Stand-Up-Comedian mehr mit eigenem Gagschreiber-Stab im Hintergrund. Bekannt ist auch, wem der Oscar gehören wird, falls der verstorbene Heath Ledger für die Beste Nebenrollen in "The Dark Knight" gewinnt - seiner dreijährigen Tochter Matilda Rose.

Wer sonst im Scheinwerferlicht stehen darf, um die Preise auch nur zu überreichen, wird diesmal dagegen gehütet wie ein Staatsgeheimnis - die Vorjahrespreisträger sind es auf jeden Fall nicht, und selbst auf dem Roten Teppich sollen diese Gesichter vorher nicht zu sehen sein. Das ist nicht die fundamentale Neuerung, die manche schon lange fordern - wie der Variety-Chefredakteur Peter Bart es einmal formuliert hat: "Die Academy ist nicht der Vatikan". Es ist eher ein Zeichen der Angst.

Am Ende wäre es doch Zeit, mit ein paar Traditionen zu brechen. Den Wahlpraktiken vielleicht - die Abstimmungen über Nominierung und Sieger laufen unterschiedlich ab, das Nominierungssystem favorisiert Filme, die alle in Ordnung aber keiner phantastisch findet, in der Endrunde aber zählt leidenschaftliche Verteidigung, was die Chancen für einen Außenseiter erhöht. Das wäre, in diesem Jahr, "Slumdog Millionär". Der heizt zumindest schon mal das Wettgeschäft an in Indien, wo man sich irgendwie mitnominiert fühlt, obwohl die Macher aus England kommen. Optimistische Inder, heißt es, haben nicht weniger als eine Milliarde Rupien auf Sieg gesetzt.

"Oh, mein Gott, danke Mama, ich verdiene ihn!"

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