Mit dem "Englischen Patienten" und dem "Talentierten Mr. Ripley" wurde Regisseur Anthony Minghella berühmt. Nun starb er im Alter von 54 Jahren. Dabei hatte er offenbar noch viel vor.

Anthony Minghella ist tot. Der britische Regisseur, Drehbuchautor und Oscar-Preisträger starb im Alter von 54 Jahren, wie seine Agentin am Dienstag mitteilte, ohne eine Todesursache zu nennen. Sein Ableben habe die Familie "hart getroffen", sagten Nachbarn der Minghellas in Ryde auf der Isle of Wight Reportern. Die Familie selbst wollte sich zunächst nicht äußern.

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Anthony Minghella wurde 54 Jahre alt. (© Foto: Getty Images)

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Der Filmemacher hatte für sein Epos "Der englische Patient" im Jahr 1997 den Oscar für die beste Regie erhalten. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen zudem "Der talentierte Mr. Ripley" und "Cold Mountain".

Der Sohn italienischer Eltern, die eine Eisfabrik betrieben, wurde am 6. Januar 1954 als Sohn von Eddie Minghella und seiner Frau Gloria auf der Isle of Wight in England geboren. Seine Eltern waren italienische Einwanderer, die es zu einer kleinen Eisfabrik und einem Café gebracht hatten, in dem Minghella schon als Jugendlicher mithalf. Seine erste Begegnung mit dem Kino hatte er als Eisverkäufer. Seit 1981 war er als Autor tätig. Er wurde mit Theaterstücken, Rundfunkhörspielen, der Fernsehserie Inspector Morse, vielen Drehbüchern für Film und Fernsehen bekannt. 1984 erhielt er den Londoner Kritikerpreis als meistversprechender junger Dramatiker und 1986 den Kritikerpreis für sein Drama "Made in Bangkok" als bestes Stück der Saison.

Fürs Fernsehen verfasste er unter anderem das Pilotscript für die Serie "Inspector Morse" und arbeitete in der Folge eng mit dem Regisseur Jim Henson zusammen, für den er die Drehbücher zu der Serie "Storyteller" (ab 1988) und dem Film "Living with Dinosaurs" (1990) schrieb, die jeweils mit einem Emmy bedacht wurden.

Zum Erstaunen der Filmszene

Mit der kleinen Liebes- und Geistergeschichte "Truly, Madly, Deeply" (1991; dt. Wie verrückt und aus tiefstem Herzen) wagte Minghella sein Regiedebüt beim Film und hatte auf Anhieb Erfolg. Die heiter-melancholische Story um eine Frau, die unter dem Tod ihres Mannes so sehr leidet, dass dieser aus dem Jenseits wieder zurückkehrt, erhielt hohes Lob und wurde mit zahlreichen Preisen bedacht. Nach einem Misserfolg mit der heiter-ironischen Beziehungskomödie "Mr. Wonderful" (1993) katapultierte ihn das Leinwanddrama "The English Patient" (1996; dt. Der englische Patient) nach der literarischen Vorlage von Michael Ondaatjes gleichnamigem Roman schlagartig in die erste Reihe der internationalen Regie-Stars.

Zum Erstaunen der Filmszene erschuf Minghella in vierjähriger Arbeit trotz schwieriger Drehbedingungen in der Wüste und dem kurzfristigen Rückzug der Produktionsfirma ein großes Kinoepos um Liebe, Leidenschaft und Tod. Das kompliziert aufgebaute Melodram schildert die Fieberfantasien eines durch ein brennendes Flugzeug zur Unkenntlichkeit entstellten Patienten (Joseph Fiennes), der von einer Krankenschwester (Juliette Binoche) hingebungsvoll gepflegt wird.

Geradezu überschwänglich fielen die Medienkritiken für den "englischen Patienten" aus. Kritiker bemühten gar den Vergleich mit dem legendären Filmepos "Casablanca". Die offiziellen Ehrungen blieben nicht aus. Nach der Verleihung des "Golden Globe" als bestem dramatischen Film war "Der englische Patient" das Glanzlicht bei der "Oscar"-Verleihung 1997. In zwölf Kategorien nominiert, wurden Minghella und seinem Meisterwerk neun "Oscars" unter anderem als bester Film, für Regie, Kamera und Ausstattung zuteil.

Zu peinlich

Ein großer kommerzieller Erfolg wurde auch Minghellas nächster Film, die Adaption des gleichnamigen Patricia-Highsmith-Psychokrimis "The Talented Mr. Ripley" (1999; dt. Der talentierte Mr. Ripley) mit Matt Damon,Gwyneth Paltrow und Jude Law in den Hauptrollen. Die Geschichte eines jungen Hochstaplers, der von einem US-Millionär nach Italien geschickt wird, um dessen abtrünnigen Sohn nach Hause zu holen, wurde von Minghella mit Bildern aus dem Italien der 50er Jahre illustriert und mit Reflexionen über Klassenkampf, Besitzneid und latente Homosexualität gespickt.

An eine weitere Romanverfilmung wagte sich Minghella mit Charles Fraziers Bürgerkriegsepos "Cold Mountain" (2003; dt. Unterwegs nach Cold Mountain). Jude Law und Nicole Kidman spielen darin ein junges Liebespaar, das durch den amerikanischen Bürgerkrieg getrennt wird, bis der junge Soldat desertiert und zu Fuß den langen Heimweg antritt.

Minghella gehörte zu den Regisseuren, die sich ihre Werke nach Fertigstellung nicht mehr anschauen, weil ihnen das zu "peinlich" erscheint, wie der Regisseur zitiert wird. Mit der Theaterarbeit hat er nach eigenen Angaben aus demselben Grund aufgehört: Er konnte seine Stücke auf der Bühne nicht ertragen.

Noch viel vorgehabt

Für Überraschung, aber auch negative Kommentare, sorgte Minghella im Frühjahr 2005 mit einem Wahlspot vor den Unterhauswahlen in Großbritannien. Hierin zeigte der Regisseur die beiden Labour-Kontrahenten, Premier Tony Blair und Schatzkanzler Gordon Brown ("Tony and Gordon - The Movie"), in bester Eintracht. Im November 2005 hatte Minghella mit einer Inszenierung von Puccinis "Madame Butterfly" sein Operndebüt an der English National Opera in London.

Minghella war zum zweiten Mal verheiratet und hat einen Sohn aus erster Ehe. Sein letzter Film lief Anfang 2007 im Kino und hieß "Catch a Fire". Dass Minghella zu früh aus dem Leben gerissen wurde, zeigt die umfangreiche Liste seiner geplanten oder bereits begonnenen Filmprojekte. So war er an dem Film "Der Vorleser" nach dem gleichnamigen Roman von Bernhard Schlink, der derzeit noch gedreht wird, als Produzent beteiligt.

Im Dreh war in seiner Regie auch "The No. 1 Ladies Detective Agency" nach einem Buch des Krimiautors Alexander McCall. Zudem war er im Gespräch für eine Hollywood-Neuverfilmung des Oscar-gekrönten deutschen Stasi-Films "Das Leben der Anderen".

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(sueddeutsche.de/dpa/rus)