Oscar-Moderator Chris Rock, die letzte Hoffnung

Chris Rock

(Foto: REUTERS)

Kein einziger Nominierter ist in diesem Jahr schwarz - nur der Moderator. Chris Rock wird sich diese Chance nicht entgehen lassen, der Filmindustrie den Spiegel vorzuhalten.

Von Carolin Gasteiger

Auf Chris Rock ruhen in diesem Jahr alle Hoffnungen. Alle schwarzen, könnte man sagen. Bei den 88. Academy Awards sind nur weiße Schauspieler und Beiträge nominiert, doch immerhin einer, der Moderator, ist schwarz. Und alle warten gespannt, was der Comedian aus der #OscarsSoWhite-Debatte machen wird.

Als der heute 51-Jährige 2005 die Oscars zum ersten Mal moderierte, gewannen mit Jamie Foxx und Morgan Freeman immerhin zwei schwarze Schauspieler als bester Haupt- und Nebendarsteller. Und 2016? Kein Spike Lee, kein Idris Elba, keine Nominierung für den "Straight Outta Compton"-Cast oder für "Creed" (dass nur Sly Stallone nominiert wurde, ist ein schwacher Trost). Wäre Rock der Aufforderung von Rapper 50 Cent gefolgt und hätte die Moderation abgesagt - es wäre fatal gewesen. Hätte doch jeder andere, höchstwahrscheinlich weiße Moderator die Debatte um die "weißen" Oscars noch befeuert. Aber Rock wäre nicht Rock, hätte er nicht seine Chance gewittert.

Die "weißen" Oscars

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Ist es das in Brooklyn geborene Arbeiterkind doch gewohnt, der (weißen) Filmindustrie den (schwarzen) Spiegel vorzuhalten. In seinen Auftritten bei Saturday Night Live, aber auch als Host der MTV Awards, der Grammys oder der Emmy-Verleihung, ist er für seine spitze Zunge bekannt. Im Vorfeld seiner Oscar-Premiere machte er keinen Hehl daraus, dass er die Verleihung für nicht viel mehr als eine Fashion Show hält und sie eigentlich nie verfolgt.

Aus Furcht vor allzu unpassenden Sprüchen strahlte ABC die Verleihung mit siebensekündiger Verspätung aus, einer Art Rock-Puffer. Und Rock eckte tatsächlich an: Bei Jude Law, der zum Erstaunen des Moderators in auffallend vielen Filmen auftauchte. Und bei der Oscar-Jury, als er in einem Video schwarze Kinogänger befragte, welche Filme sie sehen würden. Fazit: keinen einzigen der von der Jury nominierten. Doch die stärkste Botschaft vermittelt Rocks jüngster Film "Top Five", in dem er einen Comedy-Star in der Krise mimt. Als schwarzer Akteur könne man in den USA entweder den Clown oder den Sklaven spielen, lautet die Message.

Eine Kritik, die der Komiker auch anderswo bereitwillig äußert. In einem Essay für den Hollywood Reporter charakterisierte Rock im vergangenen Jahr das Filmbusiness: "Es ist eine weiße Industrie. Ebenso wie die NBA eine schwarze ist." Und in dieser würden vorwiegend weiße Künstler von anderen Weißen gefördert. Das will Rock, der selbst Ende der Achtziger von Eddie Murphy entdeckt und protegiert wurde, anders machen. Er unterstützt nun selbst schwarze Talente: "Ich würde das natürlich auch für einen Weißen tun, aber der Unterschied ist der: Einem weißen Künstler wird jemand helfen. Vielleicht sogar mehrere. Aber den Menschen, denen ich versuche zu helfen, hätte nicht zwangsläufig jemand geholfen."

Nicht umsonst schreibt The Atlantic, dass Rock der richtige Mann für die diesjährige Verleihung ist. Genau seinen bissigen Humor bräuchten die Oscars. Auch, weil er als Comedian genügend ironische Distanz habe und der großen Bühne gewachsen sei. Seine Premiere 2005 zog immerhin 42 Millionen Zuschauer an; Neil Patrick Harris kam im vergangenen Jahr auf 37 Millionen. Offenbar hat Rock seine Rede im Verlauf der Debatte noch einmal umgeschrieben - und man darf mit einer sehr politischen Moderation rechnen.

Einen Vorgeschmack darauf gab Rock bereits kurz nach Verlautbarung, dass er den Job in diesem Jahr übernehmen wird. Auf Twitter persiflierte er die Academy Awards als "garantiert weiße Awards":

Vielleicht vergreift sich Rock im Ton. Vielleicht teilt er gegen die Falschen aus. Vielleicht ist das aber auch gar nicht so schlimm. Ist er doch die einzige Chance der Academy, zu zeigen, dass sich diese Veranstaltung nicht schon selbst überlebt hat. Indem ihr einer wie Rock den Spiegel vorhält.

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