Lauter Entscheidungen und Auftritte, die man eigentlich gar nicht kritisieren kann, die man sich aber trotzdem irgendwie aufregender gewünscht hätte. Heath Ledgers Ehrung beispielsweise. Es war völlig klar, dass Ledger posthum als Bester Nebendarsteller gewinnen würde, für seinen entfesselten Auftritt als Joker, der einem schwer angeschlagenen Batman in "The Dark Knight" das Leben zur Hölle macht. Nicht so klar war, ob seine dreijährige Tochter, die diesen Oscar eines Tages besitzen wird, von der Familie auf die Bühne bugsiert werden würde - für einen großen, geradezu historischen Tränen-Moment. Es passierte aber nicht, es kamen nur Vater, Mutter und Schwester und sagten artige Sachen im Namen des Verstorbenen. Es siegten also Dezenz und Geschmack. Zum Glück, könnte man sagen. Oder auch: leider Gottes.
Nicht zu stoppen: Latika (Freida Pinto) auf dem Weg zu ihrer großen Liebe - und "Slumdog Millionär" auf dem Weg zu acht Oscars. (© Foto: Filmverleih/Prokino)
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Holocaust in beliebiger Länge
Diese Schizophrenie, gewisse Peinlichkeiten zu verdammen und gleichzeitig sehnsüchtig herbeizuwünschen, das war immer das eigentliche Oscar-Spiel. Darauf gründete ihr Status als Mutter aller Filmpreisverleihungen. Überraschungen gehörten dazu, sie verwandelten ein Branchen- in ein Weltereignis - diesmal fehlten sie völlig.
Selbst die Kategorie der weiblichen Nebendarstellerin, in der gern totale Außenseiterinnen gewinnen, ging diesmal wie erwartet an Penélope Cruz für "Vicky Cristina Barcelona". Die größte Überraschung war eine sehr kleine - beim fremdsprachigen Film gewann statt des Israelis der Japaner. Nun ja. Der "Baader Meinhof Komplex" gewann nicht, dafür einmal mehr ein deutsches Holocaust-Drama, "Spielzeugland" von Jochen Alexander Freydank. Sowas liefern wir auf Wunsch in jeder Länge. Diesmal: 14 Minuten, Kategorie Kurzfilm.
Persönliche Paten
Als hätten sie die übergreifende Berechenbarkeit geahnt, stemmten sich die Macher der Gala gegen allzu vertraute Formeln und schufen ein paar neue, tatsächlich überzeugende Momente. Der singende und tanzende Moderator Hugh Jackman war das weniger, der beschwor eher altmodische, irgendwie selbstgebastelte Vaudeville-Werte. Überzeugend dagegen die Idee, allen nominierten Schauspielern eine Art persönlichen Paten zu schenken: De Niro für Sean Penn, Sophia Loren für Meryl Streep, Nicole Kidman für Angelina Jolie, und so fort. Diese Paten fanden in ihrem Lob tatsächlich eine persönliche Ansprache, die einmal nicht aus der Floskel-Retorte zu kommen schien. Draußen die kalte Rezession, Kalifornien fast bankrott, drinnen aber familiäres Zusammenrücken - das war der Effekt.
Aber ach, die Probleme liegen tiefer, sie sind längst demographisch und strukturell. Wenn alle Wähler immer ähnlicher denken und alle Preise austauschbar werden, hilft eigentlich nur die radikale Verknappung und Beschleunigung der ganzen Award Season: Eine einzige Woche im Februar, das könnte man sich jetzt sehr gut vorstellen. Das Ganze eine Art Turnier, jeden Tag einen anderen Preis, mit den Oscars als Endspiel.
Das Aufatmen auch in Hollywood wäre gewaltig.
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(SZ vom 24.02.2009/holz/rus)
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