Osama bin Ladens Tod: Foto-Analyse So betroffen schauen Täter

Hielt sich Hillary Clinton aus Entsetzen die Hand vor den Mund? Und warum wirkt Präsident Obama so klein neben seinen Militärs? Experten haben nun die Fotos im "Situation Room" während des Einsatzes gegen Osama bin Laden analysiert.

Von Susanne Gmuer

Die Fotografie aus dem "Situation Room", in dem sich am 1. Mai 2011 das nationale Sicherheitsteam der US-Regierung versammelt hatte, um - wie es in der offiziellen Bildunterschrift heißt - ein "Update zur Mission gegen Osama bin Laden" zu erhalten, ist alles andere als ein schreckliches Bild.

Dennoch hat es in der Öffentlichkeit zu ausgiebigen Diskussionen geführt, ist vielfach kommentiert und auch parodiert worden. Kurz nach seiner Publikation am 2. Mai auf dem Flickr-Album des Weißen Hauses wurde es zu einer Fotografie erhoben, das es in die Geschichtsbücher schaffen wird.

Nun widmete sich ein zweitägiger "Interdisziplinärer Workshop zur Bildanalyse" der Universität Hildesheim diesem Bild. Man verband das Anliegen, unterschiedliche Methoden zu diskutieren, mit dem Interesse, etwas zur "politischen Ikonographie der Gegenwart" herauszufinden.

Der Titel des Workshops, "Hillarys Hand", fokussierte dabei auf jenes Bildelement, das auch vor einem halben Jahr das Interesse auf sich zog. Ist das eine Geste des Entsetzens? Ist sie spontan oder inszeniert? Wird die Außenministerin mit diesem Bild öffentlich vorgeführt? Erhöht oder vermindert es ihre Chancen auf eine Präsidentschaft?

Schlüssige Antworten dazu fand man auch in Hildesheim nicht. Einig war man sich, dass Obama in einer untergeordneten Rolle erscheint. Aber ist das nun Demonstration nobler Bescheidenheit, oder zeigt es nicht vielmehr die Ohnmacht des Präsidenten neben der Macht des Militärs, das hier vertreten ist durch General Marshall B. Webb, der auf dem Chefsessel sitzt?

Das Bild zeigt nicht, um was es geht

Dessen Herz immerhin exakt in der geometrischen Bildmitte schlägt, dekoriert von Orden, die allen anderen fehlen? Guckt Vizepräsident Joe Biden (ganz links) skeptisch oder entspannt? Bedeuten die vielen verschränkten Arme "Ich habe damit nichts zu tun"?

Das Bild zieht das Interesse auf sich, weil es nicht zeigt, um was es geht, und man nur dank der mitgelieferten Bildunterschrift weiß, dass hier die (gemäß offiziellen Angaben) 38 Minuten dauernde Operation mitverfolgt wird, die mit der Tötung Osama bin Ladens endete.

Die Vorstellungskraft besetzt diese eine Leerstelle, die gefüllt werden will: die für uns nicht sichtbaren Screens links außerhalb des Bildes, auf die alle Blicke, außer denen von General Webb, gerichtet sind. Was sehen sie, was ich nicht sehe?

Dabei bietet, wie die Erziehungswissenschaftlerin Ulrike Pilarczyk meinte, Hillary Clintons Erschrecken (das als solches wahrgenommen werde, auch wenn es keines gewesen sein sollte) den emotionalen Punkt, an dem man einsteigen könne. Auch formal wird der Betrachter eingeschleust: Die Bildkomposition öffnet, wie der Kunsthistoriker Michael Diers festhielt, die Runde an der unteren Bildkante und bereitet ihm hier ein Plätzchen in dem ansonsten dicht gefüllten Raum, lässt ihn den Kreis schließen.

Geschlossenes Kollektiv

Obschon nun solchermaßen vertraulich eingeweiht in einen Ort höchster Macht und Geheimhaltung, der dabei durch Freizeit-Look und Coffee-to-go-Becher als die vertraute Jedermanns-Welt von Sitzungszimmern erscheint, ist man dennoch ganz entschieden aus dem Zirkel der Macht ausgeschlossen. Was diese Menschen hier sehen, darf ich nicht sehen!

Diese Ambivalenz, als Betrachter ein- und ausgeschlossen zugleich zu sein - darüber war man sich weitgehend einig -, sei das entscheidende Merkmal dieses Bildes und bilde seinen Reiz. Der sich aber sofort in Luft auflöste, wenn Bilder mit der Leiche Osama bin Ladens veröffentlicht würden, wandte der Soziologe Ulrich Oevermann ein. Sein Urteil ging weiter: Das Bild stehe für eine "Hinrichtung im Modus der Rache", es legitimiere den "Hegemon" USA, indem dieser durch die Publikation des im Grunde banalen Bildes die Weltöffentlichkeit einschließe: in etwas, was letztlich eine Verletzung grundlegender demokratischer und rechtsstaatlicher Prinzipien sei.

Die Analyse des Soziologen Jürgen Raab zielte in eine ähnliche Richtung. In diesem Bild drücke sich das (alte) amerikanische Motto "E pluribus unum" ("aus vielen eines") aus, welches im Siegel der Vereinigten Staaten festgehalten ist. Das Bild schaffe es unter anderem, die offensichtlich unterschiedlichsten Reaktionen der anwesenden Individuen aufzuheben in ein geschlossenes Kollektiv, wirke somit vergemeinschaftend und legitimiere auf diese Weise die "Irrationalität illegitimer Gewalt".

Während der Philosoph Gerhard Schweppenhäuser von "Tätern" sprach, die hier als "betroffene Zuschauer" erscheinen, formulierte die Wiener Psychologin Aglaja Przyborski neutraler, dass hier die "militärisch-strategische Tötung eines Menschen" zurücktrete hinter eine "Inszenierung menschlicher Regierung und Regung". Ob damit, wie Michael Diers mutmaßte, ein bildpolitischer Paradigmenwechsel in die Welt gesetzt worden ist?