Orgien-Mysterien-Theater Blut und Hoden

Samma keine Wurschtln mehr. Hermann Nitsch inszeniert sein "Orgien-Mysterien-Theater" in Wien als Krönungsmesse. Und dafür hat so manche Sau bluten müssen. Damit sich die Darsteller in ihren Gedärmen suhlen konnten.

Von HELMUT SCHÖDEL

Das Burgtheater sei nicht tot, sagte ein Zuschauer, "aber es riecht schon ein bisschen komisch". Es roch in der Burg wie in einem Schlachthaus nach Blut und Exkrementen, die in der Hitze des Scheinwerferlichts aufdampften, bis einem der Tod in die Nase stieg oder, wer weiß, das Leben, und sich alles mit den Parfümwolken der Zuschauer vermischte. Blechern hallten die Gongs, dumpf die Trommeln, und über allem lag acht Stunden lang derselbe Orgelton in allen Räumen, vom Synthesizer in leichte Schwingungen versetzt. War es gelungen, die gute alte Burg in Trance zu versetzen?

Dong! Wumms! Holzkreuze wurden angeschleppt für nackte junge Männer und Frauen, die sich ans Kreuz hängen und mit weiß verbundenen Augen Blut in sich hineinschütten ließen. Daneben ausgeweidete Schweine in gleicher Position, eine arme Sau neben der anderen.

(Foto: Foto: REUTERS)

Klaus Bachler hatte den österreichischen Aktionskünstler Hermann Nitsch mit der 122. Aktion seines "Orgien-Mysterien-Theaters" in die Wiener Burg eingeladen. Schon in der Kassenhalle stolperte man über weiße Tragbahren und stieg mit weiß gekleideten Nitsch-Akteuren zusammen, die Eimer voller Eingeweide und Karaffen voller Blut transportierten. Weiß und Rot waren die Signalfarben des Abends, als Schneeweißchen und Rosenrot zum Galgen gingen. Vor den Augen eines kleinen, korpulenten, langbärtigen Mannes, der ab und an fast gemächlich seine silberne Trillerpfeife benutzte wie ein Dirigent seinen Taktstock. "Man muss einfach glauben, dass er keinen Ritualmord plant", frotzelte der Spiegel über Nitsch.

Auch wenn die Burg nicht unbedingt kult ist, Kultstätte war sie nun. Wie eine Eiche stand sie an der Ringstraße, gleich beim Gral um die Ecke. Freud, Nietzsche und ein Wort wie "Katharsis" warteten zusammen mit dem Numinosen auf ihren Auftritt. Allerdings marschierte da schon eine Blaskapelle durchs Theater, als wäre alles ein großes Volksfest.

Hätte da nicht schon wieder der Gong gescheppert, und jemand das Trommelfell der Pauke bedient. Dong! Wumms! Holzkreuze wurden angeschleppt für nackte junge Männer und Frauen, die sich ans Kreuz hängen und mit weiß verbundenen Augen Blut in sich hineinschütten ließen. Daneben ausgeweidete Schweine in gleicher Position, eine arme Sau neben der anderen. Und wenn man den Klängen des Orchesters der Jungen Philharmonie Wien, einer fortwährenden Klangwelle, irgendwo zwischen Meditation und Erregung, folgte, umfingen den Betrachter schon bald die heißkalten Umarmungen der Passion. Mensch und Tier im Leid vereint.

Leid als Leidenschaft. Blutschlucken, Hängen, Dulden. Erst dann gibt's die Eintrittskarte zum Fest. Dann gibt es bei Dionysos einen aufs Haus. Dann lässt man, natürlich ganz freudianisch, die Sau raus, die verdrängte, die eben noch am Galgen hing.

Man mag ja Spirituale von Hermann Nitsch mittlerweile schon museal finden - jedenfalls verließ man die Burg als ein Anderer: als Kirchensteuern bezahlender gläubiger Heide, der sich satt gesehen hatte an den Säften, die das Leben ausmachen, im Kopf das Blutbild.

Stets wüten die Mythen - daran führte an diesem Abend kein Weg vorbei. Auch der Parsifal-Mythos schleppte sich über die Feststiege. Oben ein Gekreuzigter im weißen Ritualhemd, und von unten kamen die Speerträger. An riesigen Stangen waren Schwerter befestigt, die auf die Wunde zeigten. Die Wunde des Gottessohns und die des Amfortas. Denn die Wunde schließt der Speer, der sie schlug. Hinter der Szene: der Chor der Universität Wien, junge Leute, die sich die Nasen zuhielten vor dem Blutgeruch, bevor dann ein Stierkadaver am Galgen ums Theater getragen wurde. Es erwies sich als schwierig, dem Koloss sein Golgatha zu verschaffen und die Zentnerlast zu schleppen, weshalb Dionysos dann mit bald zwei Stunden Verspätung auftrat. Immer wieder musste man den Galgen absetzen, bis es dann hieß: Move! Obsessionen gestalten sich bisweilen kompliziert.

Dafür gab es dann ein sensationelles Finale. Wie Rugby-Spieler stürzten sich Nitschs weiß gekleidete Mannschaften über einen Gekreuzigten und diverse Blutwannen, während seine Hilfssheriffs die Szene mit Obst und Gemüse überschütteten, Trauben und den in Österreich Paradeiser genannten Tomaten. Ein Fruchtbarkeitsritual überschwemmte das Dunkel der Riten, und da stand man dann da, allein gelassen mit den vertanen Chancen der Aufklärung, die hilfreich, aber nicht alles waren.

Das war es: Klaus Bachler hatte in einer Digestfassung eine Krönungsmesse für Nitsch inszenieren lassen, dem man zuvor auch noch den Österreichischen Staatspreis verlieh. Jahrelang hatte man ihn verhöhnt, geächtet und bekämpft. Auch wenn man ihm nicht vollkommen folgen kann, er ist einer der großen Künstler Österreichs, dessen barockes Gehöft im burgenländischen Prinzendorf, wo er ansonsten sein Ritual- und Prozessionstheater betreibt, nun endlich zum Gegen-Bayreuth ernannt wurde.

Österreich macht seinen Frieden mit seinen Aktionisten. Mit Otto Mühl, Günter Brus und nun auch mit Nitsch. Man ergibt sich dem internationalen Druck. Tapfer war ma net, aber jetzt samma fesch! Hermann, der Blutige, ist einer von uns, weltweit. Samma keine Wurschtln mehr.