Die Oper muss ganz schön stark sein. Immerhin hat sie Übergriffe von Thomas Gottschalk bis Christoph Schlingensief nicht nur ausgehalten, sondern sich sogar an ihnen bereichert.
Nichts in der Kunst ist so schwach und so stark zugleich wie die Oper. Schwach, weil sie es im Verlauf ihrer Geschichte nur über kurze Perioden und an wenigen Orten vermochte, selbst die zu ihrem Unterhalt notwendigen Mittel aufzubringen, schwach, weil der gigantische Apparat, den jede Aufführung erfordert, von jeher in einem prekären Verhältnis zur Größe des Publikums steht, schwach aber auch aus Gründen, die in der Oper selber liegen:
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Die Oper ist an Künstlichkeit nicht zu übertreffen; hier die Oper "Tannhaeuser" von Richard Wagner bei den Bayreuther Festspielen. (© Foto: AP)
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Denn auch an Künstlichkeit ist die Oper nicht zu übertreffen - oder wie plausibel sind Menschen, die sich auf eine Bühne stellen, um ihr Seelenleben singend mit Orchesterbegleitung darzustellen und lauthals Intrigen zu spinnen, die ihre Gegenspieler, nur ein paar Meter entfernt, gar nicht zu vernehmen scheinen? Und wie hilflos alle Versuche sind, den Plot einer Oper nachzuerzählen!
Dann sieht man Bilder von Thomas Gottschalk, wie er pfauengleich und in golden glänzenden Schuhen den Hügel von Bayreuth emporschreitet, man weiß von despotischen Intendanten und erbitterten Nachfolgekämpfen, man hat erfahren, wie Christoph Schlingensief, eigentlich weder in der Regie noch in der Musik ausgewiesen, "Parsifal" und den "Fliegenden Holländer" inszeniert.
Das Vormoderne ist ihr nicht auszutreiben
Und man denkt sich: Wie stark muss ein ästhetisches Genre sein, das solche Übergriffe nicht nur aushält, sondern sich sogar an ihnen bereichert? Und wie robust muss ein Repertoire sein, das - Monteverdi und Händel ausgenommen - im Wesentlichen vom späten achtzehnten bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert entstanden ist und jetzt einfach fortlebt, in Inszenierung nach Inszenierung immer weiter um sich selbst kreisend?
Es ist die Unwahrscheinlichkeit, die aus der Oper ein ebenso starkes wie robustes Genre werden lässt. Ihre Kraft speist sich aus der radikalen, rücksichtslosen Hingabe an das schöne Jetzt - und aus dem daraus resultierenden Umstand, dass sie von vornherein über allen Realismus hinaus ist und stattdessen eine bis in den Exzess geschraubte Künstlichkeit aushalten und genießen will.
Das Vormoderne ist ihr dabei (ebenso wie das Künstliche, und das gilt auch für Bertolt Brecht und Kurt Weill) nicht auszutreiben: Die Oper ist ein Produkt des Übergangs vom feudalen zum bürgerlichen Zeitalter und hat aus dem Innenleben eines sentimental gewordenen Adels eine Kunstform gemacht, die ihren ursprünglichen historischen Kontext nur noch als technische und dramaturgische Voraussetzung in sich trägt.
Aber nie gab es eine wirkliche Wiedergeburt der Oper. Und warum hätte es eine solche auch geben sollen, beglaubigt doch die Musik jede Behauptung, die man, wäre sie nur gesprochener oder geschriebener Text, schon lange nicht mehr glauben würde?
Die große Kunst der Erregung
Zur Oper gehört der einzelne Mensch, der, über alle Unterschiede von Klasse und Stand hinausragend, in scheinbar unerhörter Intimität seine Gefühle aus sich heraussingt.
Er bildet die Mitte dieser Kunstform, in ihm verschmilzt für zwei oder fünf Stunden die Welt, und die hochartifizielle Weise seines Vortrags ist nicht Hindernis, sondern Beflügelung seiner Gefühlskunst: Denn mit der Konvention wachsen die Möglichkeiten, sich darüber zu erheben, in den Ausdruck der reinsten Verzückung wie des reinsten Schmerzes.
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Sicher, es gibt auch in Bayreuth mitunter missglückte Inszenierungen, ich denke etwa an den von Flimm inszenierten Ring oder Schlingensiefs Parsifal-Version. Aber Claus Guths Holländer-Inszenierung war eine der am meisten durchdachten, psychologisch schlüssigsten und spannendsten Inszenierungen des Werks, die ich je gesehen habe. Einen traurigeren Lohengrin als die letzte Inszenierung des Stücks in Bayreuth hat es selten gegeben. Ich kann Ihren Rundumschlag nicht nachvollziehen. Und ob ein Gottschalk sich auf dem Grünen Hügel tummelt, ist mir völlig egal, solange er dort nur nicht singt. Die Promis spielen in Bayreuth ohnehin nur zur Eröffnungsvorstellung eine Rolle. Ansonsten ist ein Kennerpublikum versammelt, das durchaus kundig ist, mag es vielleicht auch von anderer Opernkunst als derjenigen Wagners wenig verstehen. Viel eher ist das Salzburger Festspielpublikum der Schikeria zuzuordnen. Da ist man öfters darüber erstaunt, welche Ignoranten Geld für die teuren Karten hinlegen, offenbar nur um gesehen zu werden oder sagen zu können, man sei in Salzburg gewesen.
Da kann Richard Wagner nichts für, das ist einfach die Dekadenz der inneren Leere der Verantwortlichen.
Wagner hätte es sich unmissverständlich verbeten, dass sein Werk von Ministerialbeamten verwaltet wird. Sie sind es, die nicht nur Bayreuth, sondern Deutschland mit ihrer Dekadenz der inneren Leere erwürgen.
Ja, es geht um Richard Wagners Werke auf Bayreuth`s Hügel. Den erklimmen wohlstandsgenährte, teils schon unangenehm auffallende "Prominente" wie Gottschalk (siehe BR FS vom 25.7.) nicht zu Fuß. Wie verändert die Republik sich hat, zeigen die Aufnahmen: die Kameraqualitäten haben sich verbessert, nicht jedoch die Gesichter, nicht die Roben, nicht die Körper, nicht die Charakter und Wertschätzung. Die Republik im Vergleich zu 1957, 1967, 1977, 1987 nicht wiedererkennbar.
Zu Zeiten Richard Weizsäckers standen noch Qualitäten an, Weltphilosophen der besten Art. Und die inneren Frequenzen der Werke Wagners wurden noch vielfach verstanden, wenn nicht gleich auch gelebt. Es ist klar, dass in Zeiten sexistischer Dominanz und Freischaltung schwarzer Löcher Parsifal und Lohengrin und Götterdämmerung wie Provokationen wirken und von der Bühne durch Lächerlichmachung verdammt werden müssen. Wer Niederes erstrebt, der fürchtet Hohes. Dem musste schon König Ludwig II. zum Opfer fallen. Was danach kam, waren schauerliche Akt aus der Welt des Niederen, waren niederste Akte der Menschheit. Zu retten ist sie ohnehin nicht. Im Staub und in ihrem Dreck wird sie versinken und als ein Schreckgebilde für kommende Generationen in Erinnerung bleiben. Anglizismen, Egoismen, Spaltungen, Größen- bzw. Energieverluste . . . . was will eigentlich die Zivilisation an Orten, wo die alten Gebäude zwar noch stehen, jedoch die Herzen längst dem Moloch verfallen und nicht einmal durch Goethes Funken laut Faust`s Erleuchtung heilbar? Katharina Wagner wollte Neues. Was nur lieferte sie ab: eine Vulgarität und Banalität zeitgenössisch eben. Der Kulturkrieg endet für das alte Europa schlecht. Überall zieht Banales, Biederes oder Ordinäres ein. Die Oper will die Menschen fangen: sie kann es inzwischen vielfach nur mit niederem Genre oder besser gesagt mit der Gosse. Darin haben Biedermänner und Menschenfänger wie Gottschalk ihr Element gefunden. Es darf so wie so nichts mehr so wie ganz früher sein.
richard kendel 8 1 5 4 5 Mü.