Eröffnungsabend Zu viel gewollt

Das Markgräfliche Opernhaus startet mit Johann Adolf Hasses "Artaserse", aber in einer allzu ambitionierten Verschnittversion.

Von Reinhard J. Brembeck

Im Zuge der Gleichberechtigung war es überfällig, dass auch ihr Opernhaus wieder Anschluss an den Klassikmarkt fand. Auf dass sie dem seinen auf dem Grünen Hügel Konkurrenz machen kann. Die Rede ist von Bayreuth, seinen beiden Opernhäusern und deren Gründergestalten, der Markgräfin Wilhelmine und Richard Wagner. Die in die fränkische Provinz abgeschobene Preußenprinzessin hat nicht zuletzt aus Frust bereits 128 Jahre vor Wagner ihr Opernhaus eröffnet, das seines in den Schatten stellt und selbst fürs damalige Berlin riesig gewesen wäre.

Jetzt sitzt Wilhelmines Wiedergängerin auf der Bühne: Zur Wiedereröffnung wird ein Verschnitt aus Johann Adolf Hasses einst europaweiter Erfolgsoper "Artaserse" gegeben, mit der das Haus 1748 eingeweiht wurde. Das war dem Produktionsteam um Regisseur Balázs Kovalik zu wenig. So erzählt er, wie ein Königsmörder, der das Verbrechen verschleiern will, deshalb sogar seinen Sohn umbringt - und verquickt das mit Episoden aus Wilhelmines Leben.

Die wird gespielt von Anja Silja, der legendären Wagner-Sängerin, die ihre ersten Triumphe in den Sechzigerjahren drüben im Festspielhaus feierte. Die Silja im roten Bombastkleid liest aus Briefen vor, die sich Wilhelmine und ihr angehimmelter Bruder Friedrich (der Große) schrieben. Das Gerangel um Wilhelmines Heirat, der sadistische Vater, die zickige Mutter, das Exil, der geliebte, sie betrügende Ehemann, die Kunst, der Siebenjährige Krieg und zuletzt ein selbstmitleidiges Monodram, das Anja Silja old-fashioned aufdonnert: die Passionsgeschichte einer Künstlerfrau, die gegen alle Widrigkeiten mit Kunst ankämpfte.

Was diese Kunsttherapie ihre Untertanen gekostet hat, davon kein Wort. Auch nicht beim Staatsakt, bei dem ein charmanter, hier gar nicht bierzeltiger Neuministerpräsident Markus Söder zu Topform auflief. Er beschwor Bayreuth derart bavarophil, dass man als staunender Zuhörer an der Existenz einer nicht-weiß-blauen Welt zu zweifeln begann.

Dazu passt, dass der "Artaserse" eine Produktion der Münchner Theaterakademie ist. Die fünf Solisten singen passabel, können aber in der kurzatmigen Akustik nicht verbergen, dass Hasse für die Bartolis und Pavarottis seiner Zeit komponierte. Expressiven Mehrwert liefern Natalya Boeva als leidgeplagte Mutter und Kathrin Zukowski, die in der eingefügten, von Wilhelmine stammenden grandiosen Sterbearie "Vado a morir" ganz Tiefe und Verzweiflung ist.

Ansonsten kommt das stärkste Plädoyer für den leider nicht häufig gespielten Hasse (1699-1783) von der Hofkapelle München unter Michael Hofstetter. Hasses Arien und das Quintett sind klar gebaute Nummern, die selbst in avantgardistischen Formulierungen aufs große Gefühl zielen. Hasse, der Neapel genauso wie Dresden, Wien und Venedig elektrisierte, ist in inspirierten Momenten so packend wie Mozart. Das ist das größte Geschenk dieser Produktion.

Da macht es wenig, dass Regisseur Balázs Kovalik mit seiner Absicht, sowohl den "Artaserse" als auch das Leben Wilhelmines zu erzählen, allzu ambitioniert unterwegs war. Die Parallelerzählung gerät ins Hinken, die Geschichten kommen sich in die Quere und am Ende sind die Einzelschicksale nur skizzenhaft erkennbar. Aber Hasses Musik kümmert sich nicht weiter ums Konzepttheater und macht, was sie am besten kann: verführen, betören, melancholisch stimmen.